Der Fracking-Krimi

Vermehrte Erdbeben, Gefahren für das Trinkwasser und die Gesundheit der Anwohner sind Gründe, warum immer mehr Menschen gegen die unkonventio-nelle Gewinnung von Gas protestieren. In Deutschland fiel sang- und klanglos der Entwurf für ein Fracking-Gesetz unter den Tisch. Von Eva von Hase-Mihalik.

Fracking hat das Zeug für einen Wirtschaftskrimi. Es geht um Geld und unterschiedliche Interessen. Um das Interesse von Privatleuten, Unternehmen, Kommunen und nicht zuletzt um das geo-strategische Interesse ganzer Staaten, da Fracking die Abhängigkeit von Erdöl-Importen aus dem arabischen Raum mindern kann. Es gibt dabei viele Gewinner, aber auch viele Verlierer. Denn für mehr Unabhängigkeit in der Energieerzeugung müssen die Menschen einen hohen Preis zahlen – sowohl was ihre Gesundheit, aber auch was ihre Sicherheit in ihrem Wohn-Umfeld betrifft.

Häufige Erdbeben durch Abfallwasser
Schon länger kursieren auf YouTube Beiträge, die eindrucksvoll zeigen, wie in amerikanischen Fracking-Gebieten aus Wasserhähnen entzündbares Gas herauskommt. In anderen Beiträgen berichten Fracking-Arbeiter, dass ihnen von ihrer Baufirma untersagt wurde, mit Journalisten zu sprechen. Der Fernsehsender ARTE wurde von einigen Journalisten aufs Schärfste angegangen, weil er es wagte, den oscar-nominierten Dokumentarfilm „Gasland“ zu zeigen, der sich kritisch mit Fracking auseinandersetzt.
Doch nun erhalten die Fracking-Kritiker Munition von amerikanischen Bundesbehörden. So stellt ein aktueller Bericht der Geologischen Bundesbehörde USGS einen direkten Zusammenhang zwischen Erdbeben und Hydraulic Fracking her. Vor allem die acht mittleren und östlichen Bundesstaaten Oklahoma, Texas , Ohio, (wo Erdbeben bisher äußerst selten waren) aber auch Alabama, Arkansas, Colorado, Kansas und New Mexico sind seit Erhebung der Daten 2009 vermehrt von Erdbeben betroffen. Verur-sacht werden die Beben weniger von Bohr- und Sprengungsarbeiten, sondern durch das Verpressen von Millionen Litern von Abfallwassern des Frackingvorgangs in den Boden. Der Leiter der USGS Mark Peterson sagt: „Die Erdbeben treten in einer Häufung auf, die niemals vorher festgestellt wurde und stellen für die benachbarten Menschen ein großes Risiko dar.“

Gefahr der Trinkwasserverschmutzung
Eine weitere Gefahr durchs Fracking sieht die amerikanische Umweltbehörde EPA: Die Gefahr einer partiellen Trinkwasserverschmutzung, wie neueste Veröffentlichungen der Behörde belegen. „Die Verunreinigungen konnten zwischen Januar 2006 und April 2012 in elf Bundesstaaten festgestellt werden und beinhalteten 151 Fälle, in denen Fracking-Chemikalien in oder in der Nähe von Trinkwasserbrunnen festgestellt wurden“, so die EPA.
Allerdings könne aber nicht von einer systematischen Trinkwasserverunreinigung gesprochen werden, da es keine systematische Datenerhebung vor, während und nach des Frackings gibt.

Fracking-Gesetz: In Deutschland vom Tisch?
Eine erstaunliche Wende in Sachen Fracking gibt es nun auch in Deutschland. Zwei Jahre dauerten die Verhandlungen über einen Entwurf für ein Fracking-Gesetz, bis er im April 2015 schließlich von der CDU/SPD Koalition beschlossen wurde. Dann aber wurde der Entwurf vor der Sommerpause sang- und klanglos von der großen Koalition zurückgezogen. Kaum ein Medium – außer dem Berliner Tagesspiegel – berichtete davon. Was waren die Motive, was steckte dahinter?
Der politische Rückzieher ist nicht ohne Grund: Denn Fracking wird vor allem in denjenigen Bundesländern vehement abgelehnt, in denen schon jahrelang konventionelles Fracking zur Gasgewinnung stattfindet. Gerade in Schleswig-Holstein und Niedersachsen wird seit Jahrzehnten in großem Ausmaß Gas gefördert, konventionelles „Fracking“ betrieben. Und das ist möglicherweise mit verheerenden Folgen für die Gesundheit verbunden. So ist beispielsweise in der niedersächsichen Gemeinde Bothel/Rotenburg die Zahl der Leukämie- und anderer Krebserkrankungen wie dem neuartigen „Multiplem Myelom“ stark gestiegen und liegt weit höher als im übrigen Deutschland. Auch im Regierungsbezirk Lüneburg liegen die neuen Krebsfälle deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Kathrin Otte, zweite Vorsitzende des „Gemeinnützigen Netzwerks für Umweltkranke“ nennt als möglichen Grund dafür die Gasförderung. Vor allem die dabei entstehenden Benzol-Immissionen könnten für die vermehrten Krebserkrankungen verantwortlich sein. Die Gemeinde Bothel ist von zwanzig Erdgasförderstätten umringt. Der Frage „Warum gibt es hier im Vergleich so viele hämatologische Erkrankungen? muss in der gesamten Region dringend weiter nachgegangen werden“, fordert Kathrin Otte.
Mittlerweile sprachen sich knapp 2 500 Kommunen und Städte in Deutschland gegen Fracking aus und in den Regionen, wo gefrackt werden könnte, haben Gemeinden und Landkreise Resolutionen gegen die Fördermethode verabschiedet. Daher ballt sich bisher der „kommunale Widerstand“ gegen Fracking vor allem auf Gebiete im Bodenseeraum, in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein (siehe Karte).
Wann erneut über eine veränderte Fracking-Gesetzesvorlage verhandelt werden soll, bleibt unklar: Gar erst nach den nächsten Bundestagswahlen im Herbst 2017? Dabei warten die hiesigen Gasjäger schon seit Jahren: Die „Jagdgründe“ sind längst unter den Firmen aufgeteilt.

Grafik: www.bund.net

Fracking

Bei der Gasförderung werden konventionelle und unkonventionelle Vorkommen unterschieden. Ein Hinweis für die Unterscheidung ist die Durchlässigkeit des Gesteins.

Konventionelles Fracking
In konventionellen Gasvorkommen kann das Erdgas – hauptsächlich Methan – weitgehend selbstständig aus den Gesteinsporen entweichen.

Unkonventionelles Fracking
Bei unkonventionellen Gasvorkommen müssen künstliche Risse in den Porenräumen geschaffen werden, damit das Gas für einen kurzen Zeitraum gefördert werden kann. Dieses Verfahren wird „Hydraulic Fracking“ oder „Fracturing“ genannt.

Filme zum Thema

Gasland
Der Film des amerikanischen Regisseurs Joe Fox zeigt auf provokante Weise landschaftliche und gesundheitliche Schäden in Fracking-Regionen. Die Gasindustrie wirft dem Dokumentarfilm Manipulation vor: Das Methangas, welches im Film aus Wasserleitungen entweiche, habe es bereits vor dem Fracking gegeben. Eine Tatsache, die Joe Fox nicht bestreitet; für ihn ist Methangas aber nur eines von mehreren gesundheitlichen Risiken der Gas-Förderung.

FrackNation
Dies ist der Gegen-Film zu Gasland. Seine Macher haben es sich zum Ziel gesetzt, „die Wahrheit über Fracking“ zu zeigen, was allerdings wie eine Verherrlichung von Fracking wirkt.

Beide Filme können auf YouTube angeschaut werden.

Mit dem Thema Wasser beschäftigt sich auch die Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel (IG FÜR) auf seiner Internet-Seite
http://www.ig-fuer.de/index.php/unsere-themen/wasser/