Bereits 1998 war ich in einer kleinen Buchhandlung auf ein Buch gestoßen, das mich sofort ansprach. In nur drei Tagen fraß ich dieses Buch förmlich auf. Der Titel: „Auf der Suche nach der verlorenen Seele“.[i] Die Autorin, Sandra Ingerman aus Kalifornien, ist ausgebildete jungianische Psychologin. In ihrer Arbeit mit Patienten erkannte sie aber bald die Grenzen ihrer psychologischen Heilarbeit. Auf ihrer Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten stieß sie auf das Wirken indianischer Schamanen, deren Denken über Gesundheit und Krankheit, sowie deren Heilungsansatz sehr verschieden zu unserer westlichen Medizin sind.
Schamanisches Denken
Obwohl es „den“ Schamanismus weder früher gab noch heute gibt, waren viele schamanisch geprägte traditionelle Völker der Überzeugung, dass es neben unserer rational wahrnehmbaren realen Welt noch eine zweite, dazu parallele geistige Welt gibt. Vor diesem Hintergrund des schamanischen Weltbildes wurde auch über Gesundheit und Krankheit anders gedacht. Danach hatte eine Erkrankung eines Stammesmitgliedes stets eine Ursache in dieser anderen geistigen Welt. Eine Krankheit wurde als Einbruch in die Unversehrtheit der Seele verstanden: als Verlust von Seelenenergien oder Seelenteilen eines Menschen.
Doch wie kommt es zu „Seelenverlusten“? Dazu Sandra Ingerman: „Traumatische Erlebnisse – vom Trennungsschmerz bis hin zu sexuellem Missbrauch – führen aus schamanischer Sicht zum Verlust von Teilen der Seele. Ein Teil von uns läuft sozusagen davon, um den Schock zu überstehen. Meist kehren diese geflüchteten Seelenfragmente nicht von allein zurück. Wir leiden, fühlen uns unvollständig und vom Leben abgeschnitten.“[ii]
Krankheiten konnten in den früheren Stammesgesellschaften auch durch Traumata auf emotionaler oder geistiger Ebene entstehen, etwa wenn ein Stammesmitglied durch ein anderes (heimlich oder offen) verflucht oder von bösen Emotionen anderer getroffen wurde. Durch solch einen emotionalen Schock konnte es passieren, dass dabei Teile der Seele aus dem Betroffenen wichen, so dass ihm danach wesentliche Lebensessenzen fehlten. Heute spricht man nicht mehr von Verfluchungen und „bösen Emotionen“, aber ein starkes Mobbing oder das Rausgedrängt-Werden aus beruflichen Positionen oder Beziehungen kann für die Betroffenen ähnlich negative Auswirkungen entfalten.
Vergleichen kann man einen Seelenverlust mit dem Auskugeln einer Schulter durch eine starke Einwirkung auf den Körper. In der Regel kann der Betroffene selbst diese Schulter nicht mehr in das Gelenk zurück schieben, es braucht dazu einen Arzt. Ähnlich verhält es sich bei einem Seelenverlust: Man braucht einen schamanisch Kundigen, der verlorene Seelen-Energien zurückholt für den Betroffenen. Eine Psychotherapie ist damit meist überfordert, wie die Psychotherapeutin Ingerman häufig selbst feststellen musste. Hier einige grundlegende Erkenntnisse aus ihrer schamanischen Arbeit (die Seitenzahl der Quelle steht in Klammern):
- „Seelenverlust ist eine spirituelle Krankheit, die seelische und körperliche Leiden verursacht. Wer aber nimmt sich unserer Seele an, wenn sie krank ist? Wir haben Ärzte für den Körper, für den Verstand und für das Herz, aber was tun wir, wenn die Seele leidet?“ (S. 13)
- „Viele von uns fühlen sich heutzutage nicht mehr vollständig, fühlen sich nicht ganz hier… Wir wünschen uns vollständig nach Hause zu finden, zu uns selbst und zu den Menschen, die wir lieben… Aus der schamanischen Perspektive betrachtet ist eine der Hauptursachen für Krankheit der Verlust der Seele.“ (S. 23)
- „Heute finden wir Seelenverlust oft vor als Resultat von Traumata, wie sie Inzest, Missbrauch, der Verlust eines geliebten Menschen, chirurgische Eingriffe, Unfälle, Krankheiten, Fehlgeburten, Abtreibungen, der Stress eines Kampfes oder auch Suchtverhalten darstellen. Die grundsätzliche Prämisse dabei ist: Wenn wir traumatisiert werden, trennt sich ein Teil unserer Lebensessenz von uns, damit wir überleben. Ein Teil von uns geht weg, um nicht den vollen Schmerz abzubekommen.“ (S. 23 f.)
- „Wenn aber ein Teil unserer vitalen Essenz entflohen ist – wie können wir ihn zurückholen? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage wandte ich mich dem alten spirituellen Weg des Schamanismus zu. Dort fand ich wirkungsvolle Techniken, um jene Teile unserer Lebensenergien zurück zu bringen, die sonst auf Jahre hinaus außerhalb unseres Zugriffs gewesen wären.“ (S. 24)
Die Technik der schamanischen Reise
Es ist das Verdienst der Psychologin Sandra Ingerman und ihres Lehrers Michael Harner aus Kalifornien, dass sie schamanische Rituale und Heilungen bei Indianerstämmen untersucht und ernst genommen haben. Die Erkenntnisse daraus haben sie dann mit den Inhalten moderner Jungianischer Psychologie verbunden und sie somit für unsere westliche Medizin kompatibel gemacht. Wichtiger als einzelne Rituale empfinde ich dabei die Grundvorstellung, wonach durch Traumata und Schocks Seelenteile verloren gehen können. Sie werden abgespalten von der bewussten Person und führen danach oft ein autonomes Dasein von der übrigen „Restseele“ des Betroffenen. Aufgrund solch eines „Seelenlochs“ treten dann bei diesem häufig Krankheiten und psychische Probleme auf.
Im Vorwort nimmt Michael Harner selbst Stellung zu dieser Thematik und zollt den Heilern aus Stammesgesellschaften großen Respekt: „Mit der gegenwärtigen Wiederentdeckung des Schamanismus und des schamanischen Heilens lernen wir endlich, den spirituellen und psychologischen Wert von vielem zu erkennen, was unsere Vorfahren bereits wussten. Und wir lernen nicht nur, diesen unermesslichen Schatz alten menschlichen Wissens zu respektieren, sondern wir beginnen auch, dessen Wert für unser eigenes Wohlbefinden und unsere eigene Gesundheit zu verstehen.“[iii]
Schamanen waren die Medizinmänner und Ärzte in Stammeskulturen. Sie waren in der Lage, sich in Trance zu versetzen – etwa mit Trommeln und Rasselinstrumenten, mit Meditationstechniken, manchmal auch mit bestimmten psychodelischen Drogen -, um auf eine sogenannte „schamanische Reise“ zu gehen. Dort kontaktierten sie ihr Krafttier und die unterstützenden Geister oder Kräfte, um so Hilfe und Information zu erhalten.
Mit „schamanischer Reise“ ist eine geistige Reise, ein Aussenden eines Teils des Bewusstseins des Schamanen in Bereiche außerhalb der alltäglichen Wahrnehmung gemeint. Ein Schamane sendet seinen Geist von der materiellen Realwelt in diese andere geistige Welt aus, reist in die „Anderswelt“, um dort die eigentlichen Ursachen einer Krankheit oder einer Beziehungsstörung zu suchen, zu finden, zu erkennen, das Problem dort zu lösen, einen verlorenen Seelenteil eines Stammesangehörigen einzufangen und mit diesem wieder in die Realwelt zurückzukehren. Dieses Geschehen beschreibt Frau Ingerman so:
„Schamanen auf der ganzen Welt haben Krankheiten stets als spirituelle Komplikation gesehen: als Verlust der Seele oder als Verminderung der essentiellen spirituellen Energie. Wenn eine Seele den Patienten vollständig verließ, dann würde er sterben. Es folgte daraus, dass – wenn der Schamane die verlorenen Anteile zurückbringen konnte – das Individuum wieder zu Harmonie und Wohlbefinden zurückzufinden vermochte. Dieses Zurückbringen wird vom Schamanen in einem veränderten Bewusstseinszustand vollzogen.“[iv]
Hatte der Medizinmann die Seelenanteile gefunden, musste er mit diesen Seelenessenzen Kontakt aufnehmen, mit ihnen verhandeln und sie dazu bringen, mit ihm in die Realwelt zurückzukehren. Wenn dies gelang, „blies“ er anschließend dem neben ihm liegenden Kranken diese aus der geistigen Welt mitgebrachten Seelenessenzen wieder ein – etwa über den Kopf oder die Brust. Danach konnte der Betroffene wieder gesund werden. Frau Ingerman berichtet dazu aus ihrer psychologisch-schamanischen Praxis:
„In der nichtalltäglichen Wirklichkeit habe ich viele Seelenanteile gefunden … Meine nächste Aufgabe besteht darin, diese Teile aus der nichtalltäglichen zurück in die alltägliche Wirklichkeit zu bringen, indem ich visualisiere und fühle, wie sie mit mir zurückkommen. Langsam und kräftig ziehe ich sie an mein Herz, dann erhebe ich mich körperlich und knie mich neben meinen Klienten. Ich lege meine Hände tassenförmig über das ‚Herzzentrum‘ meines Klienten und blase ganz bewusst Seelenteile durch meine Hände in den Körper, wobei ich visualisiere, wie sie in den gesamten Körper eintreten. Während des ganzen Vorgangs halte ich körperlichen Kontakt mit meinem Patienten.“[v] Die Psychologin weist mehrfach darauf hin, dass es nach solch einem „Seelen-Einblasen“ sechs Wochen bis sechs Monate dauern kann, bis der Seelenteil wirklich im Klienten integriert werden kann.
Der Fall Martin (64 Jahre): „Steige herab vom Kreuz!“
Erstaunliche Ahnenarbeit
Martin fühlte sich Zeit seines Lebens schuldig. Aber er wusste gar nicht, warum. Auch eine jahrelange Psychotherapie konnte dieses Grundgefühl in ihm nicht heilen. Durch eine Familienaufstellung wurde er jedoch später darauf hingewiesen, dass es in seiner mütterlichen Herkunftsfamilie ungewürdigte Tote geben müsse. Zehn Jahre lang verschrieb er sich einer sehr intensiven Ahnenarbeit. Was er dabei herausfand, konnte er zunächst selbst gar nicht glauben:
- Seine Großmutter hatte nicht drei Kinder, wie bisher angenommen, sondern 22 (!): Drei Jungen waren bald nach der Geburt wieder gestorben; außerdem waren 16 (!) Abgänge zu beklagen.
- Seine Urgroßmutter, die Mutter seiner Oma, hatte 17 Geburten: nur neun Kinder überlebten, acht starben früh.
- Seine andere Urgroßmutter, die Oma seines Großvaters, hatte 18 Geburten: nur acht Kinder überlebten, zehn Kinder starben früh.
Rechnet man die Kinder dieser drei Familien auf der mütterlichen Herkunftsseite zusammen, so wurden insgesamt 57 Kinder und Embryos geboren, davon starben 37; nur zwanzig Kinder überlebten. Gab es Abtreibungen? Waren es Krankheiten, die damals viele Babys hinwegrafften? Dazu bekam Martin keine Informationen. In jedem Fall fühlten sich die Eltern dieser Familien schuldig wegen all der toten Kinder. In typisch katholischer Vorstellung wurde daher nach einem Priester gerufen.
Magisches Denken in katholischen Gegenden
Dies bedeutete, dass ein junger Mann aus den nachfolgenden Familien katholischer Priester werden sollte. Durch sein Zölibat sollte er ein Leben lang der Gottheit ein Opfer bringen. Durch das Hinopfern seiner Sexualität sollte alle Familien-systemische Schuld stellvertretend und posthum durch ihn ausgeglichen und getilgt werden. Auf diese Weise konnte die auf den betroffenen Familien liegende Schuld wieder beseitigt werden – so die damals besonders in ländlichen katholischen Gegenden verbreitete magische Vorstellung.
Tatsächlich wurde Martin besonders von seiner Oma mütterlicherseits jahrelang als Jugendlicher und als Student bedrängt, doch katholischer Priester zu werden. Martin wusste natürlich damals nicht warum. Da er wegen des Zölibats nicht Priester wurde, fühlte er sich seit seiner Entscheidung zum Studium der Elektrotechnik noch mehr schuldig als vorher. Erst ab seinem 60. Lebensjahr erahnte er den Zusammenhang dieses Schuldgefühls: Er war nicht moralisch schuldig geworden, es handelte sich wohl um eine auf ihn übertragene alte Familien-systemische Schuld aus seiner mütterlichen Herkunftsfamilie. Doch wie sollte er diese Schuld loswerden, die ihm doch gar nicht gehörte? Da bekam er den Tipp von einem „Shamanic Practitioneer“ in seiner Nähe. Nachfolgend sein Bericht von der Sitzung mit dem „Schamanen“, der seine Ausbildung vor vielen Jahren bei Michael Harner (s.o.) in Kalifornien gemacht hatte.
Steh auf vom Kreuz und lebe!
„Ich sollte mich auf eine Matte am Boden legen und die Augen schließen. Mit einer Rassel brachte sich der ‚Schamane‘ in Trance. Dabei rief er lautstark die Geister der vier Himmelsrichtungen, sowie die des Himmels und der Erde um Hilfe und Beistand für die bevorstehende ’schamanische Operation‘ an, indem er dabei meinen Körper mehrmals umrundete. Auch seine Krafttiere rief er um Stärkung, Begleitung und Schutz. Offensichtlich war der ‚Schamane‘ bereits zu seiner geistigen Reise aufgebrochen, um in die Anderswelt zu gelangen. Er suchte nun nach verlorenen Seelenenergien von mir, die offensichtlich etwas mit meinem permanenten Schuldgefühl zu tun hatten.
Bald traf er in dieser anderen geistigen Welt offenbar auf einen wichtigen Seelenteil von mir, den ich vermutlich in meiner Jugend verloren hatte. Der ‚Schamane‘ fand diesen Seelenteil als jungen, etwa 22-jährigen Mann in einer katholischen Kirche – angebunden an ein großes Kreuz, das mitten auf dem Gang vor dem Altar auf dem Boden lag.
Obwohl ich ja real nicht Priester geworden war, war es aber ein Seelenteil von mir, der offensichtlich durch den System-Druck aus der mütterlichen Herkunftsfamilie als junger Mann von mir abgespalten und verloren gegangen war. Und dieser Seelenteil, über den ich ja keine Kontrolle mehr hatte, war – aus Gründen des Schuld-Ausgleichs in der Familie – büßend und leidend am Kreuz. Dieser von mir abgespaltene, in der Anderswelt rumorende Seelenteil war wohl die Ursache für mein unerklärliches Dauer-Schuldgefühl.
Nun redete der ‚Schamane‘ redete laut und deutlich mit dem jungen Mann, so dass ich das ganze geistige Geschehen mitverfolgen konnte. Denn ich blieb, wenn auch in einem seltsamen und ungewohnten Gefühl, jederzeit in meinem Tagesbewusstsein. Nun löste der ‚Schamane‘ die Stricke von dem jungen Mann und forderte ihn lautstark auf, sofort vom Kreuz herab zu steigen, aufzustehen und mit ihm zurück ins Leben zu gehen. Der ‚Schamane‘ umklammerte nun diesen meinen jungen Mann und reiste mit ihm zurück in die Realwelt.
Laut prustend und schreiend blies mir der ‚Schamane‘ anschließend diesen meinen Seelenteil ein, umfasste mich dabei fest und schüttelte mich einige Male kräftig durch am Boden. Dieses Geschehen ging mir durch und durch, ein starkes Zittern durchströmte meinen Körper, ich begann nun heftig um mich zu schlagen und ebenfalls zu schreien. Ich konnte gar nicht anders, aber der ‚Schamane‘ fand dies ganz normal.
Nach einiger Zeit bedankte sich der ‚Schamane‘ bei allen Geistern und Krafttieren, die bei dieser Reise, Seelen-Rückholung und ‚Seelen-Einblasung‘ mitgewirkt hatten. Nach einiger Zeit bat er mich, die Augen zu öffnen und mich vorsichtig zu erheben. Die ‚Sitzung‘ war zu Ende.“
Reflexion
Drei Wochen später bekam Martin bei einem Spaziergang im Wald plötzlich und unvermittelt ein inneres Bild: Er sah, wie er sein „Schuldgewand“ auszog und wegwarf, das ihn ein Leben lang umhüllt hatte. Sofort begann dieses Gewand auf der Erde zu verwesen. Martin fühlte sich nun frei von jeder Schuld!
von Peter Maier
(Lebensberatung, Ahnenarbeit, Supervision, Initiations-Begleitung)
Wichtige Adresse für schamanisches Heilen: www.ver-wandlung.de (Martin Berghammer)
Literatur:
Peter Maier: „Heilung – Die befreiende Kraft schamanischer Bilder“ (Softcover)
ISBN 978-3-756521-18-0 (Preis: 16,99 €, Epubli Berlin, 1. Auflage 2022)
eBook: ISBN: 978-3-756523-53-5 (Preis: 10,99 €, Epubli Berlin, 2022)
Peter Maier: „Heilung – Plädoyer für eine integrative Medizin“ (Softcover)
ISBN: 978-3-752953-99-2 (Preis: 18,99 €, Epubli Berlin, 1. Auflage 2022)
eBook: ISBN: 978-3-752952-75-9 (Preis: 12,99 €, Epubli Berlin, 2022)
Peter Maier: „Heilung – Initiation ins Göttliche“ (Softcover) ISBN: 978-3-95645-313-7 (Preis: 18,99 €, Epubli Berlin, 2. Auflage 2016)
eBook: ISBN: 978-3-752956-91-7 (Preis: 11,99 €, Epubli Berlin 2020)
Nähere Infos und Buchbezug: www.alternative-heilungswege.de und
www.initiation-erwachsenwerden.de
[i] Sandra Ingerman: Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Der schamanische Weg zur inneren Ganzheit. Kreuzlingen 1998
[ii] ebd., Buch-Cover
[iii] ebd., S. 9
[iv] ebd., S. 31
[v] ebd., S. 95









