Einzelhändler als Bauernopfer?

Unterschleißheim, 6.30 Uhr: Der Wecker klingelt. Als erstes am Radio Nachrichten hören. Was hat sich Neues an Richtlinien und Regelungen an der Corona-Front ergeben? 9.00 Uhr unser Textil-Geschäft öffnen. Dann immer wieder allen Kundinnen erklären, welche neue Regelungen bezüglich Corona zu beachten sind.

 Natürlich steht in der momentanen Situation der Schutz des Lebens an erster Stelle, aber wie Wolfgang Schäuble schon im März letzten Jahres zu bedenken gab, dürfen weitere Punkte, wie der Erhalt der Existenz Einzelner auch nicht außer Acht gelassen werden. Gut tut uns momentan, dass unsere vielen Stammkundinnen in diesen schwierigen Zeiten zu uns halten.

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Trotzdem ist festzustellen, dass die Kunden immer unwilliger auf weitere Restriktionen reagieren. Denn, wenn man der letzten Vorgabe nachgekommen ist, wird das Ziel wieder nach hinten verlegt und noch eines „draufgelegt“.

Erst am späteren Nachmittag kann ich per Internet die tagesaktuellen Inzidenz-Werte auf der Seite des Landkreises München abrufen.

Was mich zutiefst betroffen macht: Ist, dass der Handel den per Verordnung geforderten Hygiene-Anforderungen ausnahmslos nachgekommen ist. Es ist bereits wissenschaftlich erwiesen, dass Ansteckungen in den wenigsten Fällen im Handel erfolgen, man müsste meiner Meinung nach mehr die Ansteckungsgefahr im privaten Bereich ins Auge fassen. Trotzdem werden die Handlungsspielräume des Handels immer mehr eingegrenzt. Dabei werden die Ungleichbehandlungen immer größer: Es ist nicht nachzuvollziehen, dass sich die Kunden im Lebensmittel-Einzelhandel drängen und stauen, aber all den anderen Einzelhändlern auch schon bei niedrigen Inzidenz-Werten verwehrt wird, ihre Kunden zu bedienen.

Es drängt sich bei diesem Vorgehen auch die Überlegung auf, ob der Einzelhandel das sogenannte „Bauernopfer“ ist, mit dem die Entscheidungsträger unter Beweis stellen wollen, wie sehr sie sich doch der Sachlage annehmen.

Diese Situation spielt vor allem den Online-Händlern in die Hände, die in der gleichen Zeit somit überdurchschnittliche Umsätze generieren. Man hat das Gefühl, die Politik würde dies sogar noch fördern. Sehr fraglich ist auch, inwieweit diese Online-Händler Steuern bezahlen.

Sollte dieser so ungleich verordnete Lockdown noch länger anhalten, ist mit einer gewaltigen Pleitewelle und extremen Verödung der City-Lagen zu rechnen. Auch bereits heute schon angedachte Aktionen zur Wiederbelebung werden dies nicht so ohne weiteres auffangen können, da sich die heutige Gestalt der Einkaufsstraßen und City-Lagen durch Jahrzehnte entwickelt hat. Man darf auch nicht glauben, wie es so manche Städteplaner darstellen, dass man Cities alleinig durch Erlebnis-Gastronomie beleben kann. Im Grunde macht nur der gelungene Mix von Gastronomie und Einzelhandel die City-Lagen interessant.

Als sehr belastend empfinde ich auch, dass wir hier in Bayern ab Mitte Dezember bis Anfang März unsere Geschäfte komplett schließen mussten, was zu ganz herben Einbußen beim Weihnachtsgeschäft und beim Abverkauf der Winterware geführt hat. Die Ware für die Frühjahrs/Sommersaison war zu diesem Zeitpunkt bereits bestellt. Und nun, im Frühjahr 2021, müssen wir bereits unsere Orders für die Herbst/Wintersaison 2021 treffen. Wir wissen nicht, wie lange dauert der Lockdown im Frühjahr/Sommer noch und ist unter Umständen sogar nochmals mit einem Lockdown im Herbst 2021 zu rechnen? All diese Fakten erschweren eine exakte Planung der zu bestellenden Waren-Menge extrem.

Ja, es ist richtig, dass dem Einzelhandel mit diversen Überbrückungshilfen unter die Arme gegriffen wird. Unter anderem können wir Einzelhändler uns entscheiden, ob wir die noch vorhandene Winterware „entsorgen“ wollen und somit dafür 90 Prozent des Einkaufswerts vom Staat bekommen. Ich kann verstehen, dass sich etliche Kollegen für diese Variante entscheiden werden, vor allem, wenn ihnen „das Wasser bis zum Hals steht“. Eine „Entsorgung“ von fehlerfreier Ware halte ich trotzdem für Irrsinn, wenn man ansonsten die Nachhaltigkeit als oberstes Ziel ausgibt. Ich habe mich entschieden, meine noch vorhandene Winterware selbst zu angemessenen Preisen zu vermarkten. Denn es erscheint mir auch wichtig, bei der Beanspruchung von Überbrückungshilfen nur soviel wie nötig und so wenig wie möglich zu beantragen, denn es sind letztendlich wir alle, die Steuerzahler, die die „Zeche bezahlen“ müssen.

Soviel zum Einzelhandel. Über eine Perspektive für die Gastronomie, die Hotellerie und die Künstler wird gefühlt momentan schon gar nicht mehr gesprochen.

Was mich aufrecht hält: Das Wissen, dass meine Vorfahren seit über 350 Jahren Schneider waren und seit 150 Jahren im Textil-Einzelhandel tätig sind. In dieser Zeit haben sie viele Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege überstehen müssen.

Was mich wütend macht und sehr traurig stimmt: Die Inkompetenz und Realitätsferne vieler Entscheidungsträger und daraus resultierend eine schon fast als „mutwillig“ zu bezeichnende Vernichtung von Existenzen und Arbeitsplätzen.

Von Eva-Maria Glatzeder

26. April 2021
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