Der Mensch ist nicht ein losgelöstes Wesen, sondern ein Teil des Universums. Hinter diesem Aphorismus steht die Frage, wie es gelingen kann, sich zu einem Weltmenschen zu bilden, der den ganzen Kosmos in sich selbst umfasst? Dies ist die zentrale Frage Tagores. Rabindranath Tagore (1861-1941) war ein bengalischer Philosoph und Dichter, der sich ebenfalls einen Namen als Musiker und Maler machte und den man heute als Universalgelehrten bezeichnen würde. Sein philosophisches Programm ist die Bildung des Menschen zum Weltmenschen und die Frage, wie dies gelingen kann.  Die Bildung zum Weltmenschen zeigt Tagores komplexes philosophisches Denken, das indische und westliche Ideen miteinander verbindet und in einen spirituellen Humanismus mündet. Der Mensch ist ein Freiheitssucher, Bildung ist eng mit dem Freiheitsbegriff verknüpft, Bildung erfolgt nur, wenn der Mensch frei ist. Mit diesem Anspruch nähert sich Tagore der Philosophie der deutschen Idealisten. Er ist sozusagen ein Philosoph, der im asiatischen Denken zu Hause ist, der aber auch abendländischen Traditionen kennt, diese aufnimmt und somit den Weg zum Weltmenschen ebnet. Der Weltmensch bleibt nicht in seinem nationalen Denken verhaftet, sondern er wird weltoffen und begreift sich als einen Teil des Kosmos, als einen Teil des Universums, ohne dabei seine Individualität zurückzustellen oder zu verlieren. Voraussetzung hierfür sind das Wissen um die drei Yogas, nämlich dem Handeln, dem Wissen und der Liebe. Die Wissensvermittlung hat zum Ziel, den Menschen aus seiner Unwissenheit und damit aus seiner Unfreiheit zu befreien, was dem Ziel der deutschen Aufklärung entspricht. Wissen wiederum ist die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrucken und kulturell selbst zu bestimmen. Zu diesem Wissen kommt die Liebe. Es ist die Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu Gott und zur Natur. Die Liebe ist das wichtigste Merkmal des Weltmenschen, der Zugang zu ihr ist die Harmonie. Diese entsteht durch die Anerkennung des Anderssein des Anderen, sie geht über rationales Denken und Handeln hinaus und ermöglicht die Liebe zu anderen Menschen, zur Natur zu Gott und zur ganzen Welt. Begreift sich der Mensch nicht als losgelöstes Wesen, nicht als jemand, dem alles egal ist, was um ihn herum passiert, sondern als ein Teil des Ganzen, als Teil des Kosmos oder des Universums, so wird er auch entsprechend handeln und entsprechende Verantwortung für andere und das Ganze übernehmen.

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