Pflegen statt Putzen

Foto: Monika Frei-Herrmann

Wer pflegt statt putzt, macht die  lästige Notwendigkeit zur praktizierten Spiritualität. Von Andrea Tichy.

Die Verblüffung ist groß als Linda Thomas einen  Flecken im Teppichboden, den sie vor einigen Minuten mit  Wasser besprüht hat, mit einem Fasertuch einfach wegwischt. Was die Putzkolonnen in der ansonsten tip-top-gepflegten „Aquademie“ nicht geschafft haben, das schafft die Reinigungsfachfrau und Gründerin einer ökologischen Putzfirma mit einem Handstreich. Der Vortrag, den die Putzexpertin im Rahmen des Wasser-Symposiums von Hansgrohe hält, ist faszinierend und er wirft ein ganz neues Licht auf die von so vielen Menschen ungeliebte Tätigkeit des Reinemachens: Linda Thomas unterscheidet zwischen simplem Putzen und Pflegen und nach der Erfahrung der international gefragen Referentin hat dieser Unterschied schon das Leben so mancher Menschen von Grund auf verändert.
Eine Frau mit vernachlässigtem Haus und fünf Kindern beispielsweise, die in ihrer Ehe nur noch Stagnation fühlte, konnte durch eine veränderte Haltung zum Saubermachen ihre Beziehung wieder auffrischen. Schwer erziehbare Jugendliche konnten durch gemeinsames Reinemachen in ihrem Heim zu aktivem Miteinander motiviert werden. Linda Thomas definiert den Unterschied zwischen Putzen und Pflegen folgendermaßen: „Wenn wir putzen, dann nehmen wir Dreck weg und das Resultat hält oft nicht mehr als fünf Minuten. Wenn wir aber versuchen, mit unserem vollen Bewusstsein und mit Liebe diese Arbeit zu tun, wenn wir versuchen, mit Hingabe jedes Eckchen mit unseren Fingerspitzen zu durchdringen, dann verwandeln wir das Putzen ins
Pflegen.“

Linda Thomas selbst wurde der Zugang zum Putzen nicht in die Wiege gelegt, denn in ihrer südafrikanischen Heimat hatte selbst ihre wenig wohlhabende, kinderreiche Familie Frauen, die das Putzen besorgten. Weil sie später in der Schweiz ihre Kinder unbedingt anthroposophisch in der Waldorfschule erziehen lassen wollte und ihr Mann nicht bereit war, dafür zu zahlen, musste sie dringend Geld verdienen. Eine Freundin, die selbst ökologische Putzmittel herstellte, riet ihr, sich mit einer ökologischen Reinigungsfirma selbständig zu machen, was Linda Thomas auch tat. Die erste Zeit war hart, weil sie bei ihrer Tätigkeit Missachtung empfand und sie das Putzen anstrengend fand. Als Linda Thomas klar wurde, dass sie ihre Einstellung zum Putzen ändern musste, um es durchzuhalten, kam der Durchbruch. Sie machte sich als Spezialistin für hartnäckige Verschmutzungen einen Namen und wurde mit prestigeträchtigen Aufträgen betraut. So war sie jahrelang für die Unterhaltsreinigung des Goetheanums, des internationalen Kulturzentrums der anthroposophischen Bewegung in Dornach verantwortlich; heute leitet sie die Hauswirtschaft in der Lukas Klinik in Arlesheim.

Weniger ist mehr: Putzen und Reinigen nur mit Wasser 
Im Laufe ihrer jahrzehntelangen pflegerischen Tätigkeit hat Linda Thomas viele Putzmittel ausprobiert und ist zu der Erkenntnis gelangt: „Weniger ist mehr.“ Zu ihrer Grundausstattung gehören hochwertige Mikrofaser-Tücher, ein Abzieher sowie sogenanntes „Butzwasser“ (siehe Kasten „Die grüne Grundausstattung“). Butzwasser ist nach Auskunft der Hersteller Lichtmatrix Laboratorium München „kein Reinigungsmittel und kein Pflegemittel“, sondern nur eine bestimmte Form von „leerem“ Wasser, was es zum Oberflächenaktivator für vielfältige Materialbehandlungen macht. Es ist ein Wasser, dem in einem komplexen Prozess „alle Informationen entzogen wurden“, so erklärt der Hersteller Hubert Dietrich. Das Wissen dazu soll „uralt“ sein. Nur wenige Tropfen auf einen Liter sollen genügen, um etwa Chromflächen zum Strahlen zu bringen, Autoscheiben länger streifenfrei zu halten oder selbst hartnäckige Flecken zum Verschwinden zu bringen. Auch in der Reinigung von Photovoltaik-Anlagen wird Solarbutzwasser mittlerweile eingesetzt und es soll dazu beitragen, die empfindlichen Solarmodule zu schonen und den Stromertrag zu erhöhen.

Eigene Versuche mit „leerem“ Wasser 
Weil die verblüffenden Eigenschaften von Wasser seit Gründung der Zeitung Quell zu unseren ständigen Themen gehören, motivierte uns das von Linda Thomas Gehörte und Vorgeführte zu eigenen Tests. Ausgerüstet mit „Butzwasser“-Sprühflaschen versuchten wir die reinigende Wirkung des „leeren Wassers“ an vielerlei Stellen. Von den Brillengläsern bis zur Computer-Tastatur, vom Spiegel bis zum Waschbecken, von der Chrom-Spüle bis hin zur Windschutz-Scheibe. Erstaunlicherweise vermag das Butzwasser sogar Fette zu lösen, auf den Flächen einen ungewohnten Glanz zu erzeugen und das Beste daran: Es ist zu 100 Prozent ökologisch und ohne Zusätze, was das Abwasser und damit unsere Umwelt schont. Weil es Spaß macht, in Sachen Putzen immer neue Erfahrungen zu machen, ist die Sprühflasche mittlerweile in der Redaktion und zu Hause unser ständiger Begleiter.

Meisterschaft durch jahrzehntelange Hingabe 
Hartnäckige Flecken von Teppichböden so elegant, wie Linda Thomas es vorgeführt hat, zu entfernen, ist uns jedoch leider noch nicht gelungen. Es ist wie bei Künstlern und Wissenschaftlern aus anderen Bereichen, die rund 10 000 Stunden Übung brauchen, um auf ihrem Feld Meisterschaft zu erlangen. Bei Linda Thomas macht ihre jahrzehntelange Hingabe das Pflegen zur besonderen Kunst.

Foto: Monika Frei-Herrmann

QC27W11

Beitrag Die grüne Grundausstattung

Buch-Tipp Putzen!?

Die grüne Grundausstattung im Quell-Shop bestellen