Redwood: Verwunschene Riesen

„Der eitelste, oberflächlichste und respektloseste Mensch fällt in Gegenwart von Redwoods unter einen Bann des Staunens und der Ehrfurcht“, beschrieb der Nobel-preisträger John Steinbeck die Faszination dieser Bäume. Quell-Autorin Christine Mattauch hat sich in Kalifornien ein eigenes Bild dieser uralten Gewächse gemacht.

Welches ist der größte Baum der Welt? Stephen Sillett kennt die Antwort, denn er hat ihn vermessen. „Hyperion“ heißt der Riese, der 115,50 Meter lang ist, höher als die Türme der Münchner Frauenkirche. Er gehört zu den Redwoods – so heißen die Mammutbäume an der Küste im nördlichen Kalifornien. Dort lebt und lehrt auch Sillett. Der 41jährige bekleidet den weltweit wohl einzigen Lehrstuhl für Redwood-Forschung an der Humboldt State University in Arcata, einer Kleinstadt nördlich von San Francisco. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie groß Bäume werden können und was in ihren Kronen passiert“, sagt er. Da bieten die Redwoods einen einzigartigen Forschungsgegenstand.
Die Mammutbäume gehören zu den ältesten Lebewesen dieses Planeten – manche Exemplare sind über 2200 Jahre alt. Selbst wenn ein Baum gefällt wird oder einer Naturkatastrophe zum Opfer fällt, treibt der Stock meist aufs Neue. So sieht man oft, dass um einen verrotteten Stumpf herum kreisförmig junge Bäume wachsen – Mutter und Kinder. Das ist ein Geheimnis ihrer Langlebigkeit, doch es gibt noch mehr.

Herberge für Tier- und Pflanzenwelt
Redwoods können ohne Sonne wachsen und Feuchtigkeit über die Luft aufnehmen. Deshalb wachsen sie gern in Küstengebieten, in denen das Klima klamm und neblig ist. Sie sind nahezu immun gegen Käfer und andere Schädlinge, weil sie statt Harz bittere Tanninsäure produzieren, die wie ein Schutzmittel wirkt. Große, alte Redwoods beherbergen in ihren Kronen eine eigene Tier- und Pflanzenwelt. Darunter natürliche Bonsai-Bäumchen, Aufsitzerpflanzen sowie Wurm- und Salamanderarten, die manchmal seit Jahrhunderten nicht mehr mit der Erde in Berührung gekommen sind.
Ihre Größe und Überlebensfähigkeit machen die Redwoods so faszinierend, dass es in jedem Jahr hunderttausende Besucher in die Naturparks zieht, in denen die Bäume vor Abholzung geschützt sind. Die Begegnung mit den Riesen ist ein einmaliges Erlebnis. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger John Steinbeck, der 1960 eine ausgedehnte USA-Reise unternahm, beschrieb es so: „Hat man die Redwoods einmal gesehen, hinterlassen sie einen Eindruck oder erzeugen eine Vision, die man nie wieder los wird. Sie gebieten Stille und heilige Scheu. Es ist nicht nur ihre unglaubliche Statur, auch nicht ihre Farbe, die zu schillern und sich vor unseren Augen zu verändern scheint, nein, sie gleichen keinem anderen Baum, den wir kennen, sie sind Botschafter aus einer anderen Zeit. Sie teilen das Mysterium der Farne, die vor einer Million Jahren in der Kohle des Karbonzeitalters verschwanden. Sie haben ihr eigenes Licht und ihren eigenen Schatten. Der eitelste, oberflächlichste und respektloseste Mensch fällt in Gegenwart von Redwoods unter einen Bann des Staunens und der Ehrfurcht.“

Redwoods-Christine-Mattauch

Wandlungsfähiger Überlebenskünstler
Botanisch gehören die Küstenmammutbäume wie ihre nahen Verwandten, die Riesenmammutbäume, zur Sequoia-Familie und sind ein Zypressengewächs. Zu ihren erstaunlichsten Fähigkeiten gehört ihre Wandlungsfähigkeit: Bricht beispielsweise in einem Sturm ihre Krone ab, treiben sie seitwärts einen Ast, der über die Jahre allmählich die Funktion des Wipfels übernimmt. Redwoods können überall und jederzeit neue Zweige ausbilden – desgleichen neue Wurzeln. Viele Bäume sind bizarr geformt, knotig und verdreht.
An der kalifornischen Küste gibt es gleich mehrere Schutzgebiete, die von der Bundesregierung und den Bundesstaaten betrieben werden (siehe Beitrag Naturparks an der kalifornischen Küste). Sie wachsen jedoch in einigen Gegenden nach wie vor in großer Zahl wild. Etwa südlich von San Francisco bei San Mateo, unweit des Silicon Valley. Dorthin verirren sich Touristen nur selten. Man muss schon das Glück haben, einen eingeschworenen Redwood-Fan wie Ken Fisher zu treffen, damit man Naturwunder entdeckt wie Methuselah, einen 1800 Jahre alten, verwachsenen Redwood, der fast so alt ist wie die christliche Zeitrechnung. Fisher ist ein Investmentfachmann, der in der Gegend aufgewachsen ist und für den die Mammutbäume seine große Liebe sind. Bis heute zieht er stundenlang durch die Wälder, bewaffnet mit einem fernglasgroßen Höhenmesser und einem Metalldetektor, mit dem er alte Standorte von Sägemühlen absucht. Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein wurden die uralten, über hunderte von Jahren langsam gewachsenen Redwoods skrupellos von Holzhändlern verwertet. Zunächst wurden die gewaltigen Stämme von Ochsen abtransportiert, später mit Waggons, Bulldozern und schließlich Lastwagen. Fisher sammelt die stummen Zeugen des Gemetzels – Sägeblätter, Werkzeuge, Flaschen.
Der Anlageberater hat mehr als vier Millionen Dollar für den Erhalt und die Erforschung der Redwoods gespendet. Vor drei Jahren richtete er an der Humboldt State University jenen Lehrstuhl zur Redwood-Forschung ein, den Sillett bekleidet. „Ich möchte, dass Antworten gefunden werden auf all die Fragen, die sich heute noch stellen,“ sagt er.

Geheimnisvolle Wasser-Becken
Ein Rätsel ist zum Beispiel der Wasserhaushalt der Bäume: Offenbar sind sie in der Lage, beträchtliche Flüssigkeitsmengen zu kontrollieren, nicht nur im eigenen Organismus, sondern auch dadurch, dass sie in ihrer Krone Becken anlegen und mit anderen Pflanzen einen Verbund eingehen. Wie groß ist so ein Reservoir letztendlich, und wie schafft es der Baum, dieses komplexe System zu tarieren? Hilft ihm das Wasser womöglich, Waldbrände zu überstehen, gegen die normale Bäume keine Chance haben?
Um Antworten zu finden, steigt Professor Sillett mit seinen Studenten gelegentlich bis in die Wipfel der Bäume – eine Klettertour, die Besuchern der Naturparks streng verboten ist. Aus gutem Grund, findet Sillett: „Es ist unvertretbar und unklug, diese wertvollen Zeitzeugen aus purem Freizeitspaß zu besteigen. Jede Kletterei belastet den Organismus der Bäume.“ Es gebe nur eine Möglichkeit, ihn auf seinen Entdeckungsreisen zu begleiten, witzelt er: „Immatrikulieren Sie sich für meinen Biologie-Studiengang.“ Bewerbungsschluss sei alljährlich der 1. Februar.

Fotos: Christine Mattauch
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