Philosophie als Herausforderung: Über das Sein

Ein gemeinsames ist es für mich, von woher ich anfange; denn ich werde dorthin wieder zurückkommen.

Dies ist ein Zitat aus dem Gedicht des Parmenides „Über das Sein“. Das Gedicht stammt aus dem   5. Jahrhundert vor Christus und ist eines der ersten schriftlich überlieferten und erhaltenen philosophischen Dokumente. Parmenides schuf die Lehre vom Denken und Sein und zeigte den Zusammenhang zwischen beiden auf. Denken und Sein bedingen sich gegenseitig. Ohne das Denken gibt es kein Sein und ohne Sein kein Denken. Diese Lehre ist auch heute noch Grundlage der Ontologie, eines Teils der Philosophie. Anstatt zum Glauben und Gehorsam und bloßem Fürwahrhalten wird der Mensch zu eigenständigem Denken und Hinterfragen aufgefordert. Er wird aber auch als Denker und vor allem als Querdenker zurückgewiesen, da er von der Mehrheit der Menschen nicht verstanden wird. Parmenides war einer der ersten, der sich, ausgehend von den Beobachtungen der Natur, die Frage stellte, was die Grundlage des Geschaffenen sei, der also das Gegebene und die Veränderungen in ihr nicht mehr nur hinnahm sondern darüber nachdachte und nach einer Erklärung suchte. Die Lehre überliefert, dass er als erster gelehrt haben soll, dass die Erde kugelförmig sei und in der Mitte der Welt liege, der also schon zwischen Erde und All unterscheiden hat. Ein revolutionärer Gedanke, wenn man an die weitere Entwicklung dieser Lehre in der Antike und im Mittelalter denkt. Das Ganze wird von den beiden göttlichen Elementen Feuer und Erde zusammengehalten, wobei das Feuer die Funktion des Herstellers und die Erde die Funktion des Stofflichen habe. Die Physis, d. h, die Natur ist für ihn eine in sich ruhende göttliche Einheit. Er wendet sich gegen die herkömmliche Auffassung, dass alles Sein einem ständigen Wechsel von Werden und Vergehen unterliege. Von daher spricht er nicht vom Werden und Vergehen sondern vom Anwesenden und Abwesenden, durch die das Sein nicht aufgeteilt wird. Er weiß. dass er sich mit dieser Denkweise keine Freunde bei den „ Sterblichen“ macht. Er weiß aber auch, dass er zu dieser Erkenntnis durch göttliche Fügung gelangt ist. Die Fügung Dikes, der Göttin des Rechts, hat ihn diesen Weg, der weitab vom üblichen Pfad der Menschen liegt, dem Mainstream, geführt. Er soll sowohl zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, er soll das Sein vom Schein unterscheiden lernen, er soll sich aber auch mit den Meinungen seiner Mitmenschen auseinandersetzen und sie verstehen zu lernen. Da es für ihn von diesem Sein keinen Gegenbegriff gibt, es gibt kein Nichtsein, sondern man im Geiste das Abwesende als ständig anwesend denken soll und kann, kann er auch sagen, dass, egal von woher er beginnt, auch dort wieder zurückkehrt. Denn, was man sagen und erkennen kann, das muss auch sein, selbst wenn es nicht unmittelbar anwesend ist.

Abgesehen von diesem philosophischen Gedankenkonstrukt über Wahrheit und Erkenntnis kann es auch für den Alltag sehr hilfreich und tröstlich sein, das Nichtvorhandene als ständig anwesend zu denken. Auf diese Weise ist man ständig in Kontakt mit Menschen, die einem nahestehen, von denen man aber räumlich getrennt ist, mit Menschen die möglicherweise sogar schon tot sind. Wenn man an einen bestimmten Menschen denkt, kommt man unweigerlich wieder auf den Anfang, auf den Ausgangspunkt, auf die gemeinsame Zeit, zurück.

Helga Ranis

Foto: Monika Frei-Herrmann