Wie Pilze unsere Welt formen

Pilze sind überall, aber man übersieht sie leicht, dabei sind sie für alle Lebensformen unverzichtbar. Pilze stellen Medikamente her, sie verdauen Umweltgifte, sie haben Einfluss auf die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und sie überleben sogar im Weltraum. Sie bilden nicht nur ein eigenes Organismenreich; was sie bewirken, ist einfach unglaublich. Von Claudia Schwarzmaier

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Obwohl es kaum eine Stelle auf der Erde gibt, an der es keine Pilze gibt – von den Sedimenten am Boden der Tiefsee bis hin zu unseren Verdauungsorganen –, sind über 90 Prozent aller Pilzarten noch nicht dokumentiert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Pilze ihr Leben weitgehend im Verborgenen führen. Was wir an der Oberfläche sehen und was wir als Pilz wahrnehmen ist der Fruchtkörper, der nur zur Fortpflanzung dient; er ist nur ein kleiner Teil des gesamten Organismus. Der größte Teil des Pilzes, das Myzel, bleibt oft un- sichtbar im Boden oder im Holz verborgen und sorgt für die Ernährung und Verankerung des Pilzes. Pilze bilden auch ein eigenes Organismenreich, das genauso weit gefasst ist wie die Kategorie „Tiere“ oder „Pflanzen“. Mikroskopisch kleine Pilze wie die Hefezellen, ohne die wir kein Brot, Bier und Wein hätten, sind genauso Pilze, wie die riesigen Netzwerke der Honigpilze. Der größte bisher bekannte Pilz verteilt sich über zehn Quadratkilometer und ist zwischen 2.000 und 8.000 Jahre alt. Eine völlig neue Sicht auf dieses faszinierende Organismenreich beschreibt der preisgekrönte Wissenschaftler und Biologe Merlin Sheldrake in seinem Buch mit dem treffenden Titel „Verwobenes Leben“ (siehe unten).

 

Eine gemeinsame Basis für die Gesundheit

Eine erstaunliche Tatsache ist beispielsweise, dass sich Menschen und Pilze auf molekularer Ebene sehr ähnlich sind. Bestimmte Lösungen, auf die Pilze gestoßen sind, können wir für unseren eigenen Körper nutzen. Das bekannteste Beispiel ist Penicillin. Mit dieser Substanz verteidigen sich bestimmte Pilzarten gegen Bakterieninfektionen. Das Wissen über die antibiotischen Eigenschaften von bestimmten Pilzarten hatten anscheinend schon die Neandertaler. So entdeckten Wissenschaftler, dass ein Individuum mit einem Zahnabszess einen Pilz gegessen hat, der Penicillin produziert. Aber erst 1928 entdeckte Alexander Flemming, dass ein Schimmelpilz die Substanz Penicillin produziert, das dann zum ersten modernen Antibiotikum wurde. Die Liste der Arzneimittel, die von Pilzen produziert werden, ist beachtlich. Das Spektrum reicht von einem Immunsuppressivum, das Organtransplantationen erst möglich macht, über zahlreiche Verbindungen, die gegen Viren und Krebs wirken, bis hin zu Substanzen, die schwere Depressionen und Angstzustände lindern können.

Einfach mal staunen

Nicht weniger erstaunlich ist, was Mykorrhizapilze seit Millionen von Jahren für das Klima bewirken. Erst 2023 zeigte eine Studie auf, dass diese Pilze, die mit Pflanzenwurzeln eine Symbiose eingehen und riesige unterirdische Netzwerke bilden, pro Jahr mehr als 13 Milliarden Tonnen CO2 aufnehmen. Das entspricht mehr als einem Drittel der jährlichen Treibhausgas-Emissionen aus fossilen Brennstoffen weltweit. Nach Meinung von Dr. Toby Kiers, Professorin für Evolutionsbiologie in Amsterdam, beginne die Forschung gerade erst zu verstehen, wie Mykorrhizapilze tatsächlich funk- tionierten. Lange hat die Welt Pilzsysteme „vernachlässigt“, sie wurden kaum kartiert, überwacht, oder geschützt. Durch Abholzung, Erosion und landwirtschaftliche Praktiken sind sie aber zu- nehmend bedroht. Sie hat deshalb einen Under- ground Atlas entwickelt. Er soll die weltweite Verbreitung der Mykorrhizapilze aufzeigen und bessere Schutzmaßnahmen ermöglichen. Doch es gibt noch viel mehr, bei dem Pilze den Menschen helfen können. Um Merlin Sheldrake zu zitieren: „Im Prinzip eignen sich Pilze besser als die meisten anderen Lebewesen für die Sanierung der Umwelt“.

Seit mehr als einer Milliarde Jahren wurde das Mycel auf einen Hauptzweck abgestimmt: den Verzehr. Pilze kann man aber auch nutzen, um beispielsweise das Öl nach einer Ölpest abzubauen, vergiftetes Wasser von Schwermetallen und Giftstoffen zu reinigen oder Pestizide wie Glyphosat abzubauen. Faszinierend ist auch ein Experiment, das mit Flechten (eine Verbindung von Pilz und Algen) durchgeführt wurde. Eineinhalb Jahre waren Flechten an der Außenseite der internationalen Raumstation ISS den Weltraumbedingun- gen und dem Einfluss der ungefilterten kosmischen Strahlung ausgesetzt. Sie überlebten!

„Im Prinzip eignen sich Pilze als die meisten anderen Lebewesen für die Sanierung der Umwelt“ Merlin Sheldrake

Man kann Merlin Sheldrake nur zustimmen. Er schreibt in seinem Buch: „Je mehr wir über sie erfahren, desto weniger verbleibt, was ohne sie Sinn ergibt“.

Interessante Links

Eine Möglichkeit, unkompliziert Pilzfunde melden zu können und damit dazu beizutragen, die Verbreitungsgebiete besser zu erfassen, bietet das Meldeportal Naturgucker vom Nabu. Auf dem Portal können Beobachtungen, Bilder und Videos von Tieren, Pflanzen und Pilzen aus der ganzen Welt dokumentiert werden. www.nabu-naturgucker.de

Alles rund um das Thema Pilze bietet die Website der Deutschen Gesell- schaft für Mykologie, vom Naturschutz, über das Sammeln von Pilzen bis zum Finden von Experten.www.dgfm-ev.de/de/

Ein positives Beispiel für die erfolgreiche Wiederansiedlung bedrohter Pilzarten im Bayerischen Wald ist ein von der Universität Bayreuth betreutes, deutschlandweit einmaliges Projekt. www.ubtaktuell.uni- bayreuth.de/artenhilfsprogramm-bayerischer-wald

 

Buch-Tipp

VERWOBENES LEBEN – Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen

 

Cover von „Verwobenes Leben“ von Merlin Sheldrake: Das Cover zeigt stilisierte, farbenfrohe Pilze auf schwarzem Hintergrund, die in lebhaften Grüntönen und Rottönen leuchten.

Merlin Sheldrake, Ullstein-Verlag ISBN 978-3-548-06531-1 448 Seiten, 19,99 Euro

Dieses Buch eröffnet völlig neue Sichtweisen auf die Natur und die Verbindung zu ihr. Es ist absolut spannend und fesselnd, in das geheime Leben der Pilze einzutauchen. Pilze sind uns nah und doch rätselhaft und ihre Möglichkeiten sind so anders als unsere. Merlin Sheldrake eröffnet dem Leser die Welt der Pilze aus der Pilz-Perspektive und for- dert die Leser heraus, viele unsere Annahmen zu überdenken