Kann Plastik krank machen?

Es fehlen klare Antworten, denn der wissenschaftliche Kenntnisstand ist noch gering. Fest steht jedoch: Mikroplastik hat mittlerweile seinen Weg bis in die entlegensten Gebiete der Erde gefunden. Von Dr. Renate Pusch-Beier.

Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) sind die meist verwendeten Kunststoffe: Weltweit werden pro Jahr 400 Millionen Tonnen Plastik hergestellt, darunter 50 Millionen Tonnen Polyethylenterephtalat (PET), das vor allem in Kunststoffflaschen aber auch in Verpackungen steckt. In Deutschland werden nur 16 Prozent des Plastikmülls wiederverwertet (recycelt). Die Hälfte des produzierten Plastiks wird weggeworfen und landet somit in der Umwelt, in Flüssen und im Meer mit inzwischen unübersehbaren Folgen. Denn die Kläranlagen in Deutschland können Mikroplastik nur zum Teil herausfiltern. Klärschlamm gelangt auf die Äcker und damit kommt Mikroplastik in die Nahrungskette. Der Abbau der Kunststoffe führt unter dem Einfluss von Wind und Sonne über Jahrzehnte (Plastiktüte 10 – 20 Jahre) bis Jahrhunderte (PET-Flasche 450 Jahre) zur Bildung von Mikroplastik mit Partikelgrößen von 0,1 – 5000 Mikrometern, wie die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, Mikroplastik definiert.

Plastik ist überall

Allein in Deutschland gelangen 340 000 Tonnen Mikroplastik (0,5 Prozent des Plastikmülls) pro Jahr in die Umwelt und werden durch Wasser und Wind verbreitet. Plastik ist überall – in der Luft, im Wasser (Flüsse, Seen, Meer), im Boden. Auch in frischem Schnee der Schweizer Alpen und der Arktis wurden erstaunlich hohe Konzentrationen an Mikroplastik nachgewiesen. Wahrscheinlich gelangen sie über die Luft dorthin. Mit 33 Prozent Anteil an der Mikroplastik-Verbreitung ist der KFZ-Verkehr (Reifen- und Straßen-Abrieb) der größte Lieferant. Weitere Verursacher sind Industriebetriebe, Baustellen, Sport- und Spielplätze (Schuhsohlen), Faserabrieb beim Waschen von Textilien, Einsatz von Wäschetrocknern, Gebrauch von Kunststoffverpackungen, Kosmetika, Pflegeprodukten, Reinigungsmitteln und Medikamenten.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Die Kunststoffpartikel können Chemikalien und Krankheitserreger binden, zum Beispiel Silicone, Epoxidharze (Dosendichtungen), Weichmacher (Bisphenol A, Phthalate), endokrin aktive Substanzen, UV-Absorber, optische Aufheller, antimikrobielle Additive, Schwermetalle, Pestizide, kaum abbaubare Umweltgifte wie Kohlenwasserstoffe (DDT) oder Flammschutzmittel (Tetra-bromphenol). Diese können Auswirkungen auf die menschliche und tierische Gesundheit haben. Doch noch weiß die Wissenschaft zu wenig darüber. Der geringe Kenntnisstand aufgrund der wenigen Daten aus Studien erfordert vorsichtige Formulierungen. Man geht davon aus, dass Mikroplastik als Lebensraum und Transportmittel für Mikroorganismen (Viren, Bakterien, Parasiten) dienen kann – auch für giftige oder schädliche Arten. Beispielsweise wurde die potentiell giftige Planktonart Dinoflagellat Pfiesteria piscicida in Biofilmen auf Oberflächen von Plastikteilchen gefunden. Dadurch könnte die Gesundheit von Fischen, Wassertieren und auch Menschen gefährdet sein. In einer umfassenden Auswertung der weltweit zur Verfügung stehenden Studien der vergangenen Jahrzehnte hat die TU Berlin im November 2019 untersucht, wie Mikroplastik die im Boden lebenden Organismen beeinträchtigt. Dabei zeigte sich, dass sich die Aufnahme von Mikroplastik auf den Stoffwechsel, die Fortpflanzung und das Wachstum diverser Bodenorganismen negativ auswirkt. Bei Laborstudien, in denen die Tiere unnatürlich hohe Dosen von Mikroplastik zu fressen bekamen, wurde eine Schwächung des Immunsystems, geringere Fruchtbarkeit und erhöhte Sterblichkeit gefunden. Auch Entzündungen sind möglich. Doch bisher wurde nicht geklärt, ob diese Ergebnisse spezifisch für Polymere sind, oder ob bei Verwendung von beispielsweise Sandpulver gleiche Effekte erzielt werden.
Was die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit betrifft, so gibt es mehrere Wege, wie Mikroplastik in den Körper gelangen kann. Die größte Quelle für die Aufnahme von Mikroplastik ist die Nahrung: Beispielsweise über Muscheln, Fische, Garnelen, Honig und Bier, „Fleur de Sel“, Trinkwasser oder Mineralwasser in PET-Flaschen. Auch Kontaminationen durch Lebensmittelverpackungen sind möglich.
Durch das Verschlucken von Zahnpasta kann ebenfalls ein ganz geringer Teil aufgenommen werden. Als weitere Quelle ist die Luft zu nennen, allerdings wird die Aufnahme von Mikroplastik aus Hausstaub über die Atemluft als sehr gering eingeschätzt. Aufgrund von Schätzungen ist die Aufnahme von Mikroplastik über die Haut sehr unwahrscheinlich. Größere Mikroplastik-Partikel werden wohl über den Verdauungstrakt ausgeschieden. Mikroplastik wurde in menschlichen Stuhlproben nachgewiesen. Bei kleineren Partikeln besteht die Gefahr der Einlagerung (Rußpartikel in der Lunge).
Bisher sind keine akuten negativen Auswirkungen auf den Menschen bekannt. Was wir noch nicht beurteilen können, sind die Langzeitauswirkungen, wenn Mikroplastik permanent über den Mund oder die Atmung aufgenommen wird. Auch weiß man nicht, was mit den bisher kaum erfassten sehr kleinen MP-Partikeln unter 5 Mikrometer oder gar mit Nanoplastik geschieht. Angebracht ist jedoch das Vorsorgeprinzip. In ihrem Aufsatz „Mikroplastik: die Geister, die wir riefen“ fordert die Wissenschaftlerin Darena Schymanski eine zielgerechte Forschung, eine realitätsnahe Risikobewertung, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zur Einsparung von Plastik in der Umwelt sowie die Aufklärung der Verbraucher. Vor allem sollte ihrer Meinung nach „eine Bewusstseinswerdung zu unserem verschwenderischen Konsum stattfinden“.

Kreislauf – Mehrweg aus Glas
Einweg-Plastikflaschen sind auch in Deutschland ein Problem. Stündlich werden hierzulande 1,9 Millionen Einwegflaschen verbraucht; im Schnitt verbraucht jeder Deutsche fast 200 Einweg-Plastikflaschen pro Jahr. Das erhöht die Flut an Mikroplastik in der Umwelt.Eine Alternative sind Mehrwegflaschen aus Glas, die sich seit einigen Jahren wieder steigender Beliebtheit erfreuen.

Die Autorin
Dr. Renate Pusch-Beier
studierte Biochemie an der Uni Tübingen und promovierte zum Dr.rer.nat. in München. Es folgte ein Inlandsstipendiat bei der Max-Planck-Gesellschaft.Danach verlegte sie ihren Wohnsitz ins Allgäu. Sie übernahm Lehraufträge an den FHs Kempten und Augsburg, sowie an der MTA- und Technikerschule in Kempten. Frau Dr. Pusch-Beier hält Vorträge zu den Themen Gentechnologie und Nanotechnologie, über Pestizide und ihre Auswirkungen, über Schadstoffe in der Landwirtschaft, in Lebensmitteln und Lebensmittelverpackungen, Plastik- und Mikroplastik in der Umwelt an verschiedenen Erwachsenenbildungs-Einrichtungen und Schulen und im Rahmen von Veranstaltungen der Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel.
www.ig-fuer.de

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