Die Kraft der Bäume

Bäume sind die mächtigsten Pflanzen, die auf der Erde existieren und sie sind alles andere als eine passive Spezies. Weit mehr als man bisher dachte, beeinflussen und gestalten sie aktiv die Umwelt. Sie kontrollieren Wasserkreisläufe, zerkleinern Felsen und im Laufe der Zeit haben sie auch den menschlichen Körper geprägt. Von Claudia Schwarzmaier

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Würde man gefragt, was Bäume bewirken, dann wäre die erste Antwort wohl, dass sie Sauerstoff produzieren und das klimaschädliche Kohlendioxid binden. Das Stichwort „Grüne Lunge“ fällt einem ein. Bäume filtern Stäube und Partikel aus der Umgebung und sorgen so für eine saubere Luft. Sie speichern und filtern Wasser, verhindern Überschwemmungen, schützen vor Bodenerosion und wirken kühlend. Schließlich sind sie ein bedeutender Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen. All diese beindruckenden Leistungen sind aber im Grunde nur die Nebenwirkungen ihrer eigentlichen Fähigkeiten.   

Wolkenjäger und Landschaftsgestalter 

Schon vor 386 Millionen Jahren wirkten Bäume auf die Umwelt ein. In ihrem Buch „Geniale Bäume“ (siehe Randspalte) widmet sich die britische Biochemikerin und Journalistin Harriet Rix der Geschichte der Bäume. Wie haben sie auf die Wechselfälle der Evolution reagiert und wie haben sie es geschafft, die Welt zu einem Ort von umwerfender Schönheit und Vielfalt zu machen? Wasser beispielsweise ist für das Leben auf der Erde essentiell und die drei Billionen Bäume, die es geschätzt derzeit auf der Erde gibt, beeinflussen den Niederschlag und den Wasserkreislauf über und unter ihnen. Bäume sind Wolkenjäger und Wolkenerschaffer. Einerseits fangen sie mit ihren Zweigen aus Wolken Wasser ein und andererseits verströmen sie flüchtige organische Duftstoffe sogenannte Terpene, die als Kondensationskeime für Wolken fungieren. Deutsche, finnische und brasilianische Forscher konnten nun in zwei Studien zum Amazonas Regenwald nachweisen, dass der Regenwald weit mehr zur Wolkenbildung beiträgt als man bisher angenommen hat. Durch Gewitter werden die winzigen Duftteilchen der Bäume in große Höhen transportiert und dort durch starke Höhenwinde in Entfernungen von Tausenden von Kilometern befördert. Dadurch beeinflusst der Wald die Wolkenbildung – und die Niederschlagsmenge auch über den Ozeanen und anderen Kontinenten. 

Doch nicht nur die Wasserkreisläufe werden von den Bäumen stark beeinflusst, Bäume formten und formen auch die Erde. Harriet Rix formuliert es so: „Geben Sie einem Baum ein wenig Zeit und ein Stück Fels, und er macht daraus ein Habitat“. Um an wichtige Mineralstoffe zu gelangen, zerkleinern Baumwurzeln alles, was ihnen im Weg steht, sie „verdauen“ sozusagen Felsen und vermahlen sie zu Staub. Doch das Entscheidende ist, dass Bäume den Staub in Erde verwandeln. Für uns Menschen ist das überlebenswichtig, denn Staub ließe uns verhungern, während wir aus Erdboden Nahrung gewinnen. Vor Millionen von Jahren haben Bäume auch die Landschaft geformt. Was für uns heute selbstverständlich ist – Hügel, mäandernde Flüsse und fruchtbare Auenlandschaften – wurde durch die sogenannte „Landschaftsfabrik im Devon“ erschaffen.

Bäume hatten unendlich lange Zeit, sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen und entsprechende Strategien zu entwickeln. Eine der bekanntesten ist die Verbindung zu Pilzen, sie liefern den Bäumen Wasser und Nährstoffe und bekommen dafür Kohlenhydrate in Form von Zucker. 

Manche Pilze wie Steinpilz und Pfifferling sind so abhängig, dass sie zum Überleben zwingend auf ihre Baumpartner angewiesen sind. Doch auch die Größe und Gestalt und sogar die Sinne von vielen Tieren wurden von den Bäumen geprägt. Denn Bäume nutzen Tiere als Fortbewegungsmittel. Der Kapokbaum beispielsweise hat die Schnauze verschiedener Fledermausarten so geformt, dass sie nur an seinen Nektar kommen können. Doch auf kein Tier haben Bäume stärker eingewirkt als auf uns Menschen. Zum einen durch ihre Früchte (Samen), die sind reine Energiepakete und die frühen Hominiden mussten wissen, wo und wann sie die Früchte finden. Dies förderte die Intelligenz und die Fähigkeit, sich zu erinnern. Aber auch den Körper haben Bäume beeinflusst. Bisher dachte man, der aufrechte Gang entstand, als die Menschen von den Bäumen stiegen und sich am Boden bewegen mussten. Gemäß einer Studie vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie unter Leitung von Rhianna Drummond-
Clarke könnte der aufrechte Gang aber zunächst eine Anpassung im Baum gewesen sein, um sich in weit verzweigten Baumkronen sicher zu bewegen. Ein weiterer Aspekt, der die Entwicklung der frühen Hominiden beeinflusste, war die Möglichkeit, sich in den Bäumen sichere Schlafnester zu bauen. Dadurch wurde ein intensiverer Schlaf möglich, der zum einen die Gehirnentwicklung fördert und zum anderen das Träumen. 

Ob wir es wollen oder nicht, unser Schicksal ist mit dem der Bäume verbunden. Auch in Zukunft werden wir sie zum Überleben brauchen. So wurde erst vor kurzem entdeckt, dass sie beispielsweise Methan verbrauchen und damit eine noch größere Rolle bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung spielen, als man bisher dachte. Wir sollten sie deshalb niemals unterschätzen, sondern sie schützen, wo wir nur können.  

Buch-Tipp

Geniale Bäume – Wie sie seit Jahrtausenden das Leben auf der Erde bestimmen. 

Harriet Rix 

dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-28500-1, 372 Seiten, 26 Euro  

Nach der Lektüre dieses Buches wird man Bäume mit anderen Augen sehen. Harriet Rix erzählt die faszinierende Geschichte der Bäume und geht der Frage nach, wie sie vor Millionen von Jahren entstanden sind, und wie sie die Erde, die Luft und das Wasser so stark beeinflussen konnten. Sie nimmt die Leser mit auf eine Weltreise zu ausgewählten Wäldern und schildert anhand von spannenden Beispielen die erstaunlichen Fähigkeiten der Bäume.