Philosophie für Zwischendurch: Alles fließt

Die berühmte Formel panta rhei, alles fließt, alles ist im Fluss, stammt von dem griechischen Naturphilosophen Heraklit (520-460 v. Chr.). Heraklit zählt zu den Vorsokratikern, die auch Naturphilosophen genannt werden und deren Anliegen es war, die Prinzipien, die die Veränderungen in der Welt verursachen, zu erklären. Die Hauptprinzipien hierfür waren Feuer, Erde, Wasser und Luft. Aus dem Feuer entsteht nach Heraklit die Welt, die in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen eine vernunftgemäße Fügung gemäß dem Weltgesetz des Logos erkennen lässt. Diese bleibt allerdings den meisten Menschen verborgen. Nach Heraklit befinden sich alle Vorgänge in einem fließenden, ständigen Prozess des Werdens und Wandelns, der vordergründige Gegensätze zu einer übergeordneten Einheit zusammenfasst. Dieser Prozess des Werdens und Wandelns wird in der Kurzformel „panta rhei “  zusammengefasst. Heraklit unterscheidet zwischen lebensweltlichen Erfahrungen, Alltagserfahrungen, wie sie die Mehrheit der Menschen machen und tiefergehenden Erkenntnissen. Diejenigen, die nur Alltagserfahrungen machen, bezeichnet er als „die Vielen“ (hoi pol, hoi polloi). Das sind Menschen, die sich nicht mit der wahren Philosophie, dem Zusammenhang zwischen Werden und Wandel, beschäftigen, nicht zu tieferer Erkenntnis vordringen können und daher die Realität nicht wahrnehmen und ein oberflächliches Leben führen. Heraklit möchte, dass die Vielen (heute würden wir sagen, die Meisten) ihre herkömmliche Denk-und Verhaltensart reflektieren und überwinden. Er möchte, dass sie den Logos, das panta rhei als Weltgesetz erkennen und das eigene Handeln an ihm ausrichten. Dies geht nur, indem der Mensch auf die Natur hört. Denn erst durch das Hinhören auf die Natur erschließt sich das Naturgemäße und dieses steht als Maßstab des Handelns in Verbindung mit dem durch den Logos vorgegebenen Vernunftgemäßen. Das Grundprinzip des Kosmos ist für Heraklit das Werden, das panta rhei, das aber mit dem Sein eine Einheit bildet. Mit dem metaphorischen Bild des Flusses zeigt er den Zusammenhang zwischen Werden und Wandel, Natur und Weltgeschehen. Der Fluss braucht zwar begrenzende Ufer, ohne die er nicht ein bestimmbares Ganzes wäre. Wenn das Wasser nicht in ständiger Bewegung wäre, würde andererseits aber die spezifische Eigenschaft des Flusses fehlen und man könnte nicht von einem Fluss sprechen. Das Werden zerstört somit nicht die Konstanz des Flusses, sondern ist Voraussetzung hierfür. Die Beständigkeit des Flussbettes und die Bewegung des Fließens, die Einheit von Konstanz und Variabilität, sind ein Beispiel für die Einheit der Gegensätze. Denn „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu.“ Da die Erfahrungswelt des Menschen ebenfalls von Gegensätzen geprägt ist, wäre es im Sinne Heraklits, wenn sich diese Erkenntnis aus der Flussmetapher auf die eigene Lebensführung auswirken würde. Von Helga Ranis.

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