Selbstreflexion mit Blaise Pascal: Was ist ein Mensch in der Unendlichkeit?

 

Mit dieser Frage distanziert sich Pascal (1623-1662) von der sophistischen Lehrmeinung, dass der Mensch das Maß und der Mittelpunkt aller Dinge sei. In seinem Spätwerk, den Pensées, stellt er den Menschen in die Spannung zwischen dem Nichts und dem All, die er auch als Abgrund bezeichnet. Die ganze sichtbare Welt bezeichnet er als einen unmerklichen Zug in der weiten Höhlung des Alls, die unbegreiflich ist. Unsere Vorstellungen sind, verglichen mit der Wirklichkeit, nur Winzigkeiten. In diesem Universum soll der einzelne Mensch sich selbst nach seinem wahren Wert einschätzen lernen und fragen: „ Was bin ich, angesichts der Unendlichkeit?“ Diese Frage kann man religiös oder auch existenzphilosophisch als die Frage nach dem Sinn des Lebens bezeichnen. Pascal, geprägt von Rationalität und religiöser Inspiration, versucht, Vernunft und Glaube, Religion und Philosophie miteinander zu vereinbaren. Der Mensch soll sich auf sich besinnen und bedenken, was er ist. Zu diesem Zwecke soll er nach dem kleinsten Tier, das er kennt suchen, das ebenfalls einen gut funktionierenden und entwickelten Körper hat. Pascal nennt das Beispiel einer Milbe. Die Milbe steht stellvertretend für die Wunder in der Natur, in der es unendlich viele Tiere und Pflanzen gibt und die sich durch ihre gleiche Beschaffenheit kategorisieren lassen. Den Milben gegenüber ist der Mensch naturgemäß ein Koloss. Wer sich selbst so in die Natur einordnen kann, zwischen dem Unendlichen und dem Nichts wird er „erbeben vor der Schau dieser Wunder“ und sich nach seiner Bedeutung hierin fragen. Im Blick auf das Unendliche ist der Mensch ein Nichts, etwas Bedeutungsloses. Im Blick auf das Nichts, ist er ein All. Er ist nicht der Mittelpunkt aller Dinge, sondern er steht in der Mitte zwischen Nichts und All. Er ist unfähig, sowohl das All als auch das Nichts zu begreifen. Die äußersten Dinge sind für ihn ein unlösbares Geheimnis. Er ist unfähig, das Nichts, aus dem er gehoben ist, sowie das Unendliche, das ihn verschlingt, zu fassen. Der Mensch steht vor dem Dilemma, dass er weder den Grund noch das Ende der Dinge erkennt und dass er sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen muss. Auch die Naturwissenschaften geben keine abschließende Antwort auf die Fragen nach den letzten Dingen, das war damals so aktuell wie heute. Viele Physiker stehen heute dazu, dass es etwas geben müsse, das über den menschlichen Intellekt hinausgehe. Für Pascal steht es außer Zweifel, dass man die Natur nicht erforschen kann, ohne eine Anmaßung oder eine Fähigkeit zu haben, die selbst so unendlich wie die Natur ist. Alle Dinge erwachsen aus dem Nichts und ragen bis ins Unendliche. Dieses Wunder kann nur begreifen, wer es selbst geschaffen hat. Der Schöpfer dieser Wunder begreift sie, niemand anders vermag es. Pascals Abwägung zwischen Religion und Vernunft erfolgt zu Gunsten der Religion und er spricht von dem Schöpfer der Wunder. Man muss nicht unbedingt an einen christlichen Gott glauben, um ihm darin zuzustimmen. Auch der Glaube der modernen Physiker an eine höhere Macht, an ein „Etwas“ ist zutiefst religiös. Der Mensch zwischen dem Nichts und dem All soll sich selbst nicht so wichtig nehmen, er soll daran denken, dass er zwar der Milbe gegenüber ein Koloss, er aber in der Höhlung des Alls unbedeutend ist. Eine solche Denkweise führt zu einem verantwortungsvollem Verhalten gegenüber Menschen und Natur.  Von Helga Ranis

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