Von den Wohltaten

Portrait-Elsemarie Maletzke

Garten-Kolumne von Elsemarie Maletzke

Es gibt Arbeiten, die gut für den Garten und solche, die gut für den Gärtner sind. Erfrischend und labend ist es, nach einem heißen Sommertag den Schlauch abzurollen und den Hahn aufzudrehen. Wunderbar, wie der Wasserstrahl im verlöschenden Sonnenschein einen Regenbogen schlägt! Schön, die nackten Zehen in die Matschepampe zu graben. Noch schöner, der undankbaren Funkie, die so gar nicht recht gedeihen will, mit scharfem Sprutz die Blätter um die Ohren zu schlagen! Der ermatteten Engelstrompete den Marsch zu blasen. Der durstigen Rose ordentlich das Laub zu waschen. Hört man den Rittersporn nicht lustvoll aufstöhnen, wenn ihm die Scholle von unten gegen das Gestell prasselt? Oder ist es eher ein Schrei? Hilfe! Nicht auf die Blätter, sondern sachte, sachte, hier ans Wurzelwerk! Und mehr davon! Nicht gleich wieder abdrehen! Wo Pflanzen eine naturhafte, laue Berieselung zwischen 23 und 5 Uhr morgens bevorzugen, setzen manche Gärtner auf die Wasserkur nach Kneipp: kurz, kalt und spritzig.

Artgerechte Ernährung fällt ebenso in die Kategorie der Wohltaten, die von Spendern und Empfängern unterschiedlich aufgefasst werden. Wie Kinder, die man jeden Tag mit Grießbrei vollstopft, damit sie groß und stark werden, hängen Stauden in den Seilen, die von Gärtner oder Gärtnerin regelmäßig mit allzu großzügigen Düngergaben gefüttert werden. Die vollgefressenen Geschöpfe treiben jede Menge schlaffes Grün und – als kämen sie nicht vom Sofa hoch – können sich nicht zum Blühen aufraffen. Was haben sie bloß? Vielleicht sollte man zur Ermunterung noch eine Portion Blaukorn hinterher werfen?

Das Schnippeln und Schneiden ist ein ähnlicher Fall. Die Grenzen zwischen Stutzen, Auslichten und Vollrasur sind fließend. Eben noch hat man das Apfelbäumchen im Stillen um Verzeihung für den notwendigen Tort gebeten, den man ihm angedeihen lassen müsse; da, kaum angesetzt, geht es schon entfesselt zur Sache, und es ist keineswegs nur Kettensägen-Heinz, der die Äste fliegen lässt. Auch Frauen mit kleinen Staudensicheln können, einmal in Schwung, beachtliche Schneisen durchs Beet schlagen. Welch befriedigendes Gefühl, wenn nach einem Durchgang alles sauber und aufgeräumt ist! Man nennt solche Aktionen auch Hausmeisterschnitt. Was steckt dahinter? Allmachtsgelüste? Gewaltphantasien? Heitere Spendierlaune? Ordnungsfimmel? Spieltrieb? Unvernunft? Kann ja alles ausgelebt werden. Gärtnern ist einfach gut für die Seele, selbst dann, wenn der Garten nicht unbedingt von jeder Behandlung profitiert.

Fotos: Birgit Bielefeld | Monika Frei-Herrmann

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