Ethische Geldanlage: Gut ist nicht immer gut genug

Wie legt man Geld ethisch an? Eine abschließende Antwort ist zwar nicht möglich, aber Beispiele belegen, wie es gehen kann. Die Möglichkeiten erstrecken sich von Konten bei Banken, die mit den Einlagen ihrer Kunden Gutes zu tun versuchen, bis zu Aktien von Unternehmen, die – wenn schon nicht Ethik – wenigstens nachhaltiges Wirtschaften propagieren. Von Manfred Gburek.

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Manfred Gburek

Wer nach der Energiewende gefragt wird, weiß sicher etwas über Windkrafträder und Solarmodule zu erzählen, über die Abschaltung von Atomkraftwerken im Allgemeinen, ihre bitteren Folgen für Stromkonzerne wie RWE oder E.ON im Besonderen und erst recht über explodierende Strompreise. Vermutlich auch über den Wende-Auslöser im japanischen Fukushima. Dort war im Frühjahr 2011 durch einen verheerenden Tsunami ein von Japans Konzern Tepco betriebenes Atomkraftwerk außer Kontrolle geraten, für die deutsche Bundesregierung der entscheidende Anlass, die Energiewende einzuleiten.
Aber war da nicht noch etwas? Ach ja, die E.ON-Aktie. Sie gehörte bis 2011 zu verschiedenen Aktienindizes der Dow Jones Sustainability-Familie. Sustainability bedeutet Nachhaltigkeit, aber auch Zukunftsfähigkeit, Aufrechterhaltung und Tragfähigkeit im sozialen oder finanziellen Sinn. Sie verheißt also etwas Gutes. Aber wie zum Teufel war ausgerechnet die Tepco-Aktie in den Kreis der Gut-Familie geraten, bis sie herausgenommen wurde? Ganz einfach, nach dem Kriterium: nachhaltiger als andere Betreiber von Kraftwerken. Daraus lernen wir: Wenn es um die gute – in diesem Fall nachhaltige – Geldanlage geht, kommt es nicht unbedingt darauf an, absolut gut zu sein. Es genügt schon, besser zu sein als andere, was genaugenommen aber nicht gut bedeuten muss.

Verschwimmende Ethik-Grenzen
Etwas anders steht es um Ausschlusskriterien: Aktien von Unternehmen, die Kinderarbeit in Entwicklungsländern zulassen, Tierversuche unternehmen, Glücksspiele betreiben, Zigaretten oder Waffen herstellen, werden von nachhaltig, ökologisch oder – als Oberbegriff – ethisch ausgerichteten Fonds und Pensionskassen gemieden. Manche von diesen Großanlegern schließen auch Aktien der Erbauer und Betreiber von Atomkraftwerken aus. Damit wird deutlich, wie sehr die Ethikgrenzen bei der Geldanlage verschwimmen.
Ethik bedeutet laut Duden: Sittenlehre, Gesamtheit der sittlichen und moralischen Grundsätze. Und im Internetlexikon Wikipedia steht: „Unter ethischem Investment versteht man Geldanlagen, die neben den wirtschaftlichen Anlagezielen Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit auch ethische Wertvorstellungen des Anlegers berücksichtigen. Oft wird auch von ethisch-nachhaltiger Geldanlage, nachhaltigem, ökologischem und sozial verantwortlichem Investment gesprochen.“
Gemäß dieser weitschweifigen Definition sind also ethische Wertvorstellungen von Anlegern entscheidend. Doch von welchen Anlegern? Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass einfachen Sparern diesbezüglich andere Werte vorschweben als etwa der Deutschen Bank oder deren amerikanischem Konkurrenten Goldman Sachs. Immerhin können die Sparer etwas Gutes tun, indem sie ihr Geld Banken anvertrauen, die es nach ethischen Kriterien einsetzen. Die Zeitschrift „Finanztest“ hat im vergangenen Sommer ermittelt, dass neun von 129 deutschen Banken eine entsprechende Geschäftspolitik betreiben. Auf internationaler Ebene gibt es die Global Alliance for Banking on Values, zu der aktuell 23 Banken weltweit gehören, aus Deutschland die GLS Bank und die Triodos Bank.
Der US-Bankkonzern Goldman Sachs ist bekannt für sein dichtes internationales Beziehungsnetz, das ihm hilft, besonders viel Geld zu verdienen. Ein Bruchteil davon, aber eben nicht mehr, kommt sozialen Einrichtungen zugute – was den obersten Boss, Lloyd Blankfein, zu dem Spruch veranlasste, er sei „ein Banker, der Gottes Werk verrichtet“. Während Blankfein dafür schlimmstenfalls die Häme einiger Medien ernten musste, hatte das Führungsduo der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, zuletzt eine geradezu multimediale Entrüstung zu parieren. Der Vorwurf: Spekulation mit Lebensmitteln. Also gründeten die Deutschbanker eine Arbeitsgruppe, die für Aufklärung sorgte und zum Fazit kam: „Es gibt keine eindeutige Evidenz, dass Investitionen in Warentermin-märkte die Preise langfristig nach oben treiben. Für Landwirte und die Lebensmittelverarbeitung bieten sie sogar zahlreiche Vorteile.“ Doch die ganze Mühe hätte sich die Arbeitsgruppe sparen können, denn die Bankkritiker hielten mit ihrer eigenen, emotionalen bis ideologischen Ethik dagegen.

Moral Hazard: Steuerzahler werden zur Kasse gebeten
Dieser Fall zeigt einmal mehr die verschwimmenden Ethikgrenzen, bedingt dadurch, dass die vom Duden definierte „Gesamtheit der sittlichen und moralischen Grundsätze“ durch Banker wie Blankfein, Fitschen und Jain anders ausgelegt wird als durch Bankopponenten. Zumal ein Begriff in die Debatte geraten ist, der für viele – wenn nicht sogar die meisten – Menschen etwas Anrüchiges verkörpert: Spekulation. Die seriöse Beschäftigung damit geht in Deutschland zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat eine Börsen-Enquête-Kommission den Spekulationsbegriff wie folgt treffend definiert, sodass er von breiten Anlegerkreisen im Kern bis heute entsprechend akzeptiert wird: „Diejenige geistige Tätigkeit, welche aus der Erfahrung der Vergangenheit und der Beobachtung der Gegenwart einen Schluss auf die Zukunft zieht und aufgrund eines solchen Schlusses eine wirtschaftliche Handlung vornimmt in der Absicht, durch dieselbe einen Vermögensvorteil zu erlangen.“
Kritiker stören sich indes überwiegend an zwei Punkten: Dass bestimmte Anleger, vor allem Investmentbanker vom Schlage Blankfein oder Jain, kraft ihrer Funktion einen Wissensvorsprung haben. Und dass der hohe Vermögensvorteil meistens in keinem vernünftigen Verhältnis zum geringen persönlichen Risiko wie auch zum Risiko der Bank steht. Der zweite Punkt hat es besonders in sich, denn er führt direkt zum Moral Hazard, einem ins Deutsche kaum zu übersetzenden Begriff, den Susanne Schmidt in ihrem Buch „Markt ohne Moral“ treffend so umschreibt: „Gewinne werden privatwirtschaftlich vereinnahmt, Verluste auf die Gesellschaft als Ganzes verteilt.“
Das gilt vor allem seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008. Dazu nur drei Beispiele: Landesbanken und damit indirekt Steuerzahler wurden zu Opfern der Spielsucht von überwiegend straffrei gebliebenen Möchtegern-Managern. Die später zwangsverstaatlichte Hypo Real Estate hob als Immobilienbank ab und landete mit faulen Krediten als Bad Bank, eine Art Finanzmüllschlucker. Und die Commerzbank musste mit einem Teil ihres Kapitals unter das Dach des Bundes schlüpfen, um gerettet zu werden. Wie vereinbart sich Ethik mit Moral Hazard, wenn am Ende die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden? Gar nicht. Der wegen Steuerhinterziehung hinter Gitter gebrachte ehemalige FC Bayern-Boss Uli Hoeneß muss dafür büßen, dass er eigenes Geld illegal aufs Spiel gesetzt hat und auf eigenes Risiko der Spielsucht erlegen ist. Dagegen gehen ehemalige Landes- und sonstige Banker, die mit dem ihnen anvertrauten fremden Geld gespielt haben, straffrei aus. Ethik und Banking, das harmoniert offenbar nur in Kreisen einer Minderheit von Banken, die sich nicht auf Moral Hazard verlassen.

Ethik und Banking: Ein Minderheitsthema
Wie erfährt man mehr über diese Minderheit? Am besten durch die Internetsuche bei Google mit der Eingabe von Stichworten wie ethische oder nachhaltige Geldanlage, aber auch von Namen einschlägiger Verbände, Vereine, sonstiger Interessengruppen und sogenannter NGOs (Non Governmental Organisations), die sich mit dem Thema beschäftigen. Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit in alphabetischer Reihenfolge: Carbon Disclosure Project, Foodwatch, Forum Nachhaltige Geldanlagen, Global Alliance for Banking on Values, Oekom Research, Oxfam, Südwind-Institut, Transparency International, Verbraucherzentrale Bremen. Noch mehr ist zu finden in der Randspalte: Spannendes im Internet.
Welche Anlageinstrumente kommen infrage? Zunächst einmal Konten bei ethisch, nachhaltig, ökologisch oder sozial ausgerichteten Banken (im Internet nachzulesen über das Stichwort „Ethisches Investment“, außerdem über die Ausgabe 9/2013 und 9/2014 der Zeitschrift „Finanztest“). Dort werden auch andere Anlagen gestreift, etwa Fonds. Die haben sich aber weder als offene noch als geschlossene Ethikfonds wegen überwiegend enttäuschender Ergebnisse nicht durchgesetzt. Und noch ein Beispiel vom grauen – weil ungenügend kontrollierten – Kapitalmarkt: Das Windkraftunternehmen Prokon hat viel Geld über Genussrechte eingesammelt, auf denen Anleger wegen der Pleite des Unternehmens sitzen geblieben sind.

Aktien: Nachhaltigkeits-Indizes als „Greenwashing“
Da ist es wohl verheißungsvoller, gleich in Aktien zu investieren, die trotz starker temporärer Kursschwankungen unter dem Strich hohe Gewinne und zusätzlich Dividenden bescheren können. Aber was für Aktien genügen ethischen Kriterien? Der eingangs beschriebene Problemfall Tepco hat deutlich gemacht, dass Börsenethik relativ zu verstehen ist. Das gilt auch für die Aktien von BMW, BASF, Bayer, Siemens und vielen weiteren Konzernen, die in Nachhaltigkeits-Indizes vertreten sind, was gelegentlich treffend als „Greenwashing“ bezeichnet wird. Das hält BASF als größten Chemiekonzern der Welt allerdings nicht ab, vom umstrittenen, weil die Umwelt belastenden Schiefergasboom in den USA zu profitieren. In gewisser Hinsicht ist Siemens ein Gegenbeispiel, aber unter ganz anderen Umständen, die belegen, wie ausgesprochen relativ es in solchen Kreisen bei der Ethik zugeht. Der Konzern ist seit jeher ein Elektromulti mit hohem Auslandsanteil. Bis 1999 profitierte er davon, dass im Ausland gezahlte Schmiergelder in Deutschland von der Steuer abgesetzt werden durften. „Der Staat sendete damit das Signal an die Wirtschaft, dass Korruption nicht wirklich als unrechtmäßig angesehen wurde“,  resümierte später Andreas Suchanek, Wirtschaftsethiker an der Uni Leipzig. Die Zäsur nach 1999 brachte Siemens und einen Teil der Manager wegen Korruption an den Pranger. Das ging so weit, dass der Konzern sogar seinen früheren Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger auf Schadenersatz verklagte. Peter Löscher als zwischenzeitlicher Siemens-Chef gab den Saubermann, was ihm aber nicht viel nützte, denn er musste sich an der Konzernspitze schließlich dem langjährigen Siemens-Urgestein Joe Kaeser beugen. Der hat jetzt freie Bahn, um den Konzern korruptionsfrei in die Zukunft zu führen. Wenn das kein Anlass ist, bei nächster Gelegenheit, nachdem die Siemens-Aktie mal wieder so richtig abgetaucht ist, einen ordentlichen Batzen Geld in sie zu investieren. Möchte man meinen, oder? Gäbe es da nicht Kaesers Plan zum Stellenabbau. Andererseits: Der Konzern gilt wegen seiner Windkraftanlagen und sonstigen Produkte im Dienst des Umweltschutzes als kommender Gewinner der Energiewende. So relativ kann Ethik im Wirtschaftsleben sein.

Anlage-Tipp: Manz will hoch hinaus
Wenn Anleger über die deutsche Solarindustrie diskutieren, hängen sie sich allzu oft an Themen fest wie Billigkonkurrenz aus China oder Pleiten von Q-Cells, Conergy, Solon und weiteren früheren Profi-teuren reichlich sprudelnder Subventionen. Außerdem wundern sie sich, wie Frank Asbeck, einst als „Sonnenkönig“ tituliert, seine von der Pleite bedrohte Firma Solarworld doch noch mit der ihm eigenen Energie und fremder Hilfe gerettet hat. Aber wer redet schon von der Manz AG? Gewiss, Analysten und Fondsmanager waren zuletzt ganz heiß auf Manz-Aktien. Auch andere Anleger? Eher Fehlanzeige. Das von Großaktionär (41 Prozent der Aktien) Dieter Manz geführte Unternehmen ist der einzige verbliebene Anlagenbauer des SolarDax-Index. Es ist spezialisiert auf Maschinen für Schlüsseltechnologien wie Elektromobilität und nachhaltige Energieerzeugung. Auch wenn sein Kurs schon nach oben abgehoben hat: Sobald an der Börse schlechtere Zeiten kommen, wird auch die Manz-Aktie günstiger zu haben sein – und ethischen Kriterien mehr genügen als so manche andere Solaraktie.

BASF kann nicht anders
„Der BASF-Konzern will aus dem Schiefergasboom in den USA noch stärker Gewinn ziehen.“ So beginnt der Einstieg in einen Artikel der Börsen-Zeitung vom 5. Mai dieses Jahres. Schiefergas ist zwar besonders preiswert, aber umstritten, weil es in Nordamerika zur Umweltzerstörung beiträgt. Im Gegensatz dazu ist auf der BASF-Internetseite zu lesen: „Nachhaltige Entwicklung bedeutet für uns, langfristig angelegten wirtschaftlichen Erfolg mit dem Schutz der Umwelt und gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden.“ Klingt wie Greenwashing, das heißt, so tun, als sei man dem Umweltschutz verhaftet. Zumal anschließend „die strategische und organisatorische Verankerung von Nachhaltigkeit“ herausgestellt wird. Als weltgrößter Chemiekonzern kann BASF eben nicht anders. Seine Aktien unter ethischen Aspekten zu kaufen, wäre alles andere als opportun.

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Foto: Manz AG