Sich nicht erschüttern lassen: Über die Ausgeglichenheit der Seele

“Das aber, worauf du deine Sehnsucht richtest, ist etwas Großes, Vollkommenes und der Gottheit Nahes: sich nicht erschüttern zu lassen.“

Diese Worte stammen aus der Schrift des Philosophen Seneca „ De tranquilitate animi“ zu Deutsch „ Über die Ausgeglichenheit der Seele.“ Seneca beschäftigt sich in dieser Schrift mit der Frage, wie man diese Ausgeglichenheit erreicht, wie man zu dieser inneren Freiheit kommen kann, wie es gelingen kann, sich nicht erschüttern zu lassen, wie man zu der vielgerühmten Gelassenheit gelangt. Wie oft wünscht man sich in bestimmten Situationen gelassener zu werden, sich nicht aufzuregen, ruhiger zu sein. Denn allein das stoische Ideal der Gelassenheit, des Freiseins von Affekten, zu denen u.a. auch Neid, Missgunst und Ärger gehören, bzw. des Widerstands gegen diese Affekte bringt den Menschen sowohl der Gottheit als auch sich selbst näher. Andererseits wird durch das Zulassen dieser Affekte das Verhältnis zu sich selbst, die Zufriedenheit gestört und Unzufriedenheit breitet sich aus. Diese vielgerühmte Gelassenheit hat aber nichts mit Gleichgültigkeit, Desinteresse oder gar Fatalismus zu tun, sondern sie ist die Gabe oder die Fähigkeit, das, wie auch immer geartetes Schicksal annehmen zu können und nicht daran zugrunde gehen zu müssen. Diese Ausgeglichenheit der Seele äußert sich nach Seneca in einer inneren Übereinstimmung und Harmonie aller Handlungen, einer aus dem Inneren kommenden Festigkeit des Charakters, des Urteilens und der Selbstbeurteilung. Dies klingt für unsere Ohren wie eine einzige Überforderung, und der Weg, wie man zu dieser Ausgeglichenheit gelangt, hört sich in der Tat nicht einfach an. Man muss diese Ausgeglichenheit suchen, sich um sie bemühen, indem das eigene Tun und Handeln auf Ordnung, Maß, Schicklichkeit, uneigennütziges und gütiges Wollen und auf Vernunft ausgerichtet ist. Man muss sich bemühen, bei dieser Vernunft zu bleiben, sich nicht von ihr zu entfernen. Man muss sich um die richtige Grundhaltung der Seele bemühen, nur dadurch ist richtiges Wollen und richtiges Handeln möglich. Richtiges Handeln wiederum basiert auf dem Wissen um fremde Gegenstände und vor allem der Selbsterkenntnis. Von dieser stoischen Grundeinstellung scheint der moderne Mensch unendlich weit entfernt zu sein. Und doch gibt es immer mehr Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind, die ihre Identität erforschen wollen. Dies belegen nicht zuletzt die Wartezeiten bei der Terminvergabe bei Psychologen und Psychiater. Nicht ohne Grund t werden auch Texte Senecas in der modernen Psychologie für die Therapie verwandt. Um sich nicht erschüttern zu lassen, um wieder zu sich selbst zu finden, muss man sich letztendlich auf die eigene Natur besinnen, wieder bei sich selbst anfangen. Erst dann besteht die Möglichkeit, die innere Freiheit zu erreichen, die innere Unabhängigkeit von Menschen und Konsumgütern zu gewinnen. Dieser Zustand der inneren Freiheit setzt den Menschen über die Anfechtungen und Mühen des täglichen Lebens und gibt die Kraft, sich von diesen nicht erdrücken zu lassen. Diese innere Freiheit gibt aber auch die Kraft, sich für Umwelt und Weltgeschehen zu interessieren und einzusetzen, Verantwortung zu übernehmen anstatt sich teilnahmslos und desinteressiert von den Problemen der Welt fernzuhalten.  Von Helga Ranis.