Werden Lebensmittel bald knapp?

„Lebensmittel ausverkauft – produzieren wir den Mangel von morgen?“ lautete das Thema des diesjährigen Symposiums der Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel (IG FÜR). Denn Gefahren für unsere Lebensmittelversorgung lauern von vielen Seiten: Durch die Vernichtung von fruchtbaren Böden, die Verarmung der Pflanzenvielfalt sowie die steigende Nachfrage großer Schwellenländer wie China nach eiweißreichen Lebensmitteln.

Jahresgespräche zwischen Einkäufern und Lieferanten sind im Lebensmittelhandel so eine Sache: Bislang versuchten die Einkäufer immer, die Preise zu drücken. Was aber, wenn die Lieferanten auf einmal gar nicht mehr liefern können oder wollen? Mit einem fiktiven Jahresgespräch zwischen einem „Chefeinkäufer“ und seinem langjährigen Lieferanten startete Georg Sedlmaier, Gründer der IG FÜR, das Symposium und Rainer Mihr, Chefredakteur der Lebensmittel Praxis, spann den roten Faden der Verknappung während des gesamten Symposiums weiter.

Die Vorboten künftiger Rohstoff-Knappheiten waren für die deutschen Verbraucher schon in der Weihnachtsbäckerei des Jahres 2014 deutlich zu spüren: Bei der Suche nach Haselnüssen standen die Konsumenten in Supermärkten vor leeren Regalen. „Wir gehen in die Mangelsituation bei Rohstoffen“, beobachtet denn auch Andreas Wenning, Geschäftsführer bei Rapunzel Naturkost. Der Bio-Hersteller aus Legau spürt deutlich die Umorientierung von Fleisch zu pflanzlichem Eiweiß aus Hülsenfrüchten oder Nüssen. So hat sich beispielsweise in den letzten acht Jahren der Preis für Haselnüsse vervierfacht. Andreas Wenning gibt den Symposiums-Teilnehmern in den Räumen des Kölner Standardisierungs-Unternehmens GS1 Germany einen ungewöhnlichen Tipp für die persönliche Zukunftsvorsorge: „Pflanzen Sie Haselnuss-Stauden oder Walnussbäume.“

Bestandsaufnahme: Kontaminierte Böden, Patente auf Pflanzen

Ist die Rohstoff-Situation tatsächlich so kritisch, wie dieser Tipp befürchten lässt? Die Bestandsaufnahme ist aufrüttelnd: Die Böden Chinas sind nur zu 9,4 Prozent fruchtbar und davon sind bereits 18 Prozent kontaminiert durch Schadstoffe. In den USA sind bereits 49 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen durch Monokulturen ohne Fruchtfolge mit 10-fachem Spritzmitteleinsatz und drei Meter hohen Super-Unkräutern unfruchtbar geworden. Doch auch in Deutschland und Europa werden laufend wertvolle Humusböden vernichtet, verbaut, verbetoniert und vermaist. Dazu kommt der Verlust an Arten-Vielfalt. So rechnet Dr. Christoph Then vom Testbiotech Institut vor: „Fünf Unternehmen kontrollieren etwa 50 Prozent des Weltmarktes für Gemüse“ (Monsanto/USA, Vilmorin/F, Syngenta/CH, Nunhems (Bayer Crop Science)/D, Rijk Zwaan/NL und Sakata/J). Dazu kommt: „Aus Pflanzen werden Erfindungen.“ Insgesamt wurden derzeit bereits rund 7.500 Patente auf Pflanzen angemeldet und erteilt wurden mittlerweile 2.400 Patente auf Pflanzen wie Tomaten, Melonen, Paprika oder Pfeffer. Derartige Patente stellen nach Erfahrung von Christoph Then eine „Behinderung der Vielfalt, der Züchter und Landwirte“ dar.

Dem Missbrauch des Patentrechts einen Riegel vorschieben

Die Lösungsmöglichkeiten angesichts dieser Herausforderungen in Sachen Lebensmittelversorgung sind vielfältig: Was Saaten, Pflanzen und Tieren betrifft, so ist die Politik gefordert, durch die Änderung oder einer anderen Auslegung von Gesetzen (wie der EU Patentrichtlinie, des Deutschen Patentgesetzes oder des Europäischen Patentabkommens) dem Missbrauch des Patentrechts einen Riegel vorzuschieben. Auch wäre es hilfreich, für Transparenz im Saatgut-Bereich zu sorgen. „Im Moment weiß niemand, wo das Saatgut herkommt“, so beobachtet Christoph Then. Das Bewusstsein für die Herkunft von Saatgut zu stärken, wäre ein wichtiger Schritt. Die Verbraucher sollten darüber aufgeklärt werden, was „samenfeste Sorten“ bedeuten (also Saatgut, das selbst vermehrt und wieder angepflanzt werden kann).

Gelebte Transparenz gegenüber dem Verbraucher

Wie Transparenz gegenüber dem Verbraucher ganz konkret gelebt werden kann, zeigt das Beispiel der niederländischen Firma Eosta, einem international agierendem Handelsunternehmen für Früchte, Gemüse und Säfte in Bio-Qualität. „Ohne Information gibt es keine Nachhaltigkeit“ sagt Firmenchef Volkert Engelsman. So zeigt Eosta Fotos der Erzeuger auf den Produkten und über das “trace & tell”-System des Unternehmens können die Konsumenten Informationen zu den Produkten, zu den Erzeugern, der Region und dem dahinter stehenden sozialen Engagement abrufen. Sein 25jähriges Jubiläum nimmt das Unternehmen zum Anlass für die Kampagne „Save our Soils“ zur Rettung der Böden. „Um die Welt künftig ernähren und dem Klimawandel nachhaltig begegnen zu können, brauchen wir widerstandsfähige Böden“, ist Volkert Engelsman überzeugt.

Wertschöpfung im Sinne von Wertschätzung

Eine „Wertschöpfung im Sinne von Wertschätzung“, proklamieren Dr. Anke Schekahn vom Biofair Verein und Stefan Voelkel, Geschäftsführer des gleichnamigen Saftherstellers. Derzeit geben die Deutschen jedoch mit 11 Prozent vergleichsweise wenig von ihrem Einkommen für Lebensmittel aus. Nach Aussage von Laura Gross von der Verbraucherinitiative sind derzeit nur 23 Prozent der Verbraucher „ansprechbar für Qualität; 75 Prozent kaufen immer noch nach dem Preis.“ Die Steigerbarkeit der Wertschätzung unterstreicht ein Diskussionsbeitrag des Dokumentar-Filmers Valentin Thurn: So findet von den erzeugten Lebensmitteln nur ein Drittel den Weg auf den Teller, ein Drittel landet in der (Müll)-Tonne und ein Drittel im Trog für die Fleischerzeugung oder als Biokraftstoff im Tank.

Junge Ideen, um das Bewusstsein zu steigen

Bei den nachmittäglichen Workshops brachte das „Junge Forum IG FÜR“ erfrischende Anregungen: Die zum Symposium erstmals eingeladenen Auszubildenden entwickelten im Dialog mit Experten Ideen, wie man mehr Bewusstsein bei Händlern und Verbrauchern schaffen kann. Das „Junge Forum IG FÜR“ sieht gesunde Ernährung als Bildungsauftrag in Kindergärten und Schulen und fordert, dass Händler und Erzeuger als „Leuchttürme“ mit besonderen Ideen voran gehen sollen. Die Auszubildenden bemängeln die einseitige Darstellung in der Presse und fordern Vielfalt statt Einfalt in der Berichterstattung. Sie wünschen sich akustische Informationen beim Anschauen eines Produkts, Elektronische Geräte am Einkaufswagen, „Bio-Label-Guides“ am Regal sowie Geschmacksproben und Verbraucherveranstaltungen. Der persönliche Kundenberater ist aber nach wie vor gefragt – wenn auch via Skype.

Wie wichtig die persönliche Ansprache für die Bewusstseinsbildung der Konsumenten ist, beweist der IG-FÜR-Gründer Georg Sedlmaier immer wieder. Vor 18 Jahren rief der Lebensmittelkaufmann die IG FÜR mit der festen Überzeugung ins Leben: Eine vielseitige Interessengemeinschaft von Persönlichkeiten müsse sowohl herausfordernd und lehrreich als auch positiv und zukunftsgestaltend wirken können. Vom diesjährige Symposium werden sicherlich nachhaltige Impulse auf die rund 70 Teilnehmer ausgehen.

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