Philosophie für Zwischendurch:„Also sprach Zarathustra“

Dieses Buch, das aus vier Teilen besteht und von 1883 bis 1885 geschrieben wurde, dürfte das bekannteste Werk Nietzsches und vielen ein Begriff sein, auch wenn sie sich noch nicht mit dem Philosophen beschäftigt haben.  In hymnischer Prosa erzählt Nietzsche (1844-1900) vom Wirken eines fiktiven Denkers, der den Namen des persischen Religionsstifters Zarathustra trägt und der ebenso von seinen Mitmenschen missverstanden wird, wie viele Jahre später der christliche Religionsstifter Jesus. Der historische Zarathustra lebte im Übergang vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend und war Begründer der persischen Religion des Zoroastrismus. Im Zentrum dieses Glaubens steht der Schöpfergott, der von zahlreichen Heiligen begleitet wird, sowie dessen Widersacher, der Dämon. Die Religion des Zoroastrismus ist vom Dualismus im Denken, Reden und Tun zwischen dem guten und dem bösen Prinzip geprägt. Die Menschen müssen sich für eines der beiden Prinzipien entscheiden und das Ringen zwischen Gut und Böse findet im Menschen seinen Ausdruck zwischen den guten und den schlechten Gedanken. Der Einfluss dieser Religion auf das Christentum ist offensichtlich. Der fiktive Zarathustra hatte zehn Jahre als Einsiedler in den Bergen verbracht und versucht nun als Vierzigjähriger die Menschen an seiner Weisheit teilhaben zu lassen. Er predigt der Menschenmenge auf dem Marktplatz einer Stadt, er lehrt, dass sie sich selbst überwinden müssen und eine Art Übermensch werden müssen. Für diese Predigt wird er jedoch ausgelacht und verspottet. Deshalb beschließt er, sich wieder von den Menschen zurückzuziehen und sich auf die Suche nach Seelenverwandten zu begeben. Er sucht nach verwandten Geistern bzw. Seelen, denen die geforderte dreifache Verwandlung zum Übermenschen gelungen ist und die ihr altes Ich abgelegt haben. Bei dieser Verwandlung muss der Geist zunächst zum Kamel, das Kamel wiederum zum Löwen und als Letztes der Löwe zum Kind werden.  Die Verwandlung in ein Kamel steht für einen demütigen Geist, denn die Werte des Kamels sind Demut, Genügsamkeit, Folgsamkeit und Anpassungsfähigkeit an widrige Umstände, d.h. Leidensfähigkeit. Die Verwandlung des Kamels zum Löwen bedeutet Freiheit im Sinne von Souveränität der Stärksten und Selbstbestimmung, Auflehnung gegen die göttlichen Werte und gegen die Moral. Da der Löwe aber nur destruktiv wirken kann, muss er sich zum Kind verwandeln, d.h. zur Neuerschaffung der moralistischen Wertewelt. Das Kind ist das Symbol für einen Neuanfang ursprünglicher Unschuld, der Mensch wird zum Schaffenden, nachdem die alten Werte abgelegt worden sind.  Das Kind ist ein Neubeginn, eine erste Bewegung, ein erstes „Ja“ sagen zum Schaffen. Hinter diesem Gedanken verbirgt sich die Lehre der ewigen Wiederkehr, ein zentraler Begriff in Nietzches Denken. Das Bild des Kindes als Ausgangspunkt und schließlich wieder Endpunkt der ewigen im großen Bogen verlaufenden Entwicklung des Individuums. Diese Vorstellung drückt sich in dem Begriff des Übermenschen aus, der alle menschlichen Schwächen überwunden hat, dies gilt sowohl für Zarathustra als auch für Nietzsche selbst. „es bedarf eines heiligen Ja-sagens. Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“  Von Helga Ranis.

Illustration von Michaela List

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