Bedrohte Biodiversität

Die für uns so wichtigen Bestäuber sind in Gefahr. Was wir zu ihrem Schutz tun können.

Ohne Bestäuber weniger Nahrung, so lässt sich die Leistung von blütenbesuchenden Tieren wie Bienen, Schwebfliegen, Mücken, Fledermäusen und Wespen auf einen Punkt bringen. Denn ohne Bestäubung gibt es keine Befruchtung und die erfolgt bei vielen Pflanzen durch Insekten: Rund 80 Prozent der heimischen Nutz- und Wildpflanzen in Deutschland sind auf Bienen als Bestäuber angewiesen. „Die Biene ist zwar das kleinste Nutztier des Menschen, aber vielleicht das wichtigste, denn sie ist für immerhin 30 Prozent der globalen Ernte an Nahrungsmitteln verantwortlich“, sagt Dr. Bernhard Zimmer vom Bayerischen Institut für Nachhaltige Entwicklung.
Im kürzlich erschienenen Bericht des Weltrates für Biodiversität ist die weltweite Bedeutung von Bestäubern nun detailliert nachzulesen: „Bestäuber sind wirtschaftlich, sozial und kulturell wichtig“, ist dort geschrieben. „Ihre Gesundheit ist unmittelbar mit unserem Wohlbefinden verknüpft“, sagt Vera Lucia Imperatriz-Fonseca von der Universität von Sao Paulo, die bei dem allerersten Report des UN-Weltrats für Biodiversität (IPBES) maßgeblich beteiligt war. Die erste globale Bestandsaufnahme in Sachen Bestäuber ist deutlich in ihrer Aussage: Den Bestäubern dieser Welt geht es schlecht und wir täten gut daran, etwas gegen ihren Rückgang zu unternehmen. Denn Bestäuber haben einen wichtigen Anteil an der weltweiten Produktion an Pflanzen, die uns mit Früchten, Gemüse, Saatgut, Nüssen und Ölen versorgen. Ohne Bestäuber wären viele von uns nicht länger dazu in der Lage, Kaffee, Schokolade, Äpfel oder andere alltägliche Lebensmittel zu genießen.

Bestäuber wie Bienen oder Schmetterlinge sind durch eine ganze Reihe von Faktoren bedroht. Da ist die veränderte Landnutzung aufgrund des Bevölkerungswachstums. Menschen ziehen Städte hoch und bauen Straßen. Dazu kommt: Aufgrund der zunehmenden Bevölkerungszahl wird die Nahrungsmittelproduktion durch intensivierte Landwirtschaft und verstärkten Einsatz von Pestiziden immer industrieller. Dies ist mit einer Verarmung der Blütenlandschaft sowie einer Verringerung des Nahrungsangebotes verbunden und die Bestäuber werden durch den Einsatz von Agrargiften zusätzlich geschädigt. Wo genveränderte Pflanzen wachsen haben es Bestäuber besonders schwer. Auch machen ihnen Arten, die aus anderen Erdteilen eingewandert sind, sich ausbreitende Krankheiten und der Klimawandel zu schaffen. In Nordamerika und in Nordwesteuropa lässt sich der Rückgang von wilden Bestäubern durch Zahlen unterfüttern. Der Entomologische Verein Krefeld zum Beispiel lässt seit mehr als 30 Jahren von seinen Mitgliedern Insekten zählen: Um 80 Prozent ging über die Jahre die Ausbeute seiner Zählung zurück.

Von der nachhaltigen Landwirtschaft bis zum Blühflächenmanagement
Trotz der aufrüttelnden Bestandsaufnahme wird in dem Report nicht nur ein düsteres Bild gemalt. „Die gute Nachricht ist, dass eine Reihe von Maßnahmen ergriffen werden können, um die Risiken für Bestäuber zu reduzieren“, sagt Zakri Abdul Hamid, Gründungsmitglied von IPBES. Dazu gehört etwa der Ausbau der nachhaltigen Landwirtschaft sowie die Unterstützung traditioneller Anbaumethoden in Verbindung mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft.
Hierzulande können auch Städte, Gemeinden, Bauhöfe und Straßenbauämter dazu beitragen ein lebensfreundlicheres Umfeld für Bestäuber zu schaffen: Indem sie das „Grünflächenmanagement“ durch ein „Blühflächenmanagement“ ersetzen und die Grünflächen weniger intensiv als bisher pflegen. Das spart Zeit und Geld.
Im Kölner Landschaftspark Belvedere beispielsweise sieht man eigens angelegte Blühstreifen entlang und inmitten der Äcker. Dort werden blühfreudige Wildkräutermischungen möglichst regionaler Herkunft eingesät, wie etwa die gemeine Schafgarbe, die Kornblume oder der Klatschmohn. Diese Blühstreifen bilden einen farbigen Übergang zwischen intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen, Wegen und Gehölzen. Sie sollen als Lebensraum für Vögel, Insekten, Spinnen und Säugetiere die ökologische Vielfalt fördern, Bodenerosionen verringern und zu einem abwechslungsreichen Landschaftsbild beitragen.

Bildarchiv Frei-Herrmann

Eine Kräuterspirale im Garten ist eine ideale Futterquelle für Bienen. Verschiedene Blühzeiten und abwechslungsreiche Arten beglücken Bienen vom frühen Sommer bis in den Herbst.

 


Weniger mähen, mehr unordentliche Ecken

„Weniger wäre deutlich mehr“, lautet der Rat von Dr. Bernhard Zimmer. Den um sich greifenden „Aktionismus“ in Form von „Insektenhotels“ und „Saatgut für Bienenpflanzen“ sieht der Bienen-Experte kritisch. „Die Mehrzahl der kommerziellen ‚Insektenhotels‘ und Nisthilfen für Wildbienen sind vielleicht noch nett gestaltet, dienen aber maximal der eigenen Gewissensberuhigung, weil sie für viele Arten nicht als Lebensraum geeignet sind“, lautet seine Einschätzung.
Die Wildbienenarten benötigen Vielfalt und die geht zurück, wenn wir der Natur unsere rigiden Vorstellungen von Akkuratesse aufzwängen. Gut für die Wildbienen ist, weniger zu mähen, denn je mehr Blumen in einer Wiese wachsen, umso vielfältiger wird das Angebot. „Eine unordentliche Ecke in jedem Garten schafft mit wenig Aufwand mehr Lebensraum als jedes gut gemeinte Insektenhotel“, so Dr. Zimmer. Außerdem sollten die Hobbygärtner das Wort „Unkraut“ aus ihrem Wortschatz streichen. Zu den Bienenweiden unter den Pflanzen zählen Löwenzahn, Klee, Lindenblüten, Akazienblüten, Phacelia, Borretsch, Senf und Kapuzinerkresse, aber auch Obstblüten sowie Himbeer- und Brombeerblüten. Auch die Sonnenblume ist für viele Insekten ein Segen. Sie sollte möglichst in jedem Garten blühen.

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Der ökonomische Wert der Bestäuber

Den Wert der tierischen Bestäubungsarbeit hat der erste Bericht des Weltrates für Biodiversität nun in Zahlen gefasst: Zwischen 235 und 577 Milliarden Dollar bringt die tierische Arbeit von Bestäubern wie Bienen, Schwebfliegen, Mücken, Fledermäuse und Schmetterlinge jährlich ein, wenn sie von Blüte zu Blüte fliegen und damit den fürs Befruchten notwendigen Pollen verteilen. Das entspricht rund fünf bis acht Prozent des landwirtschaftlichen Ertrags.

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Fotos: Angelika Burauen | Monika Frei-Herrmann | Jon Sullivan | Christian Fischer | Marvin Radke | Baldhur Wikipedia

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