Wasserfälle – Mythos und Medizin

Die seltsame Kraft von Wasserfällen hat die Menschen seit jeher inspiriert – zu Sagen und Mythen oder zu Gedichten, wie der Naturforscher und Dichter Johann Wolfgang von Goethe angesichts des Staubbachwasserfall im Berner Oberland eines schrieb. „Gesang der Geister über den Wassern“ nannte das Universalgenie seine Zeilen und für empfindsame Gemüter ist dieser Gesang auch heute noch zu hören: Mit ähnlich ungebändigter Energie wie vor 200 Jahren ergießt sich der zweitgrößte Wasserfall der Schweiz aus fast 300 Metern Höhe ins Lauterbrunnental und sein Tosen mag sich auch heute noch genauso anhören, wie es Goethe in den Ohren klang. Von Martina Guthmann

Vielen Wasserfällen haben die Menschen poetische Namen gegeben: „Les voiles des demoiselles“ – „Die Schleier der Fräulein“ etwa heißt ein Wasserfall in den französischen Alpen. „Schleierfälle“ heißen aber auch Wasserfälle in den Ammergauer Alpen, denen man eine tröstliche, beruhigende aber gleichzeitig belebende Wirkung nachsagt. Noch heute erzählen die alten Einwohner der Ammergau-Region ehrfürchtig von den Schleierfällen als Plätze, an denen man zu sich selbst finden kann. Von ähnlichen Wirkungen von Wasserfällen berichten auch andere Kulturkreise. So steht beispielsweise in der japanischen Mythologie der Wasserfall als Sinnbild für eine harmonisch fließende Lebensenergie.

Natürliche Antioxidantien
Wissenschaftlich lässt sich mittlerweile belegen, warum sich Menschen in der Nähe von Wasserfällen so wohl fühlen: Es liegt an einer überdurchschnittlich hohen Konzentration an Elektronen – jenen Elementarteilchen, die den menschlichen Organismus aktivieren und dabei helfen, Stress abzubauen. Sie wirken im Körper wie Antioxidantien, denn sie wirken der Oxidation entgegen. „Oxidation ist nichts anderes als der Vorgang, den wir als ‚Rosten’ kennen. Und die Schäden, die Freie Radikale hervorrufen können, lassen sich durchaus mit den Folgen von Rost vergleichen: langsam fortschreitende Beeinträchtigungen, die bis zur Zerstörung führen können. Täglich wandern Tausende von Autos auf den Schrottplatz, weil sie durch Rost fahruntüchtig geworden sind. Auch bei Menschen spricht man davon, ‚zum alten Eisen’ zu  gehören“, so beschreibt Katrin Klink diesen Vorgang plastisch auf der Internet-Seite www.radikalfaenger.de.

Heilung bei Asthma und Atemwegsproblemen
Doch Wasserfälle wirken nicht nur dem menschlichen „Rosten“ entgegen, sie helfen auch ganz konkret bei Atemwegsproblemen. In dem Forschungsprojekt „Krimmler Wasserfälle – Wasser, Luft, Lunge“ untersuchte die Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg die gesundheitlichen Auswirkungen des Krimmler Wasserfalls. Eine klinische Studie mit 54 asthmatischen Kindern sollte zeigen, ob der tägliche einstündige Aufenthalt an den Krimmler Wasserfällen Asthma und Allergien bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe verbessert. Die dreiwöchige Studie brachte unerwartete Ergebnisse: „Der Aufenthalt am Wasserfall führt zu einer nachhaltigen Verbesserung der Atemwege und wirkt sich positiv  auf die Lungenfunktion aus“, bestätigt Projektleiter Dr. Arnulf Hartl von der Paracelsus Universität. Eine nahezu vollständige „Reduktion aller Asthma-Symptome bei den Wasserfallkindern“, hielt vier Monate lang an. Dieser heilende Effekt resultiert vor allem aus der lungenreinigenden Wirkung feinster elektrisch geladener Wasserteilchen, die durch den mikrofeinen Sprühnebel über die Atemwege in die Lunge gelangen und so nachhaltige Verbesserungen bewirken.
Während die Großglockner Hochalpenstraße AG als Auftraggeber der Studie daran arbeitet, diesen Effekt für die touristische Vermarktung der Krimmler Wasserfälle zu nutzen, brauchen sich Gesundheitsbewusste indes nicht auf diese Tauern-Region zu beschränken. Denn Energie und Heilung spendende Wasserfälle gibt es überall auf der Welt. Von Peru bis Kroatien von Island bis nach Oberbayern. Oder aber im Österreichischen Stubai-Tal, das einen bis zu vier Tagesetappen umfassenden WildeWasserWeg etabliert hat. Der Steig, der sich auf behutsame Weise dem Grawa-Fall nähert, wurde von Stubaier Bergführern mit den Händen gegraben und passt sich harmonisch ins grandiose Landschaftsbild ein, ohne es zu stören. Luis Töchterle, der geistige Vater des WildeWasserWegs, erzählt, wie es gelungen ist, diesen besonderen Stubaier Naturschatz auf behutsame Weise touristisch zu erschließen und ihn damit vor naturzerstörender Nutzung zu bewahren: „Ich habe immer gemeint, gegen wirtschaftliche Interessen der Energiewirtschaft kämpfen zu müssen. Irgendwann habe ich dann verstanden, dass wirtschaftliche Argumente schlagender sind als ökologische. Der Themenweg lädt seine Begeher ein, das vergletscherte Hochtal wie ein aufgeschlagenes Buch zu betrachten, aus dem die Landschaft formende Kraft des Wassers heraus zu lesen ist.“
Wasserfälle erzählen von einem oft Hunderttausende von Jahren währenden Prozess, in dem Myriaden von Wassertropfen selbst den härtesten Stein geformt und ihrem Weg angepasst haben. Wasserfälle gestalten ihre Umgebung und werden damit nie fertig. Panta rhei – die griechische Erkenntnis, dass alles fließt, lässt sich nirgendwo so eindrucksvoll beobachten als an Wasserfällen.

Der Dettifoss auf Island

Der Dettifoss ist der größte Wasserfall Europas. Der sich dort in 44 Meter Tiefe stürzende Jökulsá á Fjöllum (Gletscherfluss aus den Bergen) ist von  einer elementaren Wucht, die gigantische Spuren in der Landschaft hinterlassen hat. 25 Kilometer lang, 500 Meter breit und bis zu 120 Meter tief ist die canyonartige Schlucht, die das Wasser in das Lavagestein gefräst hat – ein Naturschauspiel sondergleichen, das wohl alle Island-Urlauber in den Bann zieht. Wer einmal hier war, der versucht immer wieder zu kommen, um auf der von Wasser und Feuer geprägten Insel Abstand von der Hektik der Massenbesiedelung zu gewinnen. Aufgrund des massiven Wertverlusts der isländischen Krone sind Island-Reisen in diesem Jahr so günstig wie noch nie zuvor. Allerdings ist auch mit einem Massenansturm auf die Sehenswürdigkeiten und Camping-Plätze zu rechnen.
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