Warum wir so gerne Urlaub am Wasser machen…

 

… das sagt der Tourismusforscher Prof. Dr. Martin Lohmann 

Die Wellen plätschern an den Strand, der Bach rauscht und der See, der lächelt sogar und ladet zum Bade. Wasser lieben nicht nur die Dichter als Thema oder Sinnbild, wir alle finden es irgendwie faszinierend, jedenfalls solange es nicht als Regen von oben kommt. Das gilt besonders in den Ferien. Ferien sind quasi aus Wasser: Der Strandurlaub ist die bei den Deutschen beliebteste Urlaubsart, Baden im Meer, See oder Pool gehört zu den häufigsten Reiseaktivitäten. Wenn man wandert oder mit dem Rad fährt, dann gerne entlang an Flüssen und Bächen, und ein Wellnessurlaub, bei dem man sich nicht im wohlig-warmen Wasser räkelt, ist kaum vorstellbar.

Wasser ist einfach und einfach erstaunlich

Von der Sache her ist Wasser eine chemische Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff, eine klare, geruchslose, farblose und geschmacksneutrale Flüssigkeit. Aber in der Landschaft zeigt es sich uns in einer schillernden Vielfalt, als Meer, als Fluss, Bach oder See, als Wasserfall oder als Eiszapfen. Wasser erscheint oft farbig, blau, grün oder grau, in Abhängigkeit vom Licht, von Schwebstoffen oder vom Untergrund. Ganz einzigartig in der Natur ist seine Fähigkeit, Lichtwellen zu reflektieren und bei ruhiger Oberfläche erstaunliche Bilder der Umgebung zu zeigen, nicht zuletzt unser eigenes Spiegelbild. Auch produziert Wasser eine ganze Reihe von Geräuschen, es gluckst und gluckert, es tropft oder es tost als Wellen oder Wasserfall. Diese Geräusche sind Begleiterscheinungen der Bewegungen des Wassers, die sowohl visuell als auch akustisch faszinierend sind.

Schließlich hat Wasser eine wichtige symbolische Funktion, es steht für Reinigung und Reinheit, gewinnt dadurch eine religiöse Bedeutung und eine Rolle als Heilmittel. All das zeigt sich in einer Reihe von Riten, die sich seit vielen Jahrhunderten in unterschiedlichen Kulturen erhalten haben. Man denke nur an die christliche Taufe.

Wasser gestaltet

In der Landschaftsplanung und Gartengestaltung, spielt Wasser seit Urzeiten und bis heute eine zentrale Rolle. Entsprechende Darstellungen finden wir auf ägyptischen Grabbemalungen chinesischen Bildern und zu einer römischen Villa gehörte ein Teich selbstverständlich dazu. Die bezaubernde Wirkung des Wassers wird hier bewusst und effektiv eingesetzt.

Wasser macht Urlaub

Wasser ist aber nicht nur Grundelement des Lebens, sondern auch ein zentraler Urlaubsbestandteil mit vielen Funktionen. Wir Ferienmenschen nutzen es als Verkehrsweg (Fähre), wir erkunden es (etwa beim Tauchen), wir genießen es (Wellness), wir erfrischen uns darin, wenn es heiß ist, wir haben Spaß beim Wellenhüpfen und Nassspritzen, wir treiben mit ihm Sport. In den Händen von Kindern wird am Strand Wasser mit Sand zu Matsch, ein Material das man wunderbar kreativ verwenden kann. Am wichtigsten scheint mir aber das Schauen. Es ist schön, Wasser im Blick zu haben.

Warum Wasser ein Landschaftsbild bereichert

Landschaften sind reizvoll, wenn es „Brüche“ im Bild gibt, Grenzen, das eine hört auf, das andere fängt an; reiz-voll also im eigentlichen Wortsinn. Stell Dir ein großes Maisfeld vor. Nicht so spannend. Stell Dir eine Wiese vor, ein Holzzaun am Rand, ein Weg schlängelt sich entlang, gesäumt von dunklen Bäumen. Netter? Wir ersetzen den Weg durch einen Wasserlauf. Noch netter. Das Wasser erhöht die Lebendigkeit durch das zusätzliche Element, braucht aber auch Grenzen. Überall Wasser wäre wieder öde (u.a. deswegen legen Kreuzfahrtschiffe größere Distanzen nachts zurück und halten an hübschen Orten tagsüber). Der Strand ist ein schönes Beispiel für eine solche Grenze, einen Bruch oder Gegensatz. Was wäre der Strand ohne Wasser? Zugegeben, es gibt auch die Faszination des Endlosen, etwa einer Wüste. Aber auch dann sind es die „Brüche“, die unsere Aufmerksamkeit anziehen, die Düne, die vom Wind geschaffenen Strukturen, das durchziehende Kamel. So wird auch der Blick aufs Meer durch ein vorübersegelndes Schiff angenehm bereichert.

Wasser ist Leben

Mehr als andere landschaftsgestaltende Faktoren wie der Zaun oder der Weg hat Wasser Lebendigkeit. Es ist fast immer was los, eine durch den Wind gekräuselte Oberfläche, Stromschnellen, tröpfeln, plätschern, hohe Wellen, Gischt sprüht, stetige Veränderung, zu sehen, oft auch zu hören. Wasser nährt unsere Vorstellung von Natürlichkeit, vor allem in seiner „wilden“ Form, gezähmt im Stausee verliert es an Reiz. Besondere Ahh- und Ohh-Erlebnisse haben wir z. B. bei Wasserfällen.

Wasser wirkt

Hier wird deutlich: Das Wasser macht etwas mit uns, die Lebendigkeit hat Wirkung; anregend, aufregend oder auch beruhigend. Auch andere Reize können solche Wirkungen haben, die besondere Aufmerksamkeit, die wir dem Wasser zuwenden, erhöht aber seine Macht.

Natürlich sind die Wirkungen nicht für alle Menschen und zu jedem Zeitpunkt die gleichen. Individuelle und situative Unterschiede formen unser Verhältnis zum Wasser, ebenso kulturelle Hintergründe und gesellschaftliche Zusammenhänge. Der Mensch nutzt das Meer ja nicht nur als Ferienkulisse, es war und ist auch Bedrohung für das Haus auf der Hallig, Transportweg für den Handel und – gerade in jüngster Zeit – gefährliche Fluchtmöglichkeit aus unerträglich gewordener Lebenssituation.

Vielleicht trägt das auch zur Faszination des Wassers im Urlaub bei: Seine gleichzeitige Zweiseitigkeit als lebensspendendes, freundliches Element auf der einen Seite, als lebensfeindliches, gefährliches Element auf der anderen.

Wenn wir uns also im Urlaub am und im Wasser erfreuen, dann steckt da eine ganze Menge dahinter, eine uralte kulturelle Tradition, die Wertschätzung eines grundlegenden Lebensbestandteils, die gewisse Sicherheit, die uns in der modernen Gesellschaft vor den gefährlichen Kräften des Wassers weitgehend bewahrt, vor allem aber ein wundersames Zusammenspiel von physikalischen Eigenschaften und menschlicher Wahrnehmung. Natürlich kann man Wasser auch trinken, für uns selbstverständlich, für viele Menschen in der Welt eine (zu) knappe Ressource. Deswegen sollte man behutsam damit umgehen. An seiner einmaligen Schönheit kann man sich aber bedenkenlos erfreuen.

Der Autor, Martin Lohmann, ist Leiter des NIT, Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa, in Kiel. Als Professor lehrt er am Departement für Wirtschaftspsychologie der Leuphana Universität Lüneburg Marktpsychologie, Konsumforschung und Tourismuspsychologie.

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