„Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten“, mit diesen Worten beginnt die nur aus wenigen Seiten bestehende Schrift des südkoreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han (*1959). In diesem Essay aus dem Jahre 2010, mit dem er einem breiteren Publikum bekannt geworden ist, stellt er einen Paradigmenwechsel fest: Die Gesellschaft der Negativität weicht einer Gesellschaft, die von einem Übermaß an Positivität beherrscht ist. Während es früher pathologisch ein bakterielles und ein virales Zeitalter gab, ist das 21. Jahrhundert pathologisch gesehen, neuronal bestimmt. Als Beispiele nennt Han neuronale Erkrankungen wie Depressionen, ADHS, Borderline und Burnout, die keine Infektionen, sondern Infarkte sind. Diese sind nicht durch die Negativität des immunologisch Anderen, sondern durch ein Übermaß an Positivität bedingt und entziehen sich jeder immunologischen Technik der Prophylaxe und Abwehr, die darauf angelegt ist, die Negativität des Fremden abzuwehren. Während das immunologische Paradigma dem Menschen Grenzen setzte, z. B. durch geregelte Arbeitszeiten und ihn dadurch zum Gehorsamssubjekt machte, zählen in modernen Gesellschaften, bedingt durch die Globalisierung nur noch die Effizienz und die neoliberale Vermarktungslogik eines jeden Einzelnen. Dadurch wird der Mensch zu einem Leistungssubjekt. Das immunologische Paradigma verträgt sich nämlich nicht mit dem Prozess der Globalisierung, dies gilt besonders im Hinblick auf die Arbeitswelt. Die Beschäftigten versuchen notgedrungen, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen, aus dem „Gehorsamssubjekt“ des 20. Jahrhunderts wird im 21. Jahrhundert somit ein „Leistungssubjekt“, das sich selbst ausbeutet und durch krankmachende Entgrenzung gekennzeichnet ist. Die Folge seien, nach Han, Sinnlosigkeit, Depressionen und vor allem Müdigkeit. Die Betroffenen versuchen, dies durch Beschleunigung und Selbstoptimierung zu kompensieren, was wiederum zur Folge hat, dass man keine Zeit für sich selbst und seine Mitmenschen hat. Diese Entwicklung entmündigt die Menschen, macht sie müde und krank. Insofern bezeichnet er die Gesellschaft als „Müdigkeitsgesellschaft“. Die eingangs erwähnten neuronalen Erkrankungen sind für Han darauf zurückzuführen, dass die Menschen in der globalisierten Leistungsgesellschaft nichts mehr als negativ begreifen, sondern alles als Herausforderung, als positiv sehen. Die neuronalen Krankheiten, er bezeichnet sie als neuronale Gewalt, resultieren aus einem Übermaß an Positivität. Der depressive Mensch, so der Philosoph, „ist jenes animal laborans (arbeitende Wesen), das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig ohne jede Fremdzwänge“. Über diese Aussage kann man durchaus geteilter Meinung sein. Globalisierung, drohende Arbeitslosigkeit, wachsende Leistungsanforderungen sind nur einige Beispiele von Fremdzwängen, durch die viele Menschen sich zur Selbstausbeutung veranlasst sehen.
Die Autorin Helga Ranis studierte Theologie und Philosophie und schöpft aus einem großen Fundus philosophischen Wissens.
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