Eisbegonien finde ich entbehrlich

Portrait-Elsemarie Maletzke

Garten-Kolumne von Elsemarie Maletzke

Die Natur kennt keine Irrtümer. Die Blattlaus hat darin ihren Platz ebenso wie das Purpurglöckchen, der Rittersporn und die Eisbegonie. Nein, nicht die Eisbegonie. Sie mag ein Geschöpf Gottes sein, aber Menschenwitz hat aus ihr eine florale Wasserleiche gemacht und sie kommt mir nicht in den Garten. Es gibt keine hässlichen Pflanzen, nur schlecht platzierte, belehrte mich einmal eine englische Gartenarchitektin. Trotzdem: Keine Eisbegonien, nirgends! Auch kein Kirschlorbeer, keine Leyland-Zypressen, keine Korkenzieherhasel. Pampasgras finde ich entbehrlich. Heidekraut? Nicht auf meinem Grab!
Gärtner dürfen unchristlich, parteiisch und radikal sein. Es gibt Pflanzen, die sie ergötzen und solche, die sie verachten. So wie ihnen auch die erstaunlichsten Tiere willkommen sind: Die Florfliege, nach ihrem löblichen Appetit Blattlauslöwe genannt, oder die Erdkröte, die sich stoisch durch ganze Schneckenvölker mampft. Andere Tiere, die sich sonst einer gewissen Po-pularität erfreuen, sind im Garten hingegen nicht zu gebrauchen. Hunde kennen nur den Weg durch die Mitte. Katzen haben wenig Sinn für Neueinsaaten. Ich erinnere mich auch an ein Zwergkaninchen, das geduldig wartete, bis der Phlox durch den schützenden Drahtverhau gewachsen war, um zierlich Männchen vor ihm zu machen und seine Blüte mit einem einzigen Schraps zu köpfen.
Dennoch sollte im Zusammenspiel von Mensch und Tier eine gewisse Form gewahrt bleiben. Kultur kommt schließlich vom Kultivieren des Gartens. In einem Pflanzenkatalog, der die Blü-tenpracht seiner abgebildeten Rosenhecken weniger den Wundern der Natur als der Software von Photoshop verdankte, sah ich eine „Verpiss-Dich-Pflanze“ (Coleous-Canina-Hybride) angezeigt, eine südamerikanische Buntnessel-Art, die angeblich Hunde, Katzen, Kaninchen und Marder vertreibt. Ich finde, das gehört sich nicht. Man kann Schädlinge fangen oder überlisten, vergiften, vergrämen oder sie in seinen Dienst pressen, indem man etwa ein Schne-ckengefängnis baut, wo die Schleimer ihren Kot als Dünger abliefern, doch man sollte einer unschuldigen Buntnessel nicht so einen schimpflichen Namen geben.
Eines aber geht gar nicht: Die Pflanzen anderer Gärtner beleidigen. Man könnte ebenso gut ihre Kinder ohrfeigen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten und manche lieben sie – obwohl der Natur wahrhaftig etliche Blumen besser geglückt sind als beispielsweise die Eisbegonie.

Fotos: Birgit Bielefeld | Monika Frei-Herrmann

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