Pädagogik und Empathie

Unsere Schüler sind keine kalten, digitalisierten, nur hirnig ausgerichteten Lernroboter, sondern Jugendliche in ihrer Entwicklung. Pädagogik sollte deshalb stets ein doppeltes Ziel verfolgen: Den Schülern einerseits Fachwissen und Kompetenzen zu vermitteln und sie zugleich bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten. Von Peter Maier.

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Charakter- und Herzensbildung sowie Werterziehung sind wichtige Ziele von Pädagogik. In der Schule geht es neben der Wissensvermittlung auch darum, die jungen Menschen auf ihrem Weg durch ihre Pubertät und hin zum Erwachsenwerden zu begleiten. Darin sehe ich unsere eigentliche pädagogische Aufgabe als Lehrer, auch wenn diese nicht so leicht greifbar und messbar ist, wie etwa die Versorgung jedes Schülers mit einem neuen Tablet-Computer. 

Digitalisierung versus Pädagogik?

Denn unsere Schüler sind eben keine kalten, digitalisierten, nur hirnig ausgerichteten Lernroboter, sondern Jugendliche in ihrer Entwicklung: in ihrer bisweilen mühsamen und langwierigen Persönlichkeitsentwicklung. Und das in Zeiten einer als immer unsicherer empfundenen globalisierten Welt, die von Terrorangst, Handelskriegen, sich egozentrisch gebärdenden Politikern, von der berechtigten Angst ums Weltklima und vom Corona-Virus beherrscht wird. 

Natürlich wird von uns Lehrern erwartet, dass wir uns der digitalen Entwicklung an den Schulen stellen und die uns anvertrauten Schüler Wissens-fit und Technik-kompetent für die Zukunft in einer sich immer schneller drehenden Welt machen. In der Coronakrise hat die Digitalisierung durch die Notwendigkeit des Homeschooling ohnehin einen kräftigen Schub nach vorne erfahren. Als Pädagoge mit fast 40-jähriger Berufserfahrung möchte ich jedoch einen leidenschaftlichen Appell an meine Lehrer-Kollegen, sowie an alle Bildungspolitiker und „Lehrplan-Macher“ richten: „Vergesst jetzt die Pädagogik nicht!“

Kurzum: Unsere Schüler brauchen im Lehrer vor allem einen Menschen, der ihnen im Klassenzimmer gegenübersteht, der sie liebt, sie als Individuen wahrnimmt, ihnen zugewandt ist und ihnen Mut macht. Wie sehr diese Überlegungen zutreffen, zeigt das Beispiel eines Kollegen von einem Nürnberger Gymnasium, der die Leistungsschwäche einer seiner Schülerinnen zum Anlass nahm, um mit ihr in der Pause ein langes und intensives Gespräch zu führen. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Eltern scheiden lassen wollten und sich die Schülerin die Schuld dafür gab. Später, beim Elternsprechtag, konnte der Lehrer auch mit der Mutter über die Not der Tochter sprechen. Dieser offene Austausch führte zu einer Kaskade der Kommunikation mit dem Ergebnis, dass die Eltern beschlossen, zum Wohl ihrer Tochter nun doch zusammen zu bleiben. (Mehr dazu im Internet unter QC61L42).

Gelebte Empathie

Ich kann vor diesem Kollegen nur meinen Hut ziehen. Scheinbar hat er im Laufe seines Berufes eine tiefe Empathiefähigkeit entwickelt. Gleichzeit redete er nicht um den Brei herum, als „das Schicksal“ ihm die Mutter von Maria zum Elternabend schickte. Er scheute sich auch nicht, die Mutter sofort mit der vollen Ladung des Problems zu konfrontieren, wissend, dass diese Situation ein „Kairos“ war, also ein besonderer Augenblick, der so vielleicht nie mehr wiederkommen würde. Dass es der Mutter peinlich war, weil er zu ihrer Überraschung im vollen Bilde von ihren Partnerproblemen zu Hause war, musste er in Kauf nehmen. Der Lehrer ergriff also eindeutig Partei für Maria und wusste, dass er nun handeln und die Mutter direkt und schonungslos mit Marias Not ins Bild setzen musste. Das brachte wohl den Umschwung für die Lage von Maria und indirekt womöglich sogar für die Beziehung ihrer Eltern. Die Problematik Marias war nun auf dem Tisch ihrer Eltern gelandet. 

Mit etwas Abstand betrachtet, musste mein Kollege sehr flexibel, einfühlsam und zupackend in kurzer Zeit verschiedene Rollen einnehmen: Zunächst war er Fachlehrer, der Maria und ihre Klasse in Physik unterrichtete. Als Maria in Tränen ausbrach, war er ein einfühlsamer Mensch und Seelsorger, der aber zugleich den nötigen Abstand zu dem Mädchen hielt, das sich ihm gerade so unmittelbar anvertraute. Am Elternabend wurde er für kurze Zeit fast unvermeidlich in die Position eines Psychologen versetzt. Insgesamt nahm er seine „Königsaufgabe“ als Lehrer wahr, der neben der Vermittlung von Fachwissen und Kompetenzen zugleich das Wohlergehen seiner Schüler im Blick hatte und mit hoher Sensibilität und zugleich Klarheit handelte, als er das Problem von Maria bei ihrer Mutter anging. Chapeau! 

Fazit: Mir ist klar, dass solch eine Situation wie die von Maria nicht so häufig vorkommt. Dennoch ist die Schule ein offenes System, in das auch immer wieder Probleme der Schüler von zu Hause hereingetragen werden. Es bedarf einer permanenten Präsenz im Schulalltag, um auch mit solchen Situationen wie der des Kollegen adäquat umgehen zu können. Grundkenntnisse in Psychologie können auch für uns Lehrkräfte nicht schaden.

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Die weichen Faktoren der Pädagogik

Unter „weichen“ Faktoren in der Pädagogik meine ich vor allem „Soft Skills“ wie Mitgefühl, Liebe und Empathie unseren Schülern gegenüber. Diese Eigenschaften sind mehr gefragt denn je, auch wenn sie schlecht messbar und schon gar nicht operationalisierbar sind. Gerade in uns Lehrern suchen die Schüler einen Menschen, 

• der ihnen neben der Wissensvermittlung Orientierung gibt – auf ihrem Weg durch die Pubertät und hin zum Erwachsensein; 

der ihnen notwendige Grenzen setzt und Leitplanken bietet, wenn sie über das Ziel hinausschießen; 

• der Geduld und Mitgefühl zeigt, wenn sie Probleme haben – etwa weil sich die Eltern gerade trennen, eine Beziehung zerbrochen ist, Opa oder Oma gestorben sind oder weil sich ein schulischer Misserfolg eingestellt hat;

• der sie – einem Magier gleich – immer wieder durch seine Fächer, Themen und Projekte begeistern, aufbauen und vor allem emotional erreichen kann;

• der eben Empathie-fähig ist, einen guten Draht zu ihnen hat und der ihnen in unserer schnelllebigen Zeit ein Anker ist, an dem sie sich immer festhalten können;

• der auch im digitalen (Corona) Zeitalter die Einstellung beherzigt: „Erziehung durch Beziehung“. 

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Buch-Tipp

Peter Maier

Schule – Quo Vadis?
Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens

„Schule macht krank, besonders in Corona-Zeiten.“ So klagen immer mehr Eltern und Schüler. Das digitale Lernen geht häufig über die Köpfe von Lehrern und Schülern hinweg. Peter Maier, ein erfahrener Pädagoge, entwickelt anhand des Modells des Lebensrades seine „Pädagogik des Herzens“, die neben der Wissensvermittlung auch die Bedürfnisse der Schüler, ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihre Charakterbildung im Blick hat. Er zeigt auf, wie eine Schule mit menschlichem Antlitz auch in Zeiten des beständigen Reformdrucks bezüglich Schulstruktur, Bildung und Unterhalt möglich ist.

Verlag: Epubli Berlin, 2. Auflage 2016, 360 Seiten
ISBN: 978-3-95645-659-6
Der Preis: 20,99 Euro    

Das Buch gibt es auch als eBook: ISBN: 978-3-752956-93-1; Preis: 12,99 Euro.

Weitere Infos und Buch-­Bezug: www.initiation-erwachsenwerden.de

Der Autor

Peter Maier ist Gymnasiallehrer und Initiations-­Mentor. Der in Ostbayern geborene Autor durchlief langjährige Fortbildungen in Gruppendynamik, initiatischer Therapie und christlicher Kontemplation. Dazu kommen Selbsterfahrungen mit Visionssuchen, Familienaufstellungen, in der Männer- und Ritualarbeit und mit vielfältigen alternativen Heilmethoden.

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Beitrag Schule im Aufruhr

 

 

 

19. August 2021
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