Auen – immer im Fluß

Auen und ihre Wälder sind ein einzigartiger Lebensraum zwischen Wasser und Land. Sie zählen zu den artenreichsten Lebensgemeinschaften in Mitteleuropa. Von ihrem Schutz profitieren Mensch und Tier. Von Claudia Schwarzmaier 

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Weite und Ruhe, wechselnde Wasserstände, sandige Ufer, bunte Wiesen sowie dichte Wälder und dazu Konzerte von Fröschen und Vögeln. Wo gibt es das noch in Deutschland? Beispielsweise im UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe. Von Wittenberg bis Lauenburg ist das Gebiet entlang der Elbe eines der letzten naturnahen Stromlandschaften Mitteleuropas mit großen zusammenhängenden Auenwäldern. Hier lässt sich erahnen, welche beeindruckende Vielfalt an Pflanzen und Tieren Auenlandschaften bieten und warum Auenwälder auch gerne als das europäische Gegenstück zu den tropischen Regenwäldern gesehen werden. 

Ein Faszinierender LebensRaum

Das Wort „Aue“ stammt ursprünglich aus dem Altdeutschen und bedeutet soviel wie „Land am Wasser“. Heute bezeichnet man die natürlichen Überflutungsbereiche entlang von Bächen und Flüssen als Aue. Kennzeichnend ist ein ständiger Wechsel zwischen hohen Wasserständen mit Niedrigwasser-Phasen. Je nachdem, in welcher Zone der Aue sich die Pflanzen und Wälder befinden, sind sie besonderen Anforderungen ausgesetzt. Gerade in der sogenannten  Weichholzaue, die bis zu 180 Tagen im Jahr überflutet sein kann, sind die Pflanzen während der Überschwemmungen hohem Stress ausgesetzt. Sie könnten wegen Sauerstoffmangels regelrecht „ertrinken“. Die Lösung der Natur ist ein raffinierter Trick. Die Wurzeln sind mit großen Hohlräumen durchzogen, die den lebenswichtigen Sauerstoff transportieren und bevorraten. Weiden, die typischen Vertreter einer Weichholzaue, trotzen darüber hinaus durch biegsame Äste und Zweige sowie schmale Blätter dem starken Zug und den Druckbelastungen durch das Wasser. Auf das relativ weiche Holz der Weiden ist auch der Name Weichholzaue zurückzuführen. Es ist aber gerade die Dynamik der unterschiedlichen Wasserstände, die eine Vielzahl von mosaikartig verzahnten Lebensräumen mit einer faszinierenden Artenvielfalt erschafft. Obwohl nur sieben Prozent der Fläche Deutschlands von Auen bedeckt sind, kommen zwei Drittel aller Lebensgemeinschaften Mitteleuropas in Auen vor. Viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten haben hier ihren Rückzugsraum. In den lehmigen Flussböden entwickeln sich Insekten, im Schlamm finden sich Weichtiere und im stillen Wasser Käfer oder Kleinkrebse. Aufgrund der vielen Insekten, Tothölzer und der kleinen, inselartigen Strukturen gibt es auch eine hohe Dichte an Vögeln. Es ist ein Eldorado für Vogelliebhaber. Ein breites Spektrum vom schillernden Eisvogel, über Kleinspecht, Beutelmeise, Nachtigall und Pirol bis hin zum imposanten Seeadler gibt es zu entdecken. Doch Auen können noch viel mehr. Auen bieten eine optimale, geschützte Kinderstube für Fische und Amphibien. Je mehr Auen es entlang eines Flusses gibt, desto fischreicher ist dieser. Auen dienen auch als natürliche Kläranlagen, die überschüssige Nährstoffe und Schadstoffe aus dem Wasser filtern können, bevor sie in den Fluss fließen. Von der Filterung profitiert aber auch das Grundwasser und damit letztlich unser Trinkwasser. Auen sind auch ein wichtiger Faktor für den Klimaschutz, da sie große Mengen an klimarelevanten Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid speichern. Immer wichtiger wird  ihre Funktion für einen natürlichen Hochwasserschutz. Auenwälder sind natürliche Wasserrückhalteräume. Wenn sich durch starke Regenfälle mehr und mehr Wasser in den Bach- und Flussbetten sammelt, bewegt sich eine Hochwasserwelle flussabwärts. In den Auenwäldern und -wiesen kann sich dieses Wasser ungehindert ausbreiten. Die Hochwasserspitze fällt kleiner aus, da keine geballten Wassermassen flussabwärts rauschen. 

Bedrohung und Schutz

Dem vielfältigen Nutzen der Auen steht der Siedlungsdruck von Menschen gegenüber. Flussauen und Auenwälder waren immer schon begehrte Siedlungsräume. Schon in frühen Zeiten, als die Menschen anfingen, sich niederzulassen und Viehzucht zu betreiben, wurden die ersten Orte in der Nähe von Flüssen gebaut. Die Flüsse, die sozusagen direkt vor der Haustüre vorbeiliefen, wurden zu wichtigen Transportwegen. Um sie ganzjährig schiffbar zu machen, wurden sie begradigt, Wehre und Schleusen wurden eingebaut, Ufer ausgebaut und befestigt und Altarme der Flüsse trocken gelegt. Die logische Folge: Die Auenwälder wurden von ihrem Lebenselixier, dem Wasser abgeschnitten. Darüber hinaus werden ehemalige Auen auch zum Kiesabbau, für Land-und Forstwirtschaft oder als Freizeiträume genutzt. Kein Wunder, dass Auen zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen in Europa gehören. Gemäß dem Auenzustandsbericht 2021 des Bundesamts für Naturschutz sind mehr als die Hälfte der Flussauen in Deutschland stark verändert. Den Flüssen steht nur noch rund ein Drittel ihrer ehemaligen Überflutungsflächen zur Verfügung. Nur knapp neun Prozent der Flussauen sind ökologisch intakt und von dem einst prägenden Auenwald ist nur noch rund ein Prozent übriggeblieben. Diese raren, noch weitgehend naturnahen intakten Auen finden sich beispielsweise an der Mittelelbe um Dessau sowie im Mündungsgebiet der Tiroler Achen und an der Amper unterhalb des Ammersees. Trotz etlicher größerer Auen-Renaturierungsprojekte konnte die Fläche an überflutbaren Flussauen in den letzten 40 Jahren nur um eineinhalb Prozent vergrößert werden. Dabei sehen die Ziele der nationalen Strategie vor, die Überflutungsflächen an Flüssen um zehn Prozent zu vergrößern. 

Es besteht dringender Handlungsbedarf, daran besteht kein Zweifel. Neben regionalen Programmen und Maßnahmen, wie das „Integrierte Rheinprogramm“, setzen sich auch private Naturschutzorganisationen für die letzten verbliebenen natürlichen Auengebiete ein. Neben dem WWF macht sich vor allen Dingen der BUND seit langem stark für mehr Bewegungsfreiheit für Flüsse (siehe linke Randspalte). Eines steht fest: Die Renaturierung von Auen ist nicht nur ein Zugewinn für Pflanzen und Tiere. Auch der Mensch profitiert erheblich davon und das nicht nur im Hochwasser- und Klimaschutz. 

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Erfolgreich

Lebendige Auen für die Elbe 

Ein gelungenes Beispiel für eine erfolgreiche Renaturierungsmaßnahme ist das Projekt „Lebendige Auen für die Elbe“. Es wurde vom BUND-Auenzentrum zusammen mit zahlreichen Partnern über einen Zeitraum von acht Jahren durchgeführt. Dadurch konnte eine Fläche von 420 Hektar revitalisiert werden. Zum Erfolg trug auch der intensive Dialog mit der lokalen Bevölkerung bei. Auch an der Auentour-App haben  viele Menschen aus der Umgebung des Auenprojekts mit Ideen und eingesprochenen Texten mitgewirkt. www.bund.net/auen-broschuere 

Fotos: depositphotos.com

7. August 2021
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