New York: Himmlischer Park

Die High Line in New York ist ein richtungsweisendes Beispiel kreativer Stadtentwicklung. Quell-Autorin Christine Mattauch berichtet von dem Besuchermagnet über den Straßen der Lower Westside.

Der Abrissvertrag war bereits unterzeichnet. Für 6,6 Millionen Dollar würde ein Bauunternehmen die Überreste der New Yorker Hochbahn demontieren, die seit Jahrzehnten ungenutzt vor sich hin rotteten. „Kein Mensch braucht dieses Ding“, sagte ein Anwohner im Interview mit der New York Times. Und ein anderer ergänzte: „Wenn man irgendwas Vernünftiges damit anfangen könnte, wäre das längst geschehen.“ Das war im Jahr 2000.
Doch der Abriss wurde verhindert – worüber inzwischen selbst diejenigen froh sind, die ihn einst befürworteten. Heute ist die High Line ein Kultprojekt, das seit seiner Eröffnung im vergangenen Juni weit mehr als eine Million Besucher anzog. Die zweieinhalb Kilometer lange Schienenstrecke an der Lower Westside von Manhattan hat sich in eine Grünfläche verwandelt, auf der sich wie auf einer Promenade in luftiger Höhe flanieren lässt. „Die High Line ist der innovativste Park der Welt“, sagt der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg stolz.

Eine originelle Form der Wiederverwertung
Doch die High Line ist mehr als eine Freizeitattraktion. Sie ist ein Lehrstück dafür, wie durch Zivilcourage und Engagement ein Stück städtische Identität gerettet werden kann. Obendrein demonstriert sie beispielhaft, wie nachhaltige Stadtarchitektur aussehen kann – ist doch das gesamte Parkprojekt nichts anderes als eine originelle Form der Wiederverwertung.
Die Hochbahn, 1934 für den Frachttransport gebaut und seit den sechziger Jahren kaum noch genutzt, fuhr fünf bis neun Meter über Straßenniveau. Fußgänger erreichen das einstige Schienenareal heute über Treppen, Rolltreppen und Aufzüge. Oben formen Betonplanken einen Weg, der sich gelegentlich zu Plätzen und Gärten erweitert. Es gibt Rasenflächen, Wildblumen, Bänke und das eine oder andere Kunstobjekt. Die Schienenstränge wurden erhalten, Bodenbelag und Bänke greifen ihre Struktur auf. Durch die ungewöhnliche Ebene – etwa auf der Höhe eines zweiten Häuserstocks – bieten sich den Spaziergängern einzigartige und verblüffende Stadtan- und –durchsichten. Der Entwurf stammt von dem New Yorker Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro und den Landschaftsarchitekten Field Operations. „Wir wollten den singulären Charakter und den ungeschminkten Pragmatismus der High Line bewahren“, sagt James Corner, Inhaber von Field Operations.
Ursprünglich gab es sogar Pläne, einen öffentlichen Swimming Pool einzurichten sowie ein Amphitheater. Das scheiterte an den Kosten. Realisiert wurde jedoch ein „Sonnendeck“ mit großen hölzernen Liegestühlen, die einen Blick auf den Hudson bieten. Wer einen Platz bekommen will, muss sich gedulden. Doch das fällt in der heiteren, entspannten Atmosphäre nicht schwer. Von der üblichen Manhattaner Hektik ist auf dem Hochpark nichts zu spüren, obwohl es ganz schön voll werden kann: An manchen Sommertagen ist der Andrang so groß, dass schon über eine Kontigentierung der Besucher nachgedacht wurde – mehr als 25.000 Flaneure täglich wurden in Spitzenzeiten gezählt. Geöffnet ist die High Line zwischen 7 und 22 Uhr.
Noch in den 80er Jahren wagte man sich in dem verslumten Viertel nachts kaum auf die Straße. Heute leben viele Künstler und Designer an der Lower Westside, und die High Line beschleunigt die Aufwertung. Über 30 Neubauten werden realisiert – Appartmenthäuser, Bürogebäude, Hotels. Die Stadt schätzt die privaten Investitionen auf insgesamt mehr als vier Milliarden Dollar.
Jean Nouvel, Frank Gehry, Annabelle Selldorf, DeLaValle + Bernheimer, Robert M. Stern – zahlreiche prominente und viele junge Planer tragen dazu bei, dass der High Line-Bezirk künftig einer der interessantesten Immobilienstandorte in Manhattan sein wird. Es gibt sogar ein Hotel, das über der High Line schwebt. Und kürzlich bekräftigte das Whitney Museum für American Art, dass es an der High Line eine Dependance errichten will, für 18 Millionen Dollar.
Durch die High Line sind Immobilien und Flächen an der Lower Westside erheblich im Wert gestiegen. Glücklich über das Kultprojekt sind heute daher nicht zuletzt ausgerechnet die Grundstücksbesitzer, die einst für den Abriss der Hochbahn eintraten. Sie fanden damals, dass das stillgelegte Ingenieurbauwerk die Gegend verschandelt und sie bei der Verwertung von Bauflächen behindert. Jahrelang kämpften sie für die Demontage, allerdings vergeblich, denn die High Line hatte auch damals schon Fans (siehe Randspalte). Vor neun Jahren endlich schien das Schicksal der Hochbahn besiegelt: Der Eigentümerverein „Chelsea Property Owners“ unterschrieb einen Abrissvertrag, und der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani gab Rückendeckung.

Aufstand von über 100 Bürgergruppen
Doch sie hatten nicht mit der Bürgerinitiative „Friends of the High Line“ (FHL) gerechnet. Sie organisierte einen Aufstand von über 100 Bürgergruppen und erreichte, dass der New Yorker Stadtrat für eine Erneuerung der High Line stimmte. Giuliani wollte den Abriss trotzdem durchsetzen. Da verklagte ihn die FHL und bekam recht. Im Jahr 2003 stellte die Stadt 15 Millionen Dollar für die Erneuerung der High Line bereit – das war der Durchbruch. Am 10. April 2006 legte Bürgermeister Bloomberg den Grundstein für das Park-Projekt. Die Kosten von rund 152 Millionen Dollar wurden zu einem großen Teil durch Spenden finanziert, wie es in Amerika häufig der Fall ist. Bei der High Line geht das Public-Private-Partnership noch einen Schritt weiter, denn nicht die Stadt ist für den Betrieb der Promenade zuständig, sondern die gemeinnützige FHL. Das Modell hat in New York Tradition – auch der Central Park wird von einer gemeinnützigen Organisation unterhalten.
Der erste Abschnitt des himmlischen Parks reicht von der Gansevoort Straße bis zur 20. Straße. Derzeit wird der zweite Abschnitt entwickelt, der bis zur 30. Straße führt – diese Verlängerung wird im Herbst eröffnet. Ursprünglich fuhren die Frachtzüge sogar bis zur 34. Straße, doch in diesem Gebiet ist ein großes Entwicklungsprojekt namens Hudson Yards geplant, das die Gegend um die Penn Station neu gestalten soll. Wegen der Wirtschaftskrise liegen die Pläne erstmal auf Eis. Doch eines ist sicher – die High Line hat viele Fans, die sich für ihren weiteren Ausbau stark machen werden.

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Die offizielle Homepage der New Yorker Highline

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