Leben mit Naturmaterialien

Von der Kosmetik über die Kleidung bis hin zur Raumausstattung und Wandgestaltung haben wir die Wahl, was wir über die erste, zweite und dritte Haut auf uns einwirken lassen möchten. Die Kaufentscheidungen von immer mehr Konsumenten belegen: Naturmaterialien liegen im Trend.

Als der Naturkosmetikhersteller Logocos vor 40 Jahren an den Start ging, zählte das Unternehmen zu den Pionieren, die mit selbst entwickelten Produkten zeigten, dass es Alternativen zu herkömmlichen Pflegeprodukten gibt. Ganz allmählich eroberten Naturkosmetikhersteller den Markt und nun kommen selbst die konventionellen Hersteller nicht mehr an dem Trend für mehr Natur in der Kosmetik vorbei: Kürzlich übernahm L’Oréal den Naturkostpionier Logocos. Der weltgrößte Kosmetikkonzern bietet nun unter der Marke Botanea für die professionelle Anwendung durch Friseure zu 100 Prozent vegane Pflanzenhaarfarbe.

Bei Naturkosmetik ist weniger mehr

Diese Bewegung hin zur Naturkosmetik kommt nicht von ungefähr: Wer Reinigungslotionen, Gesichtswässer, Cremes oder Lotionen von natürlicher Herkunft einmal probiert hat, der möchte dieses angenehme Gefühl auf der Haut kaum mehr missen. Besonders stark zu spüren ist der Unterschied bei Haarfarben: Während chemische Farben unangenehm auf der Kopfhaut brennen und auch sonst in Sachen Gesundheit keinen guten Ruf haben, ist die Einwirkzeit von Pflanzenhaarfarben eine reine Freude: Die wohlige Wärme auf dem Kopf und der kräutige Duft sorgen für angenehme Entspannung. Das Buch „Haarsprechstunde“, in dem der Kölner Haarpraktiker Michael Rogall ausführlich die Vorteile von Pflanzenhaarfarben für Kopfhaut und Haare beschreibt, hat mittlerweile viele Konsumenten zum Umdenken bewogen. Dieses Buch hat „Mein Leben verändert“, schreibt beispielsweise eine Leserin. „Es hat meine Gedanken angekurbelt und etwas in Gang gebracht, das mich sehr über mein Konsumverhalten und meine Einstellung zur Nachhaltigkeit meines gesamten Verhaltens hat nachdenken lassen“. Die Experten der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK) in Nürnberg kommen zu dem Ergebnis: „Verbraucher sind heute zunehmend kritischer und wesentlich besser informiert als früher. Die neue Generation verantwortungsvoller Kunden legt Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil und kauft entsprechende Produkte“. Auf dem Markt der Naturkosmetik haben sich in den vergangen zehn Jahren die Umsätze so gut wie verdoppelt und betragen nun in Deutschland rund 2 Milliarden Euro. Naturkosmetik ist allerdings nicht so neu, wie es die Zahlen der Trendforscher vermuten lassen. Als Pionierin der Naturkosmetik hat etwa Elisabeth Sigmund bereits Mitte der 1930er Jahre die Grundlagen für das in der ganzen Welt erfolgreiche Dr. Hauschka-Konzept gelegt, das da lautet: Die Haut besitzt eigene Kräfte, um sich zu versorgen und zu regenerieren und eine Kosmetik muss sie darin unterstützen. Deshalb lautet die Erfolgsformel: So wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Walkjanker statt Fleecejacke 

Was für die erste Haut gilt, das gilt auch für die zweite. Schon in der Umkleidekabine lässt sich spüren, ob sich ein Kleidungsstück so gut anfühlt, dass man es am liebsten gar nicht mehr ausziehen möchte. So wie bei der Kosmetik schätzen immer mehr bewusste Verbraucher auch bei der Kleidung Naturmaterialien aus ökologischem Anbau. Baumwolle beispielsweise, Leinen und Hanf, aber auch Wolle und Seide. Von Herstellern wie etwa hessnatur werden diese ohne umwelt- und gesundheitsschädigende Hilfsmittel gefärbt und ausgerüstet. Chlorbleiche und optische Aufheller gehören bei hessnatur ebenso wenig ins Repertoire wie Motten-, Käfer-Schutzausrüstung oder Filzfrei-, Bügelfrei- oder Pflegeleichtausrüstungen. Zum Vergleich: Bei herkömmlicher Textilherstellung verwandeln auf dem Weg eines Kleidungsstücks vom Feld über die Fabrik in den Schrank ganze Bäder von Chemikalien unsere Kleidung allzu oft in Reizwäsche für Umwelt und Gesundheit. Wenn T-Shirts, Hosen, selbst Kleider oder Mäntel zum schnelllebigen Wegwerf-Produkt werden, dann haben viele Hersteller nur noch ein Ziel vor Augen: mit Hilfe von Chemie die Kosten bei der Herstellung so weit wie möglich zu drücken. Und so ist die Bekleidungsindustrie zum Großabnehmer von Chemikalien geworden: rund ein Viertel der weltweit produzierten Chemikalien kommen dort zum Einsatz. Ein Umweltrisiko der besonderen Art ist Fleece: Die Autoren Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn beschreiben in ihrem Buch „Einfach anziehend“, was es in Sachen Mikroplastik mit Fleece auf sich hat: „Fleece kommt überwiegend aus Asien und wird oft extrem billig angeboten. In den Fabriken herrschen katastrophale Zustände, die ArbeiterInnen sind ungeschützt extremen Plastikstaub-Konzentrationen ausgesetzt.“ Noch mehr: Im Gebrauch kann eine einzige Fleecejacke bis zu einer Million Fasern pro Waschgang freisetzen. Die Alternative von Fleecejacken, die gerne im Outdoor-Bereich eingesetzt werden, sind Walkjacken aus Schurwolle oder Öko-Schurwolle. Ihre Vorläufer in Form von Walkjanker boten schon früher beim Berggehen Eigenschaften, wie sie heute Funktionskleidung für sich reklamiert: Walkstoffe sind winddicht, wasserabweisend, strapazierfähig, knitterfrei und halten sehr gut die Wärme.
Allerdings werden Öko-Textilien niemals zum Massenmarkt werden können. Denn Naturfasern aus Bioanbau sind nur „in verschwindend geringen Mengen auf dem Markt vertreten und werden nie Massenware sein“, so schreiben die Autoren Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn. Wer Kleidung aus Ökofasern trägt, schadet der Umwelt zwar nicht, sollte diese wertvollen Textilien aber dennoch bewusst konsumieren. Deshalb ziehen die beiden Autoren das Fazit: „Das umweltfreundlichste Kleidungsstück ist dasjenige, das ich schon seit zehn Jahren trage.“

Lust am Gestalten mit Naturmaterialien

„Wo die Natur zu Hause ist, wohnt es sich besser“. Mit diesem Leitsatz beginnt die Restauratorin und Journalistin Marion Hellweg ihr Buch „Mit Naturmaterialien wohnen“. Für die wunderbare Welt des natürlichen Wohnens stehen eine ganze Vielfalt von Naturmaterialien zur Verfügung: Holz, Naturfasern wie Sisal, Bast, Rattan oder Binse, Leder, Textilien wie Wolle, Baumwolle, Samt, Leinen oder Seide. Auch das Wohnen mit Glas, Naturstein, Keramik, Papier oder Metall beschreibt die Autorin in ihrem reich bebilderten Buch. Der Lust am Gestalten sind mit Naturmaterialien keine Grenzen gesetzt.
Das Bedürfnis nach mehr Natur in den eigenen vier Wänden spiegelt eine Entwicklung der vergangenen Jahre ganz besonders eindrucksvoll wieder: Die Renaissance des Zirbenholzes. Noch vor fünf Jahren waren Produkte aus Zirbenholz eine Seltenheit. Heute gibt es an jedem Weihnachtsmarkt Kissen aus Zirbenholz-Spänen oder Kerzenhalter aus dem besonderen Holz. Der Boom des Zirbenholzes kommt nicht von ungefähr. Was man im Alpenraum schon lange aus Erfahrung weiß, das konnte mittlerweile auch wissenschaftlich belegt werden. So hat beispielsweise die Forschungsgemeinschaft Joanneum Research herausgefunden: Menschen, die sich in einem Zirbenholz-Zimmer aufhielten, hatten eine deutlich niedrigere Herzrate bei körperlichen oder mentalen Belastungen als Probanden in einem identisch gestalteten Holzdekor-Zimmer. Durchschnittlich ergab sich durch die beruhigende Wirkung der Zirbe pro Tag eine Ersparnis an Herzarbeit von rund einer Stunde, das entspricht 3.500 Schlägen. Noch mehr: Die Wetterfühligkeit der Versuchspersonen ging zurück und im Zirbenholzbett zeigte sich eine deutlich bessere Schlafqualität. „Das Material der Wohnungseinrichtung hat offensichtlich größere Auswirkungen auf Befinden und Gesundheit als bisher bekannt“, so zieht Professor Maximilian Moser vom Institut für Nicht invasive Diagnostik der Joanneum Research das Fazit. Für den Schreiner Wilhelm Wuschko, der im österreichischen Mühlviertel eine Tischlerei betreibt, ist es eine wahre Freude mit Zirbenholz zu arbeiten. Das Holz der Zirbe hat einen gelbrötlichen Kern, es ist weich, leicht, dauerhaft und gut zu bearbeiten. Gerade weil sie so wunderbare Eigenschaften hat, stand die im Hochgebirge gedeihende Zirbenkiefer schon kurz vor dem Aussterben. Heute ist die Zirbenkiefer per Gesetz geschützt, so dass sie nur noch kontrolliert geschlagen werden darf. Auf Zirbenmöbel mit zeitlosem Design hat sich die Berliner Architektin Annecatrin Pantel mit ihrem Label „Stadtalm Berlin“ spezialisiert. Ihre Betten, Kommoden, Schränke und Sideboards, die ein Südtiroler Schreiner nach ihren Entwürfen aus Zirbenholz fertigt, finden bei designorientierten Kunden großen Anklang. Und wer sich keine neuen Möbelstücke aus Zirbenholz leisten kann oder möchte, der kann mit Paneelen den Duft der Entschleunigung ins Schlafzimmer oder Wohnzimmer bringen.

Allergiegefahr ausschalten

Gesundes Wohnen zahlt sich aus. Experten haben herausgefunden, dass mehr als 70 Prozent der Allergien, Kopfschmerzen, Reiz- und Schlafstörungen direkte Folge belasteter Raumluft sind. Immerhin verbringen die meisten Menschen hierzulande den größten Teil ihres Tages in geschlossenen Räumen, zu Hause oder am Arbeitsplatz. Das Beste wäre natürlich, bereits beim Bau eines Hauses Einfluss auf die verwendeten Materialien zu nehmen. Alte Materialien wie Holz, Lehm, Stroh oder Hanf erfreuen sich derzeit wieder neuer Beliebtheit. Der Ökohaushersteller Baufritz beispielsweise ist seit 120 Jahren darauf spezialisiert, Holzhäuser zu bauen; seit den 1970er Jahren stehen dabei Ökologie und Baubiologie im Vordergrund, mit dem Ziel, alle chemischen Stoffe zu vermeiden und durch gesunde Naturbaustoffe zu ersetzen. Nachweislich bringen diese Maßnahmen positive Effekte. So zeigen Luftschadstoffmessungen, die das Unternehmen seinen Kunden standardmäßig bei Neubauten anbietet, dass die Luft in den Häusern oft schadstoffärmer ist als außen. Manchmal auch auf dem Land, wo Emittenten wie etwa Biogasanlagen die Luft belasten können. Doch nicht nur Bauherren, auch Mieter haben die Möglichkeit, wesentlichen Einfluss aufs Raumklima zu nehmen. Beispielsweise durch Wandfarben aus Kalk und Lehm. Lange Zeit war es gar keine Frage, für die Gestaltung von Innenräumen chemische Dispersionsfarben zu verwenden. Nun besinnen sich immer mehr Menschen natürlicher Farben, deren Eigenschaften seit Jahrtausenden geschätzt werden. Kalkfarben etwa sind die gesündeste und nachhaltigste Weise, um Schimmel und Bakterien in den eigenen vier Wänden zu bekämpfen. Naturkalk entzieht Schimmelpilzen den Nährboden. Denn Schimmelwachstum wird stark vom pH-Wert der Oberflächen beeinflusst. Die meisten Schimmelpilze wachsen in einem Bereich zwischen pH 3 bis 9. Tapeten und übliche Anstriche weisen oft einen pH-Wert zwischen 5 (z.B. Raufasertapete) und 8 (z.B. Kunstharz-Dispersionsanstrich) auf. Das sind ideale Nährböden für Schimmel. Kalkfarben hingegen weisen pH-Werte von 11 und mehr auf und sind damit auf natürliche Weise gegen Schimmel resistent. Dazu kommt: Durch ihre offenen Poren ist Kalkfarbe  atmungsaktiv. Bei feuchter Raumluft speichert sie überschüssige Feuchtigkeit. Bei zu trockener Raumluft gibt sie Feuchtigkeit wieder ab. Damit regelt Kalkfarbe den Feuchtigkeitsaustausch auf ganz natürliche Weise und trägt zu einem gesunden Wohlfühlklima bei. Wer bei Kalkfarbe gleich an das weiße Innere von Kirchen oder historischen Gebäuden denkt, der wird angesichts der farblichen Vielfalt angenehm überrascht sein. Durch den Zusatz von natürlichen Erdfarbpigmenten sind wunderschöne, unvergleichliche Farbgestaltungen möglich. Der Lust am Gestalten sind bei Naturmaterialien keine Grenzen gesetzt.

Buch-Tipp

Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn
Einfach anziehend: Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben
Der Kleiderschrank wird immer voller und das schlechte Gewissen angesichts der dunklen Seiten der Modeindustrie immer größer – wer kennt das nicht? Aber es geht auch anders: nachhaltig,
bewusst und reduziert. Die Grüne-Mode-Expertin Kirsten Brodde und der Modeblogger Alf-Tobias Zahn zeigen, wie man sich von kurzlebigen Modetrends lossagt und trotzdem perfekt gekleidet ist. Statt Impulskäufe zu tätigen wird Kleidung repariert, getauscht und geliehen, es wird auf Flohmärkten und im Secondhand-Laden gestöbert und aus der längst vergessenen Hose wird mit einfachen Handgriffen ein wahrer Blickfang kreiert. Und wenn es doch mal etwas „ganz Neues“ sein soll, zeigt das Buch, welche Siegel vertrauenswürdig sind und worauf man beim Kauf von Kleidung achten sollte.

oekom verlag, Oktober 2018
ISBN 978-3962380540
144 Seiten, 15 Euro

Buch-Tipp

Marion Hellweg:  Mit Naturmaterialien wohnen
Wohntrend Natur: Dieser praktische Guide stellt natürliche Materialien vor, mit allen wichtigen Infos zu Herkunft, Verarbeitung, Eigenschaften, Pflege und zertifizierten Gütesiegeln. Zahlreiche Wohnbeispiele zeigen, wie Naturmaterialien in Innenräumen optimal eingesetzt und kombiniert werden können.

Deutsche Verlags-Anstalt, Oktober 2018
ISBN 978-3-421-04112-8
210 Seiten, 35 Euro

 

QC50E03

 

Bildnachweis: Titelbild, Annecatrin Pantel- die dritte Haut zeitlose Möbel aus Zirbe; Foto Jacke, Hessnatur

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