Die Kunst der kleinen Schritte

Durch persönlichen Einsatz Großes bewirken.

Den Erfolg, den Georg Sedlmaier durch sein persönliches Engagement möglich machte, kann man geradezu spektakulär nennen: Mehr als 1,3 Millionen Euro hat der mittlerweile 73jährige in den vergangenen 30 Jahren für SOS-Kinderdorf gesammelt, er hat sich für den Vogelschutz eingesetzt und neben seiner Arbeit als Manager im Lebensmittelhandel auch noch die Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel – kurz IG FÜR – ins Leben gerufen. Mit seiner „Kunst der kleinen Schritte“, wie Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller die Methode Sedlmaiers titulierte, ist der geborene Niederbayer weit gekommen.

Herausforderungen als Lehrmeister
Dabei war es Anfang der 1960er Jahre alles andere als klar, dass es Georg Sedlmaier einmal gelingen würde, seine Ziele und Wünsche tatsächlich einmal in die Tat umzusetzen. „Du bist doch nur ein kleiner Kramersohn – was bist Du schon?“ musste er sich anhören, als er als junger Mann in Niederbayern von Bauernhof zu Bauernhof zog, um für das elterliche Lebensmittelgeschäft Bestellungen entgegen zu nehmen. „Ihr habt keine Kühe, keine Schweine, keine Hühner, keine Felder, keine Äcker – ihr habt nix“, demütigte ihn an einem Sonntagvormittag ein stolzer Bauer. Freundlich bleiben hatten ihn seine Eltern gelehrt. Aber dabei blieb es nicht. Er war entschlossen, kein „Kramer“ zu werden, sondern ein Kaufmann. Der Bauer hatte ihn herausgefordert und er nahm diese Herausforderung an: Mit 21 Jahren leitete er einen Rewe-Supermarkt in München, mit 25 in Sonthofen/Allgäu einen großen Verbrauchermarkt.

Durchhaltevermögen an den Tag legen
Gerade die Herausforderungen, die schier unmöglich schienen, erwiesen sich im Nachhinein als die größten Lehrmeister auf dem Weg zur Meisterschaft der „kleinen Schritte“. Eine seiner Aufgaben in jungen Jahren, die sein Durchhaltevermögen sein Leben lang prägen würde, war ein großer Kaufmarkt in Memmingen. Der Kaufmarkt bestand schon seit einem Jahr, machte aber nur Verluste. Alle sagten, der Standort stimmt nicht. In dieser Situation sollte er den totgesagten Markt zu neuem Leben verhelfen. Als er an einem Montag den Kaufmarkt besuchte, zählte er auf dem riesigen Parkplatz nur etwa 20 Autos – die meisten davon gehörten den Mitarbeitern. Im Markt kamen mutlose Verkäuferinnen und Verkäufer auf ihn zu. Er ging durch den Markt und sah, was alles danebengegangen war. Es gab Probleme mit der Frische und mit der Sauberkeit. Er hatte zu dem Zeitpunkt aber schon zugesagt, die Leitung des Marktes zu übernehmen. Er sagte insgeheim zu sich: „Um Gottes Willen. Alle wissen, dass der Standort falsch ist. Dann fasste er den Entschluss, nicht aufzugeben nach dem Motto: Du hast schon viele Ideen gehabt. Das ist die Herausforderung Deines Lebens.“ Er holte die Mitarbeiter ins Boot und forderte diese auf, den Markt aus Kundensicht unter die Lupe zu nehmen. Nach der Bestandsaufnahme kam er mit ihnen zusammen der Betriebsblindheit auf die Spur und entwickelte Ideen, den immer noch leeren Parkplatz mit Kunden zu füllen. Und es klappte: durch ungewöhnliche, gemeinnützige Aktionen zugunsten von Kindergärten, technischem Hilfswerk, Feuerwehr oder diversen Vereinen gelang es ihm, den Kaufmarkt zu einem Besuchermagneten zu machen. Das war ein Meilenstein auf einem Weg, der ihn weit gebracht hat: Zu einem Menschen, der viel Gutes erreicht hat und dessen Lebenswerk unter anderem durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gekrönt wurde.

Kloster: Drei Tage mit Aha-Erlebnissen
Es war eine Auszeit der besonderen Art: Drei Tage lang zogen sich Georg Sedlmaier, seine Frau Marianne und Quell-Chefredakteurin Andrea Tichy im Fuldaer Kloster Frauenberg zurück und der engagierte Wohltäter erzählte aus seinem Leben. Von seinen Weckrufen, warum es so wichtig ist, die „Warum- und Wozu-Fragen“ zu klären, wie es gelingt, Durchhaltevermögen auch bei Rückschlägen an den Tag zu legen. Was Andrea Tichy dabei besonders imponierte: dass Georg Sedlmaier immer offen war, umzudenken. Vom Verfechter möglichst niedriger Preise zu einem aufgeklärten Experten, der das Tierwohl, die Qualität der Lebensmittel und das Wohlbefinden der Verbraucher in den Vordergrund stellt. Für herausfordernde Zeiten ist die von Georg Sedlmaier kultivierte Kunst der kleinen Schritte ein hilfreicher Wegweiser.

Gebet: formuliert von Antoine de Saint-Exupéry

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenk‘ mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.

Ich bitte um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte und wenigstens hin und wieder Zeit finde für einen kulturellen Genuss.

Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als das wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte Dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.

Ich weiß, dass viele Probleme sich dadurch lösen, dass man nichts tut, gib dass ich warten kann.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Buch-Tipp
Die Kunst der
kleinen Schritte
Georg Sedlmaier

Verlag BoD – Books on
Demand, 82 Seiten
ISBN 978-3750488762
Preis: 5 Euro

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Bildnachweis: Andrea Tichy