Gutes Gold, böses Gold

Die Attacken gegen die Goldförderung nehmen zu, die Bemühungen um umweltschonende Förderverfahren allerdings auch. Wer Gold besitzt, dürfte am Ende zu den Gewinnern gehören – und kann dabei sogar ein gutes Gewissen haben. Von Manfred Gburek.

Noch größer, noch voller, noch spannender: Wenn am 6. November die fünfte Internationale Edelmetall- und Rohstoffmesse in der Münchner Event Arena ihre Pforten öffnet, dürfte sie wieder den Besucherrekord vom Vorjahr brechen. Die dort auftretenden Goldgurus werden ihr geliebtes Edelmetall einmal mehr als ultimativen Schutz vor dem globalen Finanzdesaster mit dem Argument beschwören, dass fast alle Länder Unmengen an so genanntem Papiergeld in den Wirtschaftskreislauf pumpen und es dadurch im Vergleich zu realen Gütern wie Gold entwerten. „Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück: null“, formulierte treffend schon vor fast drei Jahrhunderten der französische Philosoph Voltaire.
Doch wie steht es um den inneren Wert von Gold, dem seit Jahrtausenden und auf allen fünf Kontinenten geschätzten Edelmetall, das in seiner langen Geschichte mal Zahlungsmittel und mal Schmuck, mal Anlageobjekt und mal Währungsreserve, mal Mythos und mal alles zusammen war, weiter ist und bleiben wird? Eine besonders plausible Antwort stammt vom kalifornischen Ökonom Roy W. Jastram. Er kam 1977 zum Fazit, dass Gold über mehr als vier Jahrhunderte seine Kaufkraft behalten hatte, und nannte das Ergebnis „goldene Konstante“. Das heißt, das Edelmetall war trotz zwischenzeitlich starker, in Währungseinheiten gemessener Preisschwankungen immer wieder seinem Ruf gerecht geworden, wertbeständig zu sein.

Das goldene Paradoxon
Von daher erklärt sich am besten, warum die Menschen nicht aufhören, Gold unter größten Anstrengungen, zu immer höheren Kosten und zum Teil verbunden mit erheblichen Umweltschäden aus dem Boden zu holen. „Schmutziges Gold“ hieß denn auch die „Spiegel“-Titelgeschichte vom 17. März 2008. Einerseits. „Welt-Geld Gold“, konterte die „Wirtschaftswoche“ am 22. Juni dieses Jahres. Andererseits. Keine Frage, das Edelmetall polarisiert. Seine Förderung aus vier Kilometern Tiefe in Südafika führte allein während der vergangenen Monate zu Unfällen mit Dutzenden von Toten. In Rumänien, in den USA, in Peru, Australien, Ghana und Papua Neuguinea – um nur einige Länder mit den durch die Goldgewinnung verursachten schlimmen Umweltschäden zu nennen – tobt längst ein Kampf zwischen Goldkonzernen, Zulassungsbehörden und Umweltschützern.
Derweil investieren immer mehr Anleger weltweit ihr Erspartes in Gold, um der drohenden Entwertung der gigantischen Papiergeldmengen, dem schmutzigen Geld, einen Riegel vorzuschieben. So kompensieren sie den krisenbedingten Rückgang der Schmucknachfrage. Je stärker sie auf Gold setzen, desto steiler steigt dessen Preis. Eine der Folgen: Die Konzerne versuchen noch mehr Gold zu fördern, um von dessen Preisanstieg zu profitieren. Doch je strenger die Auflagen der Behörden für den Umweltschutz werden und je weiter sich dadurch die Erschließung neuer Lagerstätten verzögert, desto mehr hinkt das Goldangebot der Nachfrage hinterher, desto ungehemmter kann der Preis also steigen – sozusagen das goldene Paradoxon.

Schutz vor Papiergeld und Inflation
Ist Gold böse, weil die Gewinnung von wenigen Gramm aus einer Tonne Gestein Umweltschäden verursachen kann (aber nicht zwangsläufig muss)? Oder ist Gold gut, weil es seine Käufer vor der Entwertung des Papiergeldes schützt, auf dem ja auch Renten, Lebensversicherungen, Bundesanleihen und andere so genannte Geldwerte basieren? Die Antwort hängt davon ab, wie die Menschen mit dem Edelmetall umgehen. Die Böse-Fraktion verweist, außer auf Umweltschäden, auch auf die negativen Folgen für die Gesundheit vieler Menschen – darunter häufig Kinder – durch den Einsatz von Quecksilber und Zyanid, auf die Goldraubzüge der Spanier und Portugiesen in Mittel- und Südamerika, auf die vielen Toten beim Goldrausch in Kalifornien oder Alaska und auf die Waffenfinanzierung mithilfe von Gold während des Zweiten Weltkriegs. Dagegen kontert die Gut-Fraktion, außer mit der Wertbeständigkeit und dem Schutz vor Inflation, zusätzlich mit den vielen Arbeitsplätzen besonders in Entwicklungsländern, aber auch in der Weiterverarbeitung und im Handel, mit der Freude am Schmuck und mit dem triftigen Argument, in Zeiten des Goldstandards bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs habe Gold dafür gesorgt, dass Politiker nicht mehr Geld ausgaben als einnahmen – was in Zeiten gigantischer Staatsschulden wie ein Anachronismus wirkt.
Wie gehen nun Menschen mit dem Edelmetall um? Regierungen horten es über ihre Notenbanken als Währungsreserve. Doch niemand käme auf die Idee, die Regierung Obama für böse zu halten, nur weil die USA den größten offiziellen Goldschatz der Welt besitzen, oder die Bundesregierung anzuschwärzen, weil Deutschland Gold-Vize ist – auch wenn der deutsche Goldschatz größtenteils in amerikansicher Hand ist. Kleine Minenfirmen und Millionen von privaten Golddiggern setzen das giftige Quecksilber ein, um Gold mit einem chemischen Verfahren vom Gestein oder Sand zu trennen. Die Großen der Goldbranche verwenden zu einem großen Teil noch Zyanid, das im Gegensatz zum Quecksiler zwar biologisch abbaubar, aber ebenfalls giftig ist. Doch inzwischen setzen sich zunehmend umweltfreundliche Verfahren durch, wobei kleine Minen eine Art Rütteltisch bevorzugen (Wilfley-Verfahren), während große Konzerne eine Zentrifuge verwenden (JIG-Verfahren).

Sind Goldkonzerne gewissenlos?
Längst noch nicht genug, behaupten internationale Umweltschutzverbände und lassen es die Konzerne spüren. So wie die Globalisierungsgegner der Organisaion „Erklärung von Bern“ und die Umweltaktivisten von Greenpeace, als sie zu Beginn dieses Jahres während einer Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos dem US-Goldkonzern Newmont Mining, Nummer zwei der Branche, den nicht eben schmeichelhaften Titel „gewissenlosestes Unternehmen des Jahres“ verliehen. Anlass waren unter anderem fragwürdige Newmont-Ativitäten in Ghana, nachdem der Konzern schon wegen Umweltschäden in Peru zur Rechenschaft gezogen worden war. Auch die Nummer eins der Branche, Barrick Gold aus Kanada, bekam bereits die Konsequenzen aus den Vorstößen von Umweltschützern zu spüren: Der staatliche Pensionsfonds Norwegens verkaufte kurzerhand seine Barrick-Aktien, weil die Kanadier in Papua Neu Guinea Minenabfälle in einen Fluss gekippt hatten. Die Internetseite www.nodirtygold.org, wo weitere Einzelheiten zu finden sind, stellt auch andere Umweltsünder an den Pranger.
Die Goldkonzerne reagieren inzwischen, indem sie gewisse freiwillige Standards zum Umweltschutz akzeptieren. Welcher von ihnen damit wie weit ist, ergibt sich aus der Internetseite www.cyanidecode.org. Wie dem Namen zu entnehmen ist, geht es hier um den umweltschonenden Einsatz von Zyanid, wobei neben den führenden Goldkonzernen auch Zyanidhersteller und -transporteure aufgeführt werden. Das Bewusstsein für eine saubere Gold-Umwelt setzt sich über die Weiterverarbeitung bis zum Schmuckhandel fort. Es zeigt sich ansatzweise im Verhaltenskodex des deutschen Konzerns Heraeus und füllt im letzten Geschäftsbericht des belgischen Konzerns Umicore, der das Edelmetallgeschäft von Degussa übernommen hat, sogar 17 Seiten. Das Bayerische Hauptmünzamt, das 2004 für die Prägung der Goldmünze „Weltkulturerbestadt Bamberg“ verantwortlich zeichnete, präsentiert sogar ein Umweltschutzzertifikat mit dem Gütesiegel ISO 14001. Und damit das saubere Gold auf dem Weg zu den Verbrauchern nicht noch beim Handel verloren geht, gibt es die „Golden Rules“, denen sich bereits Dutzende von Schmuckhändlern und -herstellern unterworfen haben (www.nodirtygold.org), darunter Kaliber wie Wal-Mart, Tiffany & Co., QVC, Piaget und Cartier.

Dreifach gut
Solche Initiativen dürften Lust auf mehr machen, wobei der finanzielle Aspekt durchaus in den Vordergrund rücken könnte. Denn wie das Beispiel des norwegischen Pensionsfonds zeigt, haben es institutionelle Anleger in der Hand, mit Aktienverkäufen aufgrund von Umweltsünden Kurse zu drücken. Und je tiefer ein Kurs notiert, desto teurer wird für betroffene Konzerne die Beschaffung von Eigenkapital. Macht das Beispiel Schule, dürfte das weltweite Goldangebot wegen fehlender Investitionen und rückläufiger Fördermengen knapp werden. Am Ende gäbe es im Extremfall nur noch gutes, weil unter hohen Umweltschutzauflagen gefördertes Gold. Es wäre sogar dreifach gut. Denn es würde die Umwelt schonen, sein Preis dürfte wegen der zunehmenden Knappheit in die Höhe schießen, also Goldbesitzer vor der Geld-Entwertung schützen, und das Angebot an Altgold nähme zu, so dass zur Deckung der Nachfrage weniger neues Gold abgebaut werden müsste.

Foto: Monika Frei-Herrmann
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