Räuchern mit heimischen Kräutern

Wacholder zum Desinfizieren, Mädesüß für Neuanfänge, Johanniskraut bei Streit: Die Möglichkeiten, mit heimischen Kräutern die Atmosphäre zu Hause zu steuern, sind vielfältig und eröffnen ein spannendes Feld für Experimente. Von Petra Haider-Marohl.

Das Feuer faszinierte seit jeher. Anfangs versammelten sich die Menschen um das Lagerfeuer, wärmten sich daran, hielten damit wilde Tiere ab und erhellten die langen dunklen Nächte. Man konnte mit Hilfe des Rauches das Fleisch erjagter Tiere konservieren und brachte als Dank dem Feuer duftende Kräuter und Harze als Opfer dar. Später holte man das Feuer in gemauerte offene Feuerstellen in die Behausung, die mit fortschreitender Entwicklung dem Holzofen wichen. So war es unseren Ahnen jederzeit möglich, Glut zum Räuchern zu entnehmen. Anlässe dafür gab es viele. So räucherte man früher gegen Krankheiten, zu rituellen Anlässen, man bat den Himmel um Schutz und Segen, bedankte sich und reinigte energetisch Haus und Hof. In der dunklen Jahreszeit wurde mit vielen verschiedenen Pflanzen geräuchert, um die Stimmung aufzuhellen. Lange, bevor wir einen Geruch bewusst wahrnehmen, haben Duftstoffe in Form von Molekülen den Weg durch unsere Nase gefunden. Im oberen Bereich der Nasenhöhle befindet sich die Riechschleimhaut; über diese werden die Duftinformationen an das Limbische System weitergeleitet, dem Sitz unserer Gefühle und Empfindungen. So können durch das Räuchern angenehme Erinnerungen und Emotionen ausgelöst werden. So vergisst man nie den Duft eines geliebten Menschen. Räuchern ist auf vielen Arten möglich. Aus dem Holzofen entnimmt man Glut und gibt diese in eine Räucherpfanne. Wenn sich auf der Glut eine weiße Schicht bildet, gibt man die Kräuter und Harze darauf und legt während des Räucherns wieder nach. Auch mit einem feuerfesten Gefäß, etwas darin eingefüllten Sand und spezieller Räucherkohle wird geräuchert. Die Kohle wird an einer Seite angezündet und glimmt nach einigen Minuten durch. Sobald die Räucherkohle grau wird, kann mit dem Räuchern begonnen werden. Einige Pflanzen lassen sich ohne weitere Hilfsmittel verräuchern, so genügen einige getrocknete Blätter des Salbeis, zu einer Kugel gedreht.

Räucherstäbe: Gebündelte Pflanzen-Kraft

Möchte man die Eigenschaften verschiedener Pflanzen nutzen, so werden die getrockneten Kräuter mit einem Baumwollfaden zu Räucherstäben gebunden. Im Freien werden diese angezündet, zum Lodern gebracht und ausgeblasen. Mit den glimmenden Räucherstäben und einem Teller als Schutz vor herabfallender Asche kann nun im Haus geräuchert werden. Dabei bleiben die Fenster und Türen der Räume geschlossen, erst nach dem Räuchern wird kräftig gelüftet. Es muss aber nicht immer so aufwendig geräuchert werden. So genügt am Abend zur Entspannung auch ein Stövchen mit einem Sieb oder eine Duftlampe, auf die das Räuchergut gegeben wird und durch die Wärme des Teelichts verteilt sich der aromatische Duft. Im Alpenraum ist es überliefertes Brauchtum, während der Rauhnächte (von Heilig Abend an bis zum Dreikönigstag) mit Weihrauch und verschiedenen Kräutern Haus und Hof zu räuchern. In dieser Zeit ruhte in früheren Zeiten die Arbeit und man rückte nah zusammen, so diente das Räuchern der Reinigung und der Desinfektion. Ein weiterer Termin ist Lichtmess am 2. Februar, ein Tag an dem früher die Mägde und Knechte die Anstellung wechselten und die Tage wieder merklich länger werden. Zu diesem Neustart im Jahr räuchern Imker ihre Bienenstöcke mit Quendel, um die Bienen wachzurütteln und zum Ausfliegen und Sammeln der ersten Pollen zu bewegen. Auch an Winter- und Sommersonnenwende, sowie Frühlings- und Herbstbeginn wird geräuchert. In der Nacht vom 31. Oktober auf den ersten November – an Samhain, Allerheiligen oder Halloween, wie immer man es nennen möchte – wird geräuchert in der Hoffnung, einem geliebten verstorbenen Menschen noch etwas Unausgesprochenes mitzuteilen. Die Anlässe zum Räuchern sind vielfältig. So können bei einem Umzug die neuen Räumlichkeiten gereinigt werden, indem von der Haustüre beginnend mit Salbei Zimmer für Zimmer geräuchert und anschließend gelüftet wird. In Räumen, in denen viele Emotionen freigesetzt werden, nach einem Streit oder wenn Kinder sich zanken, wirkt eine Räucherung mit Königskerze und Johanniskraut verblüffend spannungsabbauend.

Engelwurz als Lichtbringerin

Beide Kräuter haben ähnliche Eigenschaften und ergänzen sich. So wirkt Johanniskraut – verräuchert oder als Tee eingenommen – gegen Angst, Traurigkeit und Depressionen. Ein weiteres Kraut, die Engelwurz, wirkt als Lichtbringerin und schützt, wenn ihre Samen und Wurzel verräuchert werden. Bei Krankheiten wird zum Desinfizieren mit Wacholder geräuchert. Er wirkt stark keimtötend und reinigend. So wurden zu Seuchen- und Pestzeiten große Wacholderfeuer angezündet, um die Dämonen (Krankheitserreger) zu vertreiben. Es wurden damit auch die Ratten und die darauf lebenden Flöhe verscheucht, die diese Krankheiten übertrugen. Auch beim Sterben können verräucherte Kräuter das Loslassen erleichtern, so wird mit einer Räucherung von Holunderblüten und Eibenblättern der Übergang begleitet. Ein Ortswechsel, ein neuer Job, das Erwachsenwerden junger Mädchen – diese Neuanfänge können mit einer Räucherung mit Mädesüß unterstützt werden. Die Pflanze fördert die Intui-tion und stärkt das Selbstwertgefühl. Die Liste der Kräuter und der Anlässe zum Räuchern beinhaltet noch sehr viel mehr Möglichkeiten, doch mit den Kräutern, die vor der Türe wachsen, kann man erste Erfahrungen beim Räuchern sammeln.  Es muss nicht immer fremdländischer Weihrauch sein.

 

Buch-Tipp
Adolfine Nitschke – Heilsames Räuchern mit Wildpflanzen
Das Räuchern mit heimischen Pflanzen hat auch bei uns eine jahrtausendealte Tradition, doch leider ist das Wissen um seine Heilungsimpulse und seinen positiven Einfluss auf Emotionen und Wohlbefinden ein wenig in Vergessenheit geraten. Dieses Buch gibt Ihnen ein Stück Naturverbundenheit zurück und zeigt, wo Sie die Räucherpflanzen sammeln, wie sie verarbeitet werden, wie sie duften und welche Wirkung sie entfalten.
Gräfe und Unzer Verlag 2018
ISBN 978 3 833 862 427
192 Seiten, 19,99 Euro.

Die Autorin: Petra Haider-Marohl
Petra Haider-Marohls Herz schlägt schon seit Jahrzehnten für Pflanzen. Sie absolvierte beim Verein „Freunde naturgemäßer Lebensweise“ eine Ausbildung zur Kräuterexpertin und experimentiert voller Leidenschaft mit der Heilkraft von Wildkräutern.

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Bildnachweis: Vincent Marohl

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