Orte der Kraft

Es gibt sie überall auf der Erde und ihre erhöhte natürliche Energie hat sich der Mensch zu allen Zeiten zu Nutze gemacht. Oft sind auf solchen Kraftplätzen Kultstätten entstanden, später Kirchen und Klöster errichtet worden. Eine Reportage quer durchs Land. Von Julia Noche.

Was das wohl werden soll? „Rundgang zu den Kraftorten Salzburgs“ steht auf dem Programm der Journalistenreise und nicht nur ich bin skeptisch: Ich schaue in viele fragende Gesichter, als wir bei der Loretokirche unseren zweistündigen Rundgang starten. Unser Führer ist Heinz Brodik, Salzburger Juwelier und Experte in Sachen „Magische Orte“. Seit vielen Jahren hat er seine Heimatstadt auf der Suche nach guten und schlechten Plätzen durchstreift und will nun die Erfahrungen seiner Exkursionen an uns kritische Geister weitergeben.

Ein gewagtes Unterfangen. Wir schreiben das Jahr 1995, das Aufsuchen von „Orten der Kraft“ gilt noch als exotische Freizeitbeschäftigung von esoterischen Außenseitern. Doch Heinz Brodik – ein gestandener Mittelständler mit eignem Geschäft – hat kein Problem, sich mit seinem Hobby zu outen. Er erzählt von Jahrtausende altem Wissen, das unsere Urahnen ganz gezielt einzusetzen verstanden: Um zur Ruhe zu kommen, um sich mit neuer Energie aufzuladen oder sich inspirieren zu lassen. Kirchen zum Beispiel sollen so geschickt angelegt worden sein, dass der Eingang die Besucher zum Hereinkommen motivierte, die Kanzel den Priester so stimulierte, dass er die Gläubigen mit seiner Predigt zu überzeugen vermochte. Ob es auch Heinz Brodik gelingt, uns zu überzeugen?
Zehn Stationen stehen auf dem Programm. Die erste Station ist die Loretokirche, „einziger, aber bedeutender Wallfahrtsort Salzburgs“. Er fordert uns auf, in der Nähe des Altars auf die Temperatur des Bodens zu achten. Und tatsächlich: der Steinboden fühlt sich wohlig warm an, ein angenehmer Ort, um zu verweilen. Vom „sanften Energieschleier, der sich mit den Händen fühlen lässt“, kann ich am linken Seitenaltar allerdings nichts spüren. Möglicherweise habe ich am Abend zuvor zu viel Weißwein getrunken und Alkohol, so weiß Heinz Brodik aus Erfahrung, beeinträchtigt die Sensibilität für die Erdenergien.

Aha-Erlebnisse für mich werden allerdings die Imbergstiege und das Kapuzinerkloster. Der steile Treppenweg soll energetisch so geschickt angelegt worden sein, dass er sich mühelos bewältigen lässt und tatsächlich: das Treppensteigen geht spielend, ich komme nicht außer Atem, obwohl es sicherlich einige hundert Stufen sind. Am Kapuzinerkloster wird mir an den Füßen ganz eisekalt und es beginnt in den Nieren zu ziehen, als ich mich auf die angeblich negative Stelle im Fußweg 50 Meter vor dem Kloster stelle. Mein Instinkt sagt mir, „schnell weg hier“, dies ist ein Ort, der mir gar nicht gut tut. Von zehn Orten, drei deutlich spürbare Treffer. Ist das ein gutes Ergebnis? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist mein Interesse an dem Thema geweckt. Heinz Brodik kommentiert: „Jeder Mensch reagiert oder empfindet verschieden.“

In die gleiche Richtung argumentiert der Kraftortforscher Pier Hänni in seinem Buch „Wege zu Orten der Kraft“, das mir viele Jahre später in die Hände fällt. Demnach fühlen sich Menschen je nach Temperament von unterschiedlichen Kraftorten angezogen. Orte der Kraft gibt es nach Pier Hännis Erfahrung in vielen verschiedenen Erscheinungsformen: Naturnahe Wälder können ebenso dazu gehören wie einzelne Bäume, auffällige Felsformationen ebenso wie Höhlen, Schluchten, Hügel oder Berggipfel. Einen besonderen Stellenwert nehmen Quellen ein: sie dienten über Jahrtausende hinweg als Zentren des religiösen Lebens, als Orte der Kraft oder der Besinnung. Die frühen Christen pflegten den Quellenkult weiter, indem sie die heiligen Quellen der Maria oder anderen Heiligen weihten. Oft wurden nahe solchen Quellen die ersten Kapellen und Kirchen gebaut. Oftmals entpuppen sich auch Touristenattraktionen als uralte Kraftorte, denen der Rummel bis heute nicht ihre Energien rauben konnten. Beispiele dafür sind der Loreley-Felsen, der Heinrich Heine dazu inspirierte, das berühmte Loreley-Lied zu dichten. Ein anderes Beispiel ist Sankt Bartholomä am Königsee, das abseits des Hauptwegs einen ganz eigenen Zauber entfaltet.
Nach den Erfahrungen von Pier Hänni geschieht das Finden von individuell wirksamen Plätzen fast automatisch. Kraftorte sollen einen geradezu magisch anziehen. Ein Erlebnis, das diese These bestätigt, hatte ich selbst vor einigen Jahren: Bei meiner täglichen Autofahrt auf der B 40 fiel mir immer wieder ein weit entferntes, auf einem Hügelrücken gelegenes Kirchlein ins Auge. An einem sonnigen Wintertag gab ich einem spontanen Impuls nach, fuhr von der Schnellstraße ab und einfach drauflos, um das bei Hofheim gelegene Kirchlein zu finden. Fast war es so, als würde mich ein innerer Navigator schnurstracks dorthin führen. Am Kirchlein verbrachte ich ein oder zwei entspannte Stunden, die ich in meiner Erinnerung wie einen Urlaubstag abgespeichert habe. Monate später stieß ich im Buch „Orte der Kraft in Deutschland“ wieder auf die Bergkapelle in Hofheim, die der Autor Horst Frithjov Preiss als besonderen Kraftort beschreibt.
Heute sind Kraftorte zu einem Teil meines Alltags geworden, die ich ganz pragmatisch zum Aufladen meiner inneren Batterien nutze. Bei meinem täglichen Weg durch die Frankfurter Innenstadt schaue ich immer auf einen Sprung im „Klosterhof der Stille“ im Liebfrauen-Kloster vorbei. Ich stelle mich für ein paar Minuten vor die flackernde Kerzenauslage an der Marienanbetung und bin dabei nur selten alleine: von der knieenden Koreanerin bis hin zum korrekt gekleideten Banker ist dort ein buntes Völkchen zu treffen, das sich im Schatten der Bankentürme eine spirituelle Auszeit gönnt. Wahrscheinlich wissen die meisten gar nicht, dass sie sich an einem alten Kraftort befinden. Und das spielt auch keine Rolle. Das Entscheidende ist nur, dass er wirkt.

Foto: Monika Frei-Herrmann

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Kraftort: Liebfrauen

Kraftort: Der Dom zu Speyer

Kraftort: Der Loreley-Felsen

Kraftort: Der Hügel von Ruhpolding

Kraftort: Das Labyrinth am Disibodenberg

Buch-Tipps:

Tipp-Wege-zu-OrtenPier Hänni:

Wege zu Orten der Kraft

Plätze der Erholung, Inspiration und Heilung selbst finden
AT-Verlag
ISBN 3-03800-278-x
17,90 Euro

 

 

 

 

Tipp-Orte-BayernFritz Fenzl:

Magische Orte in Bayern
Rosenheimer
ISBN-3-475-53036-8
14,95 Euro

 

 

 

 

 

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