Während Frauen viele Jahrhunderte lang gar nicht oder nur als marginale Randerscheinung einer traditionell männlich dominierten Philosophie und Wissenschaften wahrgenommen wurden, erhalten sie seit mehreren Jahrzehnten wachsende Aufmerksamkeit. Dabei gab es schon in der Antike, wie der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios (180 bis 240 n. Chr.) in seinem Werk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ beschreibt, durchaus auch Frauen, die sich mit Philosophie beschäftigten und auch philosophischen Schulen angehörten. Selbstverständlich war es in der Antike für die Frauen ein sehr großes Privileg, sich mit der Philosophie beschäftigen zu dürfen, und es waren Frauen, die von ihren Vätern, Ehemännern oder Geliebten entsprechend gefördert wurden. So ist bereits 800 v. Chr. Hippo von Alexandrien zu nennen, die als eine der Ersten Betrachtungen über die Natur und deren Veränderungen angestellt hat und die als Naturphilosophin bezeichnet wird. Theano (6. bis 5. Jh. V. Chr.), die als Ehefrau beziehungsweise Geliebte des Pythagoras genannt wird, beschäftigte sich mit Kosmologie und Naturphilosophie und unterrichtete Mathematik. Sie forderte für die Frauen freien Zugang zur Schule des Pythagoras und damit freien Zugang zur philosophischen Bildung. Zu diesem Kreis gehört auch Aspasia (460-410 v.Chr.), die Begleiterin des Staatsmannes Perikles. In ihrem Haus kam die geistige Elite Athens zusammen und sie wird auch in einer Schrift Platons namentlich erwähnt. Arete von Kyrene (400-330 v.Chr.) war Schülerin Platons. Ihr Vater Aristippos war Schüler des Sokrates, er gilt als Begründer des Hedonismus und der kyrenaischen Schule. Nach seinem Tod führte Arete die Schule fort. Diese Frauen sollen exemplarisch für die Vielzahl der Ungenannten stehen.

Aus der Epoche der Spätantike sei exemplarisch Hypathia von Alexandria (355-415 n.Chr.) genannt. Sie war Neuplatonikerin, Astronomin und Mathematikerin und war von ihrem Vater Theon unterrichtet worden. Sie trug den damals üblichen Philosophenmantel und lehrte, ähnlich wie Sokrates, auf offener Straße. Außerdem war sie die Leiterin der neuplatonischen Schule in Alexandria.

Die mittelalterlichen Philosophinnen, unter anderem Roswitha von Gandersheim (935-973), Hildegard von Bingen (1098-1179), Mechthild von Magdeburg (1207-1282) und Katharina von Siena (1347-1380) waren Mystikerinnen. Ihnen ging es weniger um die theoretische Philosophie, sondern mehr um die „Gottesschau“ und um die „unio mystica“.

Im Zeitalter der Renaissance gab es in Bologna mit Dorothea Bucca (1360-1436) die erste Professorin für Medizin und Philosophie und an der Universität von Salamanca übersetze Beatriz Galindo (1465-1534) Teile der Werke des Aristoteles ins Spanische.

Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) pflegte den intellektuellen Austausch mit René Descartes und das Werk der Platonikerin Anne Conway (1631-1679) wurde als eines der ersten Werke einer Frau gedruckt. Sie beeinflusste den Philosophen Leibniz.

Die Französin Olympe de Gorges 1748-1793) veröffentlichte 1791 im Nachgang zur Französischen Revolution eine „Erklärung der Rechte von Frau und Bürgerin“, während die Engländerin Mary Wollstonecraft (1759-1797) „die Verteidigung der Rechte der Frau“ schrieb. Mit diesen beiden beginnt die feministische Philosophie als Teil der Rechtsphilosophie.

Bertha von Suttner (1843-1914) und Helene Stöcker (1869-1943) stehen für den Beginn der Frauen- und Friedensbewegung. Bertha von Suttner hat einen pazifistischen Roman „Die Waffen nieder“- über den Krieg aus der Sicht einer Ehefrau geschrieben.  Auf ihre Initiative wurde 1901 der Friedensnobelpreis geschaffen. Sie selbst hat den Preis 1905 für Ihr Engagement erhalten. Helene Stöcker studierte Philosophie und Nationalökonomie und  wurde, weil es in Deutschland nicht möglich war, 1901 in Bern promoviert. Auch Rosa Luxemburg gehört in den Kreis engagierter Frauen. Sie war studierte Nationalökonomin, Mitbegründerin der kommunistischen Partei und schrieb über die Akkumulation des Kapitals.

Als Philosophinnen des 20. beziehungsweise 21. Jahrhunderts sind vor allem Hannah Arendt (1906-1975) als Vertreterin der politischen Philosophie; Simone de Beauvoir (1908-1986) als feministische Existenzphilosophin, Martha Nussbaum (*1947) als Rechtsphilosophin, Judith Butler (*1950) als Vertreterin der Queer-Theory und Nancy Fraser (*1947) als politische Philosophin und Kapitalismuskritikerin zu nennen. Martha Nussbaum und Nancy Fraser beschäftigen sich vor allem mit Fragen der Gerechtigkeit sowie Verteilungsfragen. Martha Nussbaum bezeichnet sich selbst als Aristotelikerin, von Fachleuten wird sie als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart bezeichnet.

Zwischen der „marginalen Randerscheinung Hippo“ und der „profilierten Philosophin Martha Nussbaum“ liegt ein Zeitraum von fast als 3000 Jahren, ein langer Weg. Von Helga Ranis

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