Pilgern auf den Spuren der heiligen Hildegard
Jahr für Jahr macht sich das Quell-Team mit seinem freundschaftlichen Expertinnen-Kreis auf eine ganz besondere Art der Klausurtagung, nämlich eine Pilgerwanderung.Auch in diesem Jahr war es wieder Elisabeth Buddeus-Steiff, die für unsere Gruppe die ganz besondere fünftägige Reise auf den Spuren der Hildegard von Bingen organisiert hat.Das Quell-Team möchte seine intensiven Erlebnisse des Pilgerns in der Gruppe in einer Region, die im wahrsten Sinne von Hildegard von Bingen beseelt ist, mit unseren Lesern teilen.
Denn eine solche Art der Pilgerwanderung gibt es nicht als Pauschalreise und sie entspricht auch nicht dem beworbenen Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg. Eine solche individuelle Pilgerwanderung birgt bei aller erforderlicher Planung zu Strecke und Unterkunft einen ganz besonders großen Schatz: intensive Erlebnisse in der Natur, einen unvergleichlichen Zugang zur Geschichte, das gute Gefühl, in der stetigen Vorwärts-Bewegung im Freien immer bei sich zu sein, gleichzeitig den wertvollen Austausch mit den Mitpilgernden und mit unterschiedlichsten Menschen am Weg; last, but not least in diesem Fall auf den Spuren der Kirchenlehrerin neue Perspektiven auf die Visionärin und spirituelle Erfahrungen für Menschen, für die Prophetin offen sind.
Klosterruine Disibodenberg: Ich sitze auf den Steinen der ehemaligen Frauenklause, dem nach 1108 entstandenen seitlichen Anbau: Diese wenigen Quadratmeter waren also der kleine Lebensraum für die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die hier als Mädchen von Jutta von Sponheim in die klösterliche Lebensform eingeführt und von ihr geistlich geprägt wurde.
Heute kann ich weit über die Ruinenmauern blicken, die Abteikirche, den Kreuzgang, die Marienkapelle, Bereiche, die zum einstigen Männerkloster gehörten und den Frauen im Männerkloster verwehrt blieben.
Hier beginnt eine Teenagerin aus adligem Hause also ihren Lebensweg, sicherlich mit vielen Hoffnungen, Ängsten, Zweifeln, aber ganz sicher auch mit Visionen, die Hildegard von Bingen den Weg zeigen werden und mit einem Lebenswerk, das weit über die Mauern des Disibodenbergs hinauswirken sollte.
Scivias: Wisse die Wege — ein Satz, der sich fast wie eine Überschrift über ihr ganzes Leben legen lässt, das habe ich in den letzten fünf Tagen über Hildegard von Bingen verstanden und auch in mir erfühlt.
Scivias — Wisse die Wege, kaum ein Weg, sei es ein Lebensweg, oder auch „nur“ der Weg des Pilgern, beginnt mit dem klaren Wissen darum, wohin er führen wird. Es geht immer irgendwie weiter, Schritt für Schritt.
Hier am Disibodenberg, also am Anfang von Hildegard von Bingens Lebensweg, endet unsere Pilger-Wanderung, ganz bewusst wurde diese Dramaturgie von Elisabeth Buddeus-Steiff gewählt.
Es ist ein wahrer Kraftort, aber nicht der einzige, den wir in den letzten Tagen erleben durften. Er lässt fühlen, über was wir alle in den letzten Tagen beim Gehen, beim Schauen, beim Staunen immer wieder gesprochen haben: die Spuren einer klugen, resilienten, visionären Frau, die fast neunhundert Jahre später von enormer Wirkkraft bleiben.
Er macht nachdenklich über Wege, die vorgegeben werden und Wege, die wir selber suchen und finden, er lässt an Stationen des Lebenswegs denken, die einmal Anfang waren und später Erinnerung. An Entscheidungen, Begegnungen, Abschiede. An Wege, von denen man beim ersten Schritt noch nicht wusste, was alles geschehen wird. So wie bei unserer Wanderung:
Hildegard-Forum auf dem Rochusberg:
Der Weg auf den Rochusberg ist recht steil, daher nahmen wir nach der Bahn-Anreise den Bus.Der freundliche Busfahrer ließ uns direkt vor der Rezeption aussteigen, unweit des Gästehauses und nur wenige Schritte von der Rochus-Kapelle entfernt. Wir haben zwei Nächte hier verbracht, um am ersten Pilger-Tag von hier aus zum Kloster Eibingen, das ab 1165 von den Benediktinerinnen bewohnt wurde.
Wir hatten Gelegenheit, die Kloster-Kapelle auf dem Rochusberg zu besichtigen, und das Glück, dass der Küster sich just für uns Zeit nahm, uns Geschichten zu erzählen, die in keinem Buch zu lesen sind, beispielsweise von dem Kreuz, das im Zuge von Kriegswirren nach Frankreich verschleppt wurde und erst in jüngster Zeit durch einen glücklichen Zufall auf einem Pariser Flohmarkt wieder für wenig Geld zurückgekauft wurde.
Wir haben vom Rochus-Berg auf die bezaubernde Landschaft des Rheingaus hinabgeschaut, die uns vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang weiter blicken ließ als uns in den nächsten Tagen unsere Füße getragen haben, über Weinberge hinweg bis ins Mittelrheintal und zum sogenannten Binger Loch.
Wir haben an der Rheinpromenade die Samen aus dem Hildegard-Kräuter-Garten gesammelt und sind mit der Fähre übersetzen. Wir haben Kloster Eibingen erpilgert und standen an der Wallfahrtskirche St. Hildegard direkt am Schrein der Heiligen.
Die vier Kardinaltugenden auf den Türflügeln des1929 zum 750. Todesjahr Hildegards geschaffenen Schreins beschreiben die Haltung, die auch zu unserem Bild von Hildegard passt: klug, mutig, gerecht und maßvoll – das war sie.
Gerechtigkeit – Iustitia – dargestellt mit der Waage
Tapferkeit / Stärke – Fortitudo dargestellt mit Schwert und Schild
Klugheit – Prudentia – dargestellt mit Spiegel und Schlange
Mäßigung – Temperantia – dargestellt mit Gefäßen für Wasser und Wein
Wir sind weiter gewandert durch Weinberge mit prallen sonnenverwöhnten Reben und haben von Brombeer-Hecken genascht.
An der „Disibodenberg-Stele“ vor der monumentalen Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen haben wir ein wenig gerastet und haben die Worte des Kunstwerks auf uns wirken lassen:
Drei Heilige. Drei Wege. Suchen-Bleiben-Sehen
Heiliger Disibod: Sehen
Heilige Jutta: Bleiben
Heilige Hildegard: Suchen
Drei Haltungen im Leben eines Menschen
Im Inneren der Abtei faszinierte uns der Beuroner Kunststil, diese kraftvolle Christusdarstellung in der Apsis, die an eine byzantinische Ikone erinnert, die bekannte Darstellung der Heiligen Hildegard in dieser ruhigen Frontalsymmetrie, entlehnt aus frühchristlicher Kunst.
Im Klosterladen haben wir uns mit Gewürzen, Heiltrunken, und Dinkel-Galgant-Gebäck eingedeckt und haben später am Abend im Bingener Hildegardishof guten Wein und guten Traubensaft getrunken.
Am dritten Pilgertag trugen unsere Füße uns bis nach Langenlonsheim, wo wir im ehemaligen Weingut bei Familie Schäfer herzlich empfangen wurden. Mit einem Frühstück beim türkischen Bäcker stärkten wir uns für den nächsten Pilgertag, der führte uns über den Eremitenpfad zur Historischen Felseneremitage Bretzenheim, Kultstätte, Heiligtum, christliches Refugium; der Zauber des Ortes ist kraftvoll.
Weiter ging es durch Weinberge bis nach Bad Kreuznach, wo uns die Gradierwerke– mehr darüber in der kommenden Quell Frühjahr 2027 – und die Kneipp-Anlage angenehmste Erfrischung boten.
Eine weitere Überraschung erlebten wir an unserer Unterkunft am vierten Pilgertag in Waldböckelheim: Der Wirt von Leo´s Ruh, ein wahrer Hildegard-Kenner, erzählte uns detailliert von Widerständen, Konflikten, Gegenwind, von gewonnenen Prozessen und unbequemen Rückschlägen der starken Frau. Und so wurde mit jedem Schritt, mit jeder Begegnung, mit jeder Lebensstation und jedem Wirk-Ort für uns aus der Heiligen immer mehr eine Frau aus Fleisch und Blut, die ihren eigenen Weg erkämpfen musste. Diesen Weg ging sie in ihrer ganzen Vielschichtigkeit, mit enormer Resilienz bei Krankheit und Zweifeln, trotzdem mit unbeugsamen Willen – geführt durch ihre Visionen – und mit dieser ganz eigenen „Grünkraft“, von der sie selbst sprach.
viriditas – „Grünheit“
O edelste Grünkraft,
die du in der Sonne wurzelst
und in strahlender Helle
im Kreis leuchtest,
die keine irdische Größe zu begreifen vermag.
Du bist umfangen
von den Geheimnissen Gottes.
Du rötest dich wie die Morgenröte
und brennst wie die Flamme der Sonne.
Grünkraft – viel mehr als die Farbe Grün der Kräuter, ihr Heilwissen der Naturmedizin, für das sie so populär ist. Viriditas, wie sie es meint, ist viel mehr diese unbändige lebensspendende, schöpferische und erneuernde Kraft, die Gott in die gesamte Schöpfung, in uns alle gelegt hat.
Diese grüne Hoffnung begleitete uns auch am fünften Pilgertag, auf dem Weg von Waldböckelheim zum Disibodenberg, während wir bergauf-bergab durch die hügelige Landschaft wanderten, Kühe uns begrüßten, Vögel uns begleiteten, immer wieder die Sonne die Wolken durchbrach.
Auf den Spuren der heiligen Hildegard ist es uns Pilgerinnen wahrscheinlich allen im Innersten etwas ähnlich gegangen: wir haben auch an unsere eigenen Stationen gedacht, an Orte, die einmal Anfang waren und später nur noch Erinnerung, an Entscheidungen, Begegnungen, Abschiede, an Herausforderungen, erreichte Ziele und verschiedenste Durststrecken. An Wege, von denen man beim ersten Schritt noch nicht wusste, wohin sie führen würden.
Viriditas in uns allen? Ja, wir können selbstwirksam durch sie wachsen, uns entfalten und wieder erneuern – geistig, körperlich, seelisch. Grün ist die Hoffnung: alles ist gut, alles wird gut.
Wenn Sie selbst jetzt das Bedürfnis haben, auf den Spuren der heiligen Hildegard pilgern zu wollen, unterstützen wir Sie gerne mit unseren organisatorischen Hinweisen.
Planen Sie keine zu langen Tagesetappen. Jeder Tag birgt so viele Überraschungen und Anlässe zum Innehalten. Ein Pilger-Kilometer braucht mehr Zeit als ein Jogging-oder Wander-Kilometer.
Immer wieder sind wir erstaunt, wie wenige Menschen wir beim Pilgern begegnen, wenn wir stundenlang durch Wiesen, Weinberge, Wälder gehen. Wenn Sie nicht allein pilgern wollen – Sie werden auf dem Weg immer wieder liebe Menschen treffen, aber eben nicht wie auf berühmten Pilgerstrecken zahlreiche Mitpilger –, dann suchen Sie sich Menschen, mit denen sie gemeinsam auf den Weg machen wollen. Es ist so eine Freude, sich im Gehen auszutauschen und miteinander zu teilen, was auf dem Weg einfach so passiert. Und jeder entdeckt dabei etwas anderes. Es passiert so vieles Unplanbares, gerade auf diesen Pilgerstrecken, die wir uns selbst gestalten.
Bei den Unterkünften seien Sie offen und flexibel: Alle Herbergen geben sich Mühe, auf ihre Art die besten Gastgeber zu sein. Abends in ein frisch gemachtes Bett zu fallen, nach einer wohl-tuenden Dusche in den für diese Nacht geborgten „Vier Wänden“ ein Stück Heimat zu finden, sich die Kleider für den nächsten Pilgertag zu richten, die Füße ein wenig zu massieren und hochzulegen, die Bilder des Tages vor seinem inneren Auge passieren zu lassen, angenehm erschöpft und mit sich selbst im Reinen einzuschlummern, – all dies ist ein großer Luxus, den wir uns in unserer Zeit gönnen dürfen
Gerade diese Erkenntnis, dass wirklich Nichts selbstverständlich ist und wir uns in Anbetracht von den Leben einer Hildegard von Bingen unserer Freiheiten bewusst sein sollten und aus unserem Leben, aus jedem Tag das Bestmögliche zu gestalten, das wird mir auf diesen Pilger-Wanderungen immer ganz besonders bewusst.
Wenn Sie für die Planung Ihrer Pilgerreise Unterstützung suchen, können wir Elisabeth Buddeus-Steiff, Pilgerbegleiterin, pilgern@wildkraft.de empfehlen.






