Die Kunst der kleinen Schritte

Durch persönlichen Einsatz Großes bewirken

Quell: Herr Sedlmaier, Sie engagieren sich ehrenamtlich für eine ganze Reihe von Initiativen: Sie sammeln Geld für SOS Kinderdorf und für den bayerischen Vogelschutzbund, Sie haben die Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel gegründet. Was ist Ihre Motivation für dieses vielfältige Engagement?
Georg Sedlmaier: Ich betrachte die Friedenssicherung als wichtiges Gut. Meine Initiativen sollen dazu beitragen. Beispiel SOS Kinderdorf. Dieser Verein leistet in 130 Ländern dieser Erde hervorragende Arbeit. Gemäß dem Motto „nicht nur den Fisch, sondern auch die Angel“ gibt SOS Kinderdorf Kindern durch eine qualifizierte, auf sie zugeschnittene Ausbildung eine echte Perspektive. Bei der IG FÜR gesunde Lebensmittel e.V. wollen wir die Bewusstseinsbildung stärken nach dem Motto: „Jeder Einkauf ist auch ein Stimmzettel“. Bei meinen Aktivitäten geht es immer auch um die Bewahrung der Schöpfung und eine gerechte Verteilung der Mittel zum Leben.

Quell: Lassen Sie uns zunächst über Ihr Engagement für SOS Kinderdorf sprechen. Hierfür haben Sie mehr als
eine Million Euro gesammelt. Wie ist Ihnen das gelungen?
Georg Sedlmaier: Zunächst habe ich mich vor Ort in SOS Kinderdörfern informiert. Zum Beispiel in Ilbague/Kolumbien, wo ich über eine Woche selber lebte. Ich habe mir nicht vorgenommen, gleich für zehn SOS Projekte weltweit zu sammeln. Ich ging immer Schritt für Schritt vor. Und wir haben uns über jeden erfolgreichen Teilschritt kräftig gemeinsam gefreut. Freuen stärkt nachhaltig! Auf diese Weise konnte ich für SOS Kinderdorf bislang mehr als 1.142.000 Euro sammeln und 239 Paten gewinnen.
Quell: Was ist Ihr Rezept, so viele andere Menschen für Ihre Sache zu begeistern und zum Mitmachen zu motivieren?
Georg Sedlmaier: Mir sind Begegnungen mit Mitmenschen überaus wichtig und ich empfinde sie als lebensbereichernd. Und so lautet der Titel meines ersten Buches „Begegnungen – alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Ich habe die Scheu vor Menschen, auch vor hohen Persönlichkeiten, verloren. Ich übe es immer wieder, fremde Menschen freundlich anzusprechen. Mit der Zeit geht dies immer besser, es entwickeln sich oft herrliche Gespräche. Es geht ja nicht um mich persönlich, sondern um wichtige Sinnfragen und Ziele für die Menschheitsfamilie. Wenn die „Wozu-Frage“ transparent geklärt ist, kommen die Erfolge.

Quell: Vor mehr als 20 Jahren gründeten Sie die Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel. Das Wörtchen „für“ zeigt ja schon, dass Sie sich für etwas einsetzen und nicht gegen etwas kämpfen. Bitte erklären Sie uns, welchen Unterschied das macht.
Georg Sedlmaier: Mein berufliches Engagement über fünf Jahrzehnte in namhaften Lebensmittelfirmen ist mir natürlich eine echte Praxishilfe. Im Berufsleben wussten Viele genau, warum was bestimmt nicht geht. Meine Aufgabe war es oft, gangbare FÜR-Wege zu finden. Das ewige Protestieren zieht uns nach unten. Wenn ich einem Politiker oder Entscheider mit einem Gesicht wie „neun Tage Regenwetter“ gegenüber trete, öffnet dies wenig freudige Türen. Die haben meist schon genug ernste Probleme zu lösen. Minus erzeugt wieder Minus. Wenn wir angegriffen werden, verteidigen wir uns intuitiv sofort wieder. Unsere IG FÜR-Einstellung macht uns zu anerkannten Gesprächspartnern über Partei,- Konfessions- und Ländergrenzen hinweg.

Quell: Was konnte die IG FÜR bisher konkret erreichen?
Georg Sedlmaier: Viele Lebensmittel werden nun beworben mit dem Versprechen „ohne Geschmacksverstärker, ohne Glutamat, ohne künstliche Zusätze“. Damit hat der bewusst einkaufende Kunde echte Wahlmöglichkeiten. Immer mehr namhafte Lebensmittelfirmen bieten Handelseigenmarken ohne Fremdstoffe (Gentechnik) an. Fast alle bieten heute regionale Produkte an. Natürlich wird niemand sagen, dass er dies wegen der IG FÜR macht. Aber die Hauptsache ist doch, dass diese gesünderen Alternativen immer häufiger angeboten werden.
Quell: Wie haben sich in den vergangenen 20 Jahren die Themen der IG FÜR verändert?
Georg Sedlmaier: Unsere Themen werden immer existentieller: Bewahrung der Schöpfung. Artenschwund, Verschmutzung der Weltmeere mit Plastik, die Pestizid-Problematik, die Folgen von Glyphosat für Mensch, Tier und Pflanzen. Uns beschäftigt die große Frage: „Gehen uns die guten Lebensmittel aus?“ Darüber halte ich Vorträge und eine Lebensmittel-Zeitschrift brachte auf Facebook eine ausführliche Dokumentation. Unser Berliner Symposium vom Herbst diesen Jahres bearbeitete mit hochkarätigen Teilnehmern ausführlich das Thema: „Ausgesummt? Was bedeutet Biodiversität für unsere Zukunft als Gesellschaft und für die Lebensmittelbranche?“

Quell: Sie geben auch regelmäßig Bücher heraus. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Ist Essen Religion?“. Lässt sich über die Religionen hinweg eine gemeinsame Haltung gegenüber dem Essen erkennen?
Georg Sedlmaier: Wertschätzung, Achtsamkeit und Dankbarkeit für unsere Mittel zum Leben prägt die gemeinsame Haltung der Religionen. Wenn wir unsere Lebensmittel mit Dankbarkeit und Freude in guter
Tischgemeinschaft essen, bekommt uns alles viel besser.

Quell: Welche weiteren Ziele haben Sie sich in Ihrem Unruhestand gesetzt?
Georg Sedlmaier: Um das Bewusstsein für „Lebensmittel als Mittel zum Leben“ weiter zu bilden, werden wir bei der IG FÜR weitere Symposien mit erstklassigen Teilnehmern und Akteuren organisieren. Wir werben für Qualitätswachstum statt Mengenwachstum. Unsere Ressourcen sollen auch den folgenden Generationen noch reichen. Es geht um mehr Wertschätzung und Achtsamkeit für Mensch, Tier und Pflanze, für Wasser und Erde!

Quell: Und woher nehmen Sie die Kraft für ihre vielfältigen Aktivitäten?
Georg Sedlmaier: Meine Familie und mein Glaube als Christ geben mir immer wieder Kraft. Bis heute ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht gebetet habe. Wenn die Aufgaben zur Bewahrung der Schöpfung zu groß sind, bitte ich den „Obersten Chef“ um Hilfe und gute Ideen. Wer glaubt, ist nie allein.

Buch-Tipp
Georg Sedlmaier (Hrsg.) Ist Essen Religion?
Ernährung aus Sicht der Weltreligionen. Beiträge aus dem Koran, jüdischen Speisegesetzen, dem Buddhismus, dem Alten und dem Neuen Testament, aus der Lehre Benedict von Nurcia und Hildegard von Bingen bieten eine vielfältige und achtsame Betrachtungsweise zur Wertschätzung unserer Mittel zum Leben.

BOOKSonDEMAND
147 Seiten,
davon 20 in Farbe
ISBN 978-3-7448-9210-0
Preis: 9,90 Euro

Engagiert: Georg Sedlmaier ist seit Jahrzehnten ehrenamtlich aktiv
Der geborene Niederbayer gründete unter dem Motto „Lebensmittel sind Mittel zum Leben! und jeder Einkauf ist Ihr Stimmzettel!“ die IG FÜR. Seitdem ist er das Gesicht der Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel und trägt als Vorsitzender deren Themen unermüdlich in die Öffentlichkeit. Mit Lebensmitteln kennt Georg Sedlmaier sich aus: Mehr als 50 Jahre war er als Lebensmittelkaufmann tätig. Zahlreiche namhafte Unternehmen wie Rewe, Edeka, Dallmayr und Feneberg zählen zu seinen beruflichen Stationen. Von 1990 an war er in der Geschäftsleitung von tegut tätig. Außerdem engagiert sich der Lebensmittelkaufmann seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlich für die SOS-Kinderdörfer und ist als Autor und Herausgeber tätig.

www.ig-fuer.de

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Bildnachweis: Titelbild Monika Frei-Herrmann, Autorenbild IG FÜR

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