Heiliges Holz

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Labsal fürs Wohlbefinden: Das Holz der Zirbe schmeichelt den Sinnen und verblüfft durch vielfältige Gesundheitseffekte.

Die „Stadtalm“ in Berlin ist ein ganz besonderer Rückzugsort für stressgeplagte Besucher. Denn in dem Appartement, das die Architektin Annecatrin Pantel monatsweise  an Business-Menschen vermietet, setzt sie auf ein Material, das früher in den Alpen für beruhigende und ausgleichende Wirkung bekannt war: auf das Holz der Zirbenkiefer. Nach intensiver Suche hat Annecatrin Pantel auf E-Bay eine rund hundert Jahre alte Zirben-Essecke aufgetan und diese in das von ihr liebevoll gestaltete Appartement eingebaut. „Wenn man in den Alpen in eine solche Stube einkehrt, dann fühlt man sich immer gleich wohl“, sagt die Trendsetterin der Wohlfühl-Architektur.
Was man im Alpenraum schon lange aus Erfahrung weiß, das konnte mittlerweile auch wissenschaftlich belegt werden. So hat die Forschungsgesellschaft Joanneum Research herausgefunden: Menschen, die sich in einem Zirbenholz-Zimmer aufhielten, hatten eine deutlich niedrigere Herzrate bei körperlichen oder mentalen Belastungen als Probanden in einem identisch gestalteten Holzdekor-Zimmer. Durchschnittlich ergab sich durch die beruhigende Wirkung der Zirbe pro Tag eine Ersparnis an Herzarbeit von rund einer Stunde, das entspricht 3 500 Schlägen. Noch mehr: Die Wetterfühligkeit der Versuchspersonen ging zurück und im Zirbenholzbett zeigte sich eine deutlich bessere Schlafqualität. „Das Material der Wohnungseinrichtung hat offensichtlich größere Auswirkungen auf Befinden und Gesundheit als bisher bekannt“, so zieht Professor Maximilian Moser vom Institut für Nicht invasive Diagnostik der Joanneum Research das Fazit.  Die Zirbenkiefer ist jedoch sehr selten, deshalb sind Zirbenkiefer-Möbel eine Rarität, die nur von wenigen Schreinern angeboten wird. Einer davon ist Wilhelm Wuschko, der in sechster Generation im österreichischen Mühlviertel eine Tischlerei mit 18 Mitarbeitern betreibt. Für den traditionsbewussten Tischler ist es eine wahre Freude, mit Zirbenholz zu arbeiten: „Nicht nur wegen der gesunden Wirkung, die man schon an dem typischen würzigen Duft zu spüren meint.“ Nach Wuschkos Erfahrung lässt sich kein anderes Holz derart perfekt verarbeiten. Das Holz der Zirbe hat einen gelbrötlichen Kern; es ist weich, leicht, dauerhaft und gut zu bearbeiten. Die zahlreichen festverwachsenen Äste der Zirbe bedeuten keine Qualitätsminderung, denn durch die dunklen Äste entsteht eine besonders schöne Zeichnung. Frisch geschlagenes Zirbenholz bewahrt noch Jahrzehnte seinen charakteristischen Duft. Mit der Spezialisierung auf die Bearbeitung von Zirbenholz wuchs Wuschkos Bekanntheit. So ließ sich ein Hamburger Stararchitekt von der Kraft der Zirbe inspirieren und entwarf zusammen mit Wilhelm Wuschko ein besonderes Möbelprogramm. QC29E01

Holz mit Charakter
Gerade weil sie so wunderbare Eigenschaften hat, stand die im Hochgebirge gedeihende Zirbenkiefer schon kurz vor dem Aussterben. Heute ist die Zirbenkiefer per Gesetz geschützt, so dass sie nur noch kontrolliert geschlagen werden darf. Wilhelm Wuschko beispielsweise verwendet nur heimisches, im Winter geschlagenes Holz aus nachhaltiger Plenterwirtschaft. Das bedeutet, dass nur reife Bäume im natürlichen Zyklus aus dem Wald herausgeschnitten werden, um Raum für das Nachwachsen der Jungpflanzen zu gewinnen. In einer speziell konstruierten Klimahalle wird das Holz vier bis fünf Jahre getrocknet, bevor es gemäß seinem Charakter verarbeitet wird. Es braucht viel Gespür, um an den Stämmen die Maserung zu erkennen. Die Maserung der Bretter bestimmt später das Bild des Möbelstücks.

Sägespäne mit neuer Berufung
Heiligen-MadonnaDas Südtiroler Grödnertal ist ganz von der Zirbe geprägt. Denn durch das raue Klima mussten sich die Bergbauern zusätzliche Einkommensquellen erschließen, um überleben zu können. Seit mehr als 500 Jahren sind dort nun Bildschnitzer am Werk, die für ihre Figuren hauptsächlich Zirbenholz verwenden. „Heiliges Holz“ wird es von dem einen oder anderen Bildschnitzer genannt. Als Annecatrin Pantel bei einem Skiurlaub im Grödnertal zufällig auf eine Ausstellung mit Holzschnitzer-Arbeiten stieß, wurde ihr Interesse am Zirbenholz weiter befeuert. Schon seit 2009 hatte sich die naturverbundene Architektin mit den Gesundheitseffekten des Zirbenholzes beschäftigt und fand nun in Südtirol die Gelegenheit, mit Sägewerksbesitzern und Holzschnitzern ausführliche Gespräche zu führen und ihnen bei der Arbeit zuzusehen.
Besonders hatten es ihr die Sägespäne angetan, die in den Werkstätten achtlos herumlagen und bislang nur zum Verbrennen genutzt wurden. Im Atelier des päpstlichen Hoflieferanten Stuflesser durfte sie einen Sack voll Sägespäne aufsammeln, die sie später in Berlin zum Experimentieren in eigener Sache benutzte: Die beim Schnitzen von Heiligenfiguren angefallenen Späne füllte sie in ein Kissen, das sie seither als unverzichtbaren Begleiter in ihrem Bett liegen hat. Und ob es ein Wunder ist oder auf den ausströmenden ätherischen Ölen beruht: Durch das Kissen konnte sie ihre Schlafstörungen überwinden. „Ich glaube an die Kraft der Bäume. Nicht umsonst wachsen sie in den Himmel“, so lautet das Credo von Annecatrin Pantel, die nach ihren einschlägigen Erfahrungen mit dem Zirbenholz nun mit der Manufaktur von schön gestalteten Zirbenspan-Kissen begonnen hat.

Symbol gegen die Schnelllebigkeit
Die Zirbenkiefer wächst nur ganz langsam an ausgesetzten Standorten nahe der Baumgrenze auf rund 1800 Metern Höhe. Sie übersteht Schnee, Hagel und Gewitter und hält Frost bis zu minus 40 Grad aus. Wie ein Symbol gegen die Schnelllebigkeit kann die Zirbe über 1000 Jahre alt werden. Selbst in kargen Felsböden überlebt der zähe Baum. Diese besondere Zähigkeit und Widerstandskraft gewinnt die Zirbe aus ätherischen Ölen, die in Holz und Nadeln zirkulieren und dem Baum sein typisches Aroma verleihen.

 

Fotos: René Antonoff | Annecatrin Pantel

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