Philosophie für Zwischendurch: die Grenze zwischen Natur und Kultur

Corine Pelluchon ist Professorin für Philosophie an der Universität Gustave Eiffel in Paris.  Ihre Schwerpunkte sind Politische Philosophie, Moralphilosophie und Ethik. In einem kürzlich geführten Interview reflektiert sie über die Frage der Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur und kommt zu dem Ergebnis, dass die Menschen im Zusammenleben mit den anderen Kreaturen an einem Scheideweg stehen. Gleichzeitig fragt sie, was sich aus der Pandemie für die Zukunft lernen lasse. Die Pandemie stellt eine Zäsur dar, einen Scheideweg, an dem die Menschheit in ihrem Zusammenleben mit den anderen Kreaturen steht. Dies bezieht sich nicht nur auf die Art der Ernährung und die Landwirtschaft, sondern auch die Art und Weise, wie wir als Lebewesen diese Erde bewohnen und sie miteinander teilen. Die Pandemie ist von den Menschen mitverursacht, weil wilden Tieren, die Wirte von Viren sind, die Möglichkeit gegeben wird, immer näher an den Menschen zu kommen. Schon in der Vergangenheit haben die Entwaldung und die Zerstörung des Lebensraumes der Tiere zu verschiedenen Epidemien beigetragen. Die Tiere tragen Viren in sich, gegen die die Menschen nicht immun sind und durch den Kontakt mit ihnen krank werden. Die Zoonosen sind Krankheiten, die von den Tieren auf den Menschen überspringen. Eine scharfe Trennung zwischen den Bereichen der menschlichen Gesundheit, der sozialen Gerechtigkeit und des tierischen Lebens, eine Grenzziehung zwischen Natur und Kultur ist nicht möglich. Denn diese drei Bereiche bedingen sich gegenseitig und sind miteinander verbunden. Daher ist es die Aufgabe der Politik, Formen des Zusammenlebens zu schaffen, die es den Menschen ermöglichen, demokratisch unter Gleichen zu leben und gleichzeitig das tierische und pflanzliche Leben zu achten und zu schützen. Corine Pelluchon bezeichnet dies als neue Aufklärung, die die dreifache Herrschaft, die Herrschaft über die anderen, über die uns umgebende Natur und über die innere Natur des Menschen überwinden kann. Denn diese dreifache Herrschaft erzeugt ökologische, gesundheitliche und soziale Kontraproduktivität und ist mit politischen Gefahren verbunden, die man anerkennen muss, damit man sie bekämpfen kann. Auf diese Weise ist es möglich, ein Entwicklungsmodell zu schaffen, das auf einem anderen Verhältnis zur Welt beruht, das Entwicklungsmodell der neuen Aufklärung. Anstatt immer nur die Regierungen wegen der Pandemiepolitik anzuprangern, kann der Mensch mit Hilfe der Vernunft selbst handeln und den Teufelskreis einer Moderne durchbrechen, die zu sehr auf Selbstliebe und Selbstüberschätzung gründet. Er versteht die Verwundbarkeit, die der Mensch mit allen Lebewesen gemein hat, er versteht aber auch, dass er eine besondere Verantwortung gegenüber der Schöpfung hat. Indem wir unsere Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen und anderem Leben nachkommen und für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie eintreten, ergänzen wir die Menschenrechte.  Darauf hinzuweisen ist die Aufgabe der politischen Philosophie.

Anzeige

Mehr von Helga Ranis

Über die Gerechtigkeit

Die Bildung zum Weltmenschen

Über die Notwendigkeit des Verzichts

Also sprach Zarathustra

Allein in der Wüste

Der Unterschied von “ich” und “wir”

Das Prinzip Hoffnung

Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Die fünf Wege, Gott zu erkennen

Die Welt ist Geist

Trost der Philosophie

Die größte Tugend ist es, dem Weg zu folgen und nur diesem Weg

Über die Ausgeglichenheit der Seele

Alles fließt

Ich denke, also bin ich

Über das Geld

Existentialismus

Die Kraft der Hoffnung

Philosophische Gedanken über das Alter: “De senectute” von Marcus Tullius Cicero

John Stuart Mill: Vom Prinzip des größten Glücks

Selbstreflexion von Blaise Pascal: Was ist ein Mensch in der Unendlichkeit?

Tipps von Epiktet: Wie wir innerlich frei werden können

Wie wollen wir leben: Gedanken über ein gelingendes Leben

Philosophie der Herausforderung: Über das Sein

 

20. April 2021
Anzeige
Anzeige