Plädoyer für den Müßiggang

Müßiggang ist aller Laster Anfang? Das Gegenteil ist der Fall: Wer ständig unter Strom steht, der blockiert seine Fähigkeiten, auf neue Ideen zu kommen. Müßiggang ist geradezu die Voraussetzung für ein kreatives, selbst bestimmtes und gelingendes Leben.

„Das Beste, was wir tun können, ist nichts“, so lautet der Titel eines Buches, das Anfang März 2016 erscheint. Der Autor Björn Kern beschreibt darin auf amüsante Weise, warum Nichtstun für ihn die höchste Lebensform darstellt. „Wenn ich im Hochsommer auf meiner Bank im Oderbruch sitze, die Füße in eine Wanne voll Eiswasser getaucht, ein kaltes Bier neben mir, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe“, so schreibt er. „Vor mir leuchtet das Kornfeld so gelb, dass es beinahe schon blendet, und die Libellen aus dem Entwässerungsgraben schießen in die Luft und umkreisen mich und verschwinden dann wieder im Wiesengrund. Von keiner noch so großen Kinoleinwand kann ich annähernd so schöne Bilder bestaunen, wie ich das von meiner Bank aus vermag, den Himmel, das Feld und die Weite.“
Im Nichtstun hat der 1978 in Lörrach geborene Autor Erfahrung. Schon als Kind lag er lieber im Sandkasten, als darin zu sitzen und schaute lieber in den Himmel, statt Sandburgen zu bauen. Als Jugendlicher verbrachte er ganze Sommer rücklings auf dem Steg eines nahen Waldsees. Schon damals war für ihn klar, dass Nichtstun seine Berufung sein würde. Bevor er sie aber konsequent ausleben konnte, musste er einige Irrwege gehen: Studium, Diplom, Kauf eines Autos, Miete eines (dunklen und feuchten) Büros, das von seinen Kollegen bald „die Gruft“ genannt wurde. Er arbeitete als Werbetexter, etwa für Firmen, die Plastikspielzeug importieren. Bald schwante ihm, dass er irgendwas falsch gemacht hatte. „Die Arbeit in der Gruft machte nicht nur keinen Spaß, sie brachte auch kaum Geld ein. Vom morgendlichen Überlebenskampf im Berufsverkehr war ich meist schon erschöpft, bevor ich den Computer auch nur anschaltete. Zur Erholung gönnte ich mir aufwendige Mischgetränke. Triple Hot Chocolate. Iced Caramel Macchiato. Spiced Root Beer Fizzio. Mit großem Trostbecher neben der Tastatur verbrachte ich meine Nachmittage überwiegend auf Spiegel Online und mit dem Lesen privater Mails. Abends bei meiner Freundin klagte ich über alles und nichts, ich zog sie mit in die Gruft hinab“, so erinnert  er sich in seinem Buch.
Unzufrieden mit seinem Leben begann er, immer mehr auf die „leise, vom Unterbewusstsein aufsteigende Stimme menschlicher Bedürfnisse“ zu hören, „die nur selten darum bittet, ins Büro zu fahren, im Stau zu stehen, sich vor dem Bildschirm den Nacken zu reiben oder eine hausinterne Mail mit ‚Lieber Herr Hartmann‘ zu beginnen, obwohl der liebe Herr Hartmann das letzte Arschloch ist, wie jeder im Betrieb weiß. Eigentlich will man das alles nicht. Eigentlich will man frische Luft, weite Sicht, ein bisschen platonische und viel körperliche Liebe. Grundlage dafür: gelingendes Nichtstun.“ Björn Kern schaffte sein Auto ab, gab seinen Arbeitsplatz „in der Gruft“ auf und musste damit auf einem Schlag zweihundertfünfzig Euro Büromiete weniger verdienen. Das nach und nach einsetzende Glücksgefühl bestärkte ihn, weiter „Dogmen der Irrlehre“ in Frage zu stellen. „Warum durfte Arbeit nur in der Stadt, im Büro, am Computer stattfinden? Warum musste sie täglich acht Stunden umfassen? Mit aller Kraft rüttelte ich an den Festen des Gesellschaftsvertrags, mit stetig zunehmender Konsequenz verfolgte ich den Pfad des Nichtstuns“, so schreibt er. Er arbeitete nur noch von zu Hause aus und nie länger als drei Stunden täglich.

Muße als Statussymbol
Die Erkenntnisse von Björn Kern, die so revolutionär anmuten, sind im Grunde nichts Neues. Bereits in der Antike galt die Muße als Statussymbol ersten Ranges, das die Menschen erst zum Nachdenken und zum politischen Handeln befähigte. Im Mittelalter degenerierte die Muße – das tätige Nichtstun – zum verachteten Müßiggang und das war im Grunde nichts anderes als ein Trick der Gesellschaftseliten. Um das gemeine Volk klein zu halten, es daran zu hindern, besitzstandsgefährdende Ideen zu entwickeln, verdammte man Müßiggang zum Laster und erhob dafür Fleiß zum Ideal.
Diesen Trick durchschauten geniale Köpfe schon immer. Goethe spielte Theater und gab sich dem Kartenspiel hin. Einstein machte Musik. Hermann Hesse las orientalische Märchen. Konrad Zuse, Erfinder des ersten Computers, malte Bilder. Sein Nobelpreisträger-Kollege Gerd Binnig, Entwickler des Raster-Tunnel-Mikroskops, liebt Tagträume. All diese großen Geister wussten instinktiv: Kreativität gedeiht nur in einem Klima der Muße. Denn wer ständig unter Strom steht, der blockiert seine Fähigkeiten, auf neue Ideen zu kommen. So wie ein Hamster im Rädchen, schaffen es Stressgeschädigte nie, aus den eingefahrenen Denkstrukturen herauszukommen. Der Grund: Ein Großteil unserer abgespeicherten Informationen lagert im Unterbewusstsein. Wer sich Stress macht, gibt all diesem Wissen gar nicht erst die Chance, nach oben zu treiben und sich an der Bewusstseinsoberfläche zu neuen Ideen zu entfalten. „Das Wort Einfall verrät ja schon, dass es sich dabei um einen Besitz im Unterbewusstsein handelt, von dem bei Gelegenheit Bruchstücke zur Reaktion kommen“, hat Professor Hans Sachse, ehemaliger Leiter des Instituts für Physikalische Chemie der Uni Mainz erkannt. Und der Schlüssel dazu sind Muße und Müßiggang.

Das tätige Nichtstun
Was Muße, Wortstamm für „Müßiggang“ ist, steht im Brockhaus. Sie ist „das tätige Nichtstun, die spezifische Form schöpferischer Verwendung von Freizeit unabhängig von Zwängen durch fremdbestimmte Arbeit, durch Forderungen der Gesellschaft, aber auch von den Konsumzwängen der Freizeitindustrie.“  Auch Björn Kern hat erkannt: „Nichtstun widerfährt einem nicht nebenbei. Es bedeutet nicht, nichts zu tun zu haben. Gelingendes Nichtstun fordert Konzentration ein und bedarf eines magischen Quäntchens Glück. Im Grunde ist Nichtstun nicht, was es behauptet, sondern ebenfalls eine Tätigkeit. Die Urtätigkeit, die uns lange geläufig war und dann verloren ging.“ Mit seiner Methode des Nichtstuns ist Björn Kern jedenfalls ziemlich erfolgreich: Fünf Bücher hat er mittlerweile geschrieben und dafür unter anderem den Brüder-Grimm-Preis bekommen. Ein Beispiel, das Lust auf Nachmachen macht.

Anleitung zum Müßiggang

Durch den Druck im Beruf und den Stress in der Freizeit haben viele Menschen verlernt, sich im besten Sinne gehen zu lassen. Dabei ist der Abstand zum Alltag gar nicht so schwer zu gewinnen. Wie der amerikanische Entspannungs-Pionier Herbert Benson in jahrzehntelanger Forschung herausfand, sind die Grundmuster erfrischenden Müßiggangs immer gleich.
Dazu gehört erstens, die Aufmerksamkeit auf einen mentalen Fokus zu richten. Das kann ein bestimmter Punkt sein, der mit den Augen fixiert wird, eine Wolke oder ein vorbeiziehendes Schiff. Das kann aber auch ein bestimmter Ton sein, ein Wort, das man ständig wiederholt. Oder die Konzentration auf den eigenen Atem. Diese Fokussierung der eigenen Aufmerksamkeit unterbricht den Strom der Alltagsgedanken und der Kopf wird buchstäblich leer.
Zweitens: Damit die Entspannung perfekt wird, ist es wichtig, dass sich eindringende Gedanken nicht breit machen. Das heißt, Gedanken vorbeiziehen lassen, sie nicht festhalten.

Foto: Monika Frei-Herrmann

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Buch-Tipps

39L07-Beste-tunBjörn Kern
Das Beste, was wir tun können, ist nichts

„Nichtstun heißt ja nicht, dass ich nichts tue. Nichtstun heißt, die falschen Dinge sein zu lassen“, lautet die Devise des Verfechters einer Lebenseinstellung, die nicht nur soziale Gemeinschaften aufblühen lässt, sondern obendrein noch die Umwelt schützt.

Fischer-Verlag
224 Seiten
ISBN 978-3-596-03531-1
Preis 9,99 Euro

 

 

978-3-9815402-4-6-Besten-DingeAndrea Tichy
Die besten Dinge kosten nichts
Sieben wirksame Verhaltensweisen, die uns gesünder, glücklicher und gelassener machen
Diese Buch versammelt beeindruckende Beweise dafür, dass die Natur und unsere unmittelbare Umgebung für uns Menschen eine breite Palette an kostenlosen Vitaminspendern, Heilmitteln und Glücksquellen zu bieten hat.
Quell Verlag
184 Seiten
ISBN 978-3-98155402-4-6
Preis 17,90 Euro
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