Raub oder Rettung?

Portrait-Elsemarie Maletzke

Garten-Kolumne von Elsemarie Maletzke

Gärtner sind latent parasitäre Erscheinungen. Ein schöner fremder Garten regt sie zu Staunen und Bewunderung an; ihr Beuteblick aber sagt: Was kann ich von hier mitnehmen, wenn schon nicht an Pflanzen, so doch an Ideen für meine eigene Scholle? Sollte ich nicht auch eine Prunkwinde in den dürren Zwetschgenbaum schicken? Diesen Kniff in der Buchsbaumhecke nachahmen? Und ob die nette Gärtnerin wohl einen Ableger ihrer Taglilien entbehren könnte? Vom kleinen Augendieb zum hortikulturellen Großwildjäger ist es da oft nur ein kleiner Schritt.
In vielbesuchten englischen Gärten leiden Stauden und Kletterpflanzen weniger unter Rost und Mehltau, als unter „finger blight“, dem Befingern und Abpflücken durch unbefugte Hände. In den Gewächshäusern der Royal Botanic Gardens in Kew haben Wärter deshalb ein besonderes Auge auf ältere Damen mit offenen Handtaschen und ungefesselten Regenschirmen, die sich unschuldig summend den kostbaren Orchideen nähern.
Doch gibt es nicht auch Situationen, in denen die frevelhafte Tat gerechtfertigt erscheint; ja geradezu einer Sicherstellung gleichkommt? Etwa das Ausgraben hunderter von Schneeglöckchenzwiebeln an einem Ort, von dem uns im nächsten Jahr ein Baumarkt entgegenblecken wird? Und wie steht es mit all den Schoten und Täschchen, die abgesenst und in die grüne Tonne geworfen werden? „Ich wüsste gern, ob ich der einzige Gärtner bin, der schon einmal so tief gesunken ist, dass er in einem öffentlichen Garten eine Samenkapsel abgeknipst hat?“ schreibt der Autor Beverley Nichols. Er weiß natürlich, dass er nicht allein ist, und es geniert ihn auch nicht wirklich. Wenn ich auf Reisen bin, sehne ich mich nach meinem Garten und bringe ihm etwas aus der Ferne mit. Zum festen Inventar meiner Handtasche gehören deshalb ein kleines Messer, einige Plastiktütchen und ein Ende Schnur. Ich gestehe, dass ich den Samen bordeauxroter Stockrosen an einer französischen Schlossmauer abgestreift habe; den staubfeinen des weißen Fingerhuts von einer Böschung in Wales, die kleinen braunen Rasseln der Akelei gepflückt, die aus einem irischen Garten ausgebrochen war und einen Mauerpfeffer von den Treppenstufen eines verfallenen baltischen Gutshauses getrennt habe, der sich bei mir außerordentlich wohl fühlt. In keinem Fall schlug mich das Gewissen. Tief gesunken? Es wird wegen meines Zugriffs nicht weniger Malven und Fingerhüte geben und ich sorge für die Ausbreitung wünschenswerter Vegetation. Das ist etwas anderes.

Fotos: Birgit Bielefeld | Monika Frei-Herrmann

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