Vielfalt im Wasser

Viel ist die Rede vom Rückgang der biologischen Vielfalt. Die Artenvielfalt der Gewässer stand bisher nicht im Fokus. Nun warnen Wissenschaftler: Auch die biologische Vielfalt im Wasser ist bedroht. Nur sieben Prozent der deutschen Flüsse sind noch in einem guten ökologischen Zustand. Von Claudia Schwarzmaier.

Nüchtern weist die Dokumentation „Wasserwirtschaft in Deutschland; Grundlagen, Belastungen, Maßnahmen“ des Umweltbundesamtes den schlechten ökologischen Zustand der deutschen Gewässer aus. Besonders besorgniserregend ist es um die Küstengewässer und Übergangsgewässer (den Gewässern in der Nähe von Fluss- mündungen) bestellt: Von ihnen erreicht kein einziges einen guten ökologischen Zustand. Nicht viel besser steht es um die rund 9.000 Flüsse in Deutschland; von ihnen sind 93 Prozent in einem mäßigen, unbefriedigenden bis schlechten Zustand. Nur von den 730 Seen in Deutschland ist immerhin noch ein Viertel (rund 26 Prozent) in einem sehr guten beziehungsweise guten Zustand. Gut ist dabei gleichbedeutend mit einem Zustand, bei dem der Bestand an Fischen, wirbellosen Tieren (wie Libellen, Schnecken oder Muscheln) und die Gewässerflora nur geringfügig vom natürlichen Zustand des jeweiligen Gewässertyps abweichen. Doch bereits ab einer mäßigen Einstufung besteht Handlungsbedarf, denn bei zunehmender Verarmung an Tier- und Pflanzenarten werden die Gewässer ökologisch instabil. Wichtige Ökosystemdienstleistungen sind gefährdet oder können nicht mehr erbracht werden. Es geht sogar so weit, dass für einige Lebensräume kaum noch Hoffnung auf Regeneration besteht, da die Schäden zu fundamental und zu weit fortgeschritten sind. Sucht man nach den Ursachen für diesen schlechten Zustand der Gewässer, so findet man eine ganze Reihe von Faktoren, die den Gewässern zusetzen. Es ist die zu hohe Nutzungsintensität durch Landwirtschaft, Industrie, Schifffahrt, Wasserkraft, Siedlungen und Freizeitgestaltung. Diese intensive Nutzung lässt den Tieren und Pflanzen im und am Wasser kaum Platz zum Leben. Hinzu kommen Arzneimittel, Hormone und Plastikrückstände, die heute schon in vielen Gewässern nachweisbar sind –mit noch kaum abschätzbaren Folgen. Betrachtet man den Faktor Landwirtschaft genauer, so sind es neben dem Düngereintrag vor allem die Pestizide, die den Tieren und Pflanzen schaden. Nach einer Studie unter Beteiligung des renommierten Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung richtet der Pestizid-Einsatz in Flussnähe einen eklatant höheren Schaden an, als bisher gedacht. Im Vergleich zu unbelasteten Flüssen beobachteten Ökotoxikologen in stark belasteten Gewässern ein um 42 Prozent geringeres Artenvorkommen der großen Wirbellosen. Die Forscher untersuchten Flüsse und Bäche in Deutschland, Frankreich sowie Australien und ihr Apell ist eindeutig: Dringend notwendig ist die bessere Überwachung der Anwendungsgebiete und Konzentrationsrate von Pestiziden. Matthias Liess, Ökotoxikologe vom Helmholtz-Zentrum, resümiert: „Die gegenwärtige Praxis der Risikobewertung gleicht leider einer Autobahnfahrt mit verbundenen Augen.“

Von der UN-Konvention zum „Blauen Band“
Es mangelt nicht an Strategien, internationalen Vereinbarungen und nationalen Maßnahmen, um die Biodiversität zu schützen. Seit 25 Jahren gibt es die UN-Biodiversitätskonvention, die Jahre 2011-2020 wurden sogar zur UN-Dekade der Biodiversität ausgerufen. Doch die gesteckten Ziele werden meist nicht erreicht. Beispiel EU-Wasserrahmenrichtlinie: Gemäß dieses Rechtsinstruments zur Umsetzung der Politik der Europäischen Union sollte bereits bis Ende 2015 ein guter Zustand bei allen Oberflächengewässern erreicht werden. Dieses Ziel wurde bei weitem nicht erreicht. Derzeit geht das Umweltbundesamt davon aus, dass bis zum Jahr 2021 voraussichtlich nur 18 Prozent der Gewässer diesem Ziel entsprechen. Da kann man nur hoffen, dass die weiteren geplanten Maßnahmen schneller zum Erfolg führen. Interessant ist beispielsweise das Programm „Blaues Band Deutschland“, das vom Bundeskabinett im Februar 2017 beschlossen wurde . Wie bei allen Umweltthemen gilt aber auch beim Thema Biodiversität im Wasser: jeder Einzelne kann durch achtsamen Umgang mit den Ressourcen und bewussten Konsum zu einer Trendwende beitragen.

Blaues Band Deutschland
Deutschlands Wasserstraßen sollen wieder naturnaher werden. Das ist das Ziel des Bundesprogramms „Blaues Band Deutschland“, einer gemeinsamen Initiative von Bundesverkehrsministerium und Bundesumweltministerium. Durch Renaturier- ungsmaßnahmen an Bundeswasserstraßen soll ein Biotopverbund von nationaler Bedeutung aufgebaut werden. Gerade die Nebenwasserstraßen,
die nicht mehr oder nur noch im geringen Umfang für den Güterverkehr genutzt werden, haben ein hohes ökologisches Entwicklungspotential. Durch das Programm soll die Gewässer-und Auenentwicklung einen neuen Qualitätsschub erhalten. Die Formulierung ist angelehnt an das „Grüne Band“ am ehemaligen deutsch deutschen Grenzstreifen.

www.blaues-band.bund.de

Beitrag des BR: Renaturierung von Flüssen, Bächen und Auen

Achtsam – Mein Beitrag zum Schutz der Vielfalt
Kaufen Sie Produkte aus ökologischem Anbau, denn der zielt auf die Vermeidung von Stoffausträgen aus der Landwirtschaft. Essen Sie weniger Fleisch und achten Sie beim Kauf von Fisch und Fleisch auf Nachhaltigkeit. Entsorgen Sie verantwortungsbewusst. Chemikalienreste (wie Lacke und Farben), Tabletten und Arzneimittelreste gehören nicht in die Spüle oder die Toilette. Dosieren Sie Wasch-und Reinigungs- mittel angemessen. Reinigen Sie ihr Auto nur in Waschstraßen.

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Bildnachweis: Elisabeth Schwarzmaier

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