Die Geistesbewegung des Humanismus entstand aus der Ablehnung der erstarrten Tradition der Scholastik, der bisher führenden philosophisch-theologischen Denkrichtung. Dieses Denken erschien den Humanisten zu abstrakt zu sein, daher forderten sie eine Wiedergeburt des Menschen aus dem antiken Geist heraus. Der Humanismus ging im 14. Jahrhundert von Italien aus und verbreitete sich von dort über ganz Europa. Als Begründer gilt Francesco Petrarca (1304-1374) , der auf die Bedeutung der antiken Philosophie und Literatur hinwies und diese der Scholastik gegenüberstellte. Im Zentrum des humanistischen Denkens steht der Mensch und die ihm zugeordneten Themen Natur, Geschichte und Sprache. Ziel des Humanismus ist die umfassende geistige und künstlerische Bildung des Menschen, also das, was man heute noch unter dem humanistischem Bildungsideal versteht. Hauptgegenstand der Philosophie soll aber kein abstraktes Gedankenkonstrukt sein, wie es in der Scholastik der Fall war, sondern der Mensch, seine geschichtlichen und politischen Lebensbedingungen und die freie Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte. Bedeutendster Vertreter des nordeuropäischen Humanismus ist Erasmus von Rotterdam (1469-1536). Er wollte die christliche Philosophie mit der antiken Humanität verbinden. Für ihn zeigt sich das Leben nur in seiner Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit, daher ist eine menschliche Weisheit gefordert, die Gegensätzliches verbindet und nicht ausschließt. Diese Offenheit gilt auch im Bezug auf die Religion. Hier fordert er eine Toleranz, die einhergeht mit der Idee eines humanistisch gebildeten, weltbürgerlichen Christentums. Diese Toleranz ist zwischen Juden, Christen und Muslimen zu fördern, indem die Gemeinsamkeiten herausgestellt werden sollen. Weiterhin betont er die Unabhängigkeit der Vernunft gegenüber jeglicher Autorität. Aus diesem Grund ist auch in Fragen des Glaubens jeder allein seinem Gewissen gegenüber verantwortlich. Im Gegensatz zu Luther vertritt er auch die Freiheit des Willens und wird somit zu einem Wegbereiter der europäischen Aufklärung. Die Betonung der Unabhängigkeit der Vernunft sowie der Freiheit der Willens fordert aber auch Gegenpositionen heraus. Die historischen Gegner waren einerseits die Kirche, da die Humanisten die antiken Quellen an Stelle der kirchlichen Dogmen bevorzugten. Andererseits waren es die Reformatoren, die in der Frage um den freien Willen anderer Meinung waren. In der zeitgenössischen Philosophie wird der Humanismus durch Theoretiker wie Michel Foucault, Niklas Luhmann und den Vertretern der Frankfurter Schule kritisiert. Foucault wendet sich gegen die Idee eines autonomen, vernünftigen Menschen, während Niklas Luhmann nicht den Menschen, sondern die Gesellschaft als primär bezeichnet. Die Frankfurter Schule kritisiert, dass der Humanismus ideologisch verkürzt sei und die emanzipatorischen Ziele nicht erreiche. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Humanismus heute noch von großer Relevanz ist, er aber von Positionen bekämpft wird, die entweder den Menschen als Gegenstand der Philosophie ablehnen oder die Fähigkeit des Menschen zur Selbstbestimmung bezweifeln.
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Helga Ranis
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Die Autorin Helga Ranis studierte Theologie und Philosophie und schöpft aus einem großen Fundus philosophischen Wissens.
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