Wer die Saat hat, hat das Sagen

Ein überlebensnotwendiges Erbe ist in Gefahr. Warum das so ist und was man dagegen tun kann erklärt Claudia Schwarzmaier.

Das mühsam erworbene Wissen über die Vermehrung von Nutzpflanzen wurde seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben. Doch seit ein paar Jahrzehnten hat sich das gründlich geändert. Vielen Menschen ist nicht mehr bewusst, dass alles, was wir an pflanzlicher Nahrung zu uns nehmen, aus Samen entstanden ist. Egal ob Getreide, Gemüse, Salat oder Obst – am Anfang stand ein Same. Das ist so elementar, dass sich viele Verbraucher damit nicht mehr beschäftigen. Wir kaufen die fertigen Produkte; nur für Landwirte und Hobbygärtner ist Saatgut ein Thema.

Die Macht der Konzerne

Doch Saatgut geht uns alle an. Denn wer das Saatgut hat, bestimmt was wir essen. Und es sind nicht mehr die Landwirte, die das bestimmen, sondern Agrarchemieriesen. Auslöser für diesen Prozess der Anfang des 20. Jahrhunderts begann, war die zunehmende Industrialisierung und damit Standardisierung der Landwirtschaft und der Nutzpflanzen. Seit tausenden von Jahren wurde alljährlich ein sorgfältig ausgesuchter Teil der Ernte aufbewahrt und bei den nächsten Aussaaten genutzt. Durch diese Tradition entstand ein riesiger Schatz an Kultursorten, die sich durch ihre Nachbaufähigkeit und ihre regionale Anpassung auszeichneten. Besonders wichtig: alle konnten die Sorten ohne Einschränkung nutzen. Doch dann erfolgte die Saatgutzucht immer mehr durch private Firmen. Diese Firmen setzten nicht auf Vielfalt, sondern auf Einheitlichkeit der Pflanzen, die auch noch möglichst weltweit angebaut werden können. Es entstanden Hochleistungssorten, für deren erfolgreichen Anbau die Verwendung von chemisch-synthetischen Dünge- und Pflanzenschutzmittel unabdingbar ist. Über die Jahre wurden dann immer mehr Hybridsorten gezüchtet, die nur im ersten Anbaujahr Höchsterträge bringen, aus den Samen können aber keine gleichwertigen Pflanzen gezogen werden, sie sind nicht samenfest. Logische Konsequenz: Landwirte und Gärtner müssen jedes Jahr neues Saatgut kaufen und werden damit abhängig von den Saatgutkonzernen. Eine Abhängigkeit, die die Konzerne allen voran Bayer/Monsanto durch immer ausgefeiltere Geschäftsmodelle noch verstärken. Zum einen durch Patentierung und Lizenzierung des Saatguts und durch die Verbindung von Gentechnik-Saat und Pflanzenschutz. Die gentechnisch veränderten Pflanzen werden dabei so verändert, dass sie gegen ein Herbizid, meist Glyphosat, resistent sind. Allein in den USA wurden zuletzt knapp 73 Millionen Hektar mit diesen sogenannten genetisch veränderten Organismen (GVO) bewirtschaftet. Es sind aber nicht nur die einzelnen Landwirte, die abhängig sind, sondern im Grunde die ganze Menschheit, denn mittlerweile dominieren vier Chemiekonzerne mehr als 70 Prozent des gesamten Saatgut- und Pflanzenschutzmarktes. Die Frage ist, was hat diese Entwicklung für Folgen? Es ist jetzt schon Fakt, dass durch die Dominanz der Saatgut-Konzerne von den traditionellen samenfesten Sorten bis zu 90 Prozent verschwunden sind. Immer weniger Sorten machen einen immer größeren Anteil an der Welternährung aus. Ein paar Beispiele aus dem beeindruckenden Kinofilm „Unser Saatgut – Wir ernten was wir säen“ mögen das verdeutlichen. So gab es in den USA im Jahr 1983 noch 153 Blumenkohlsorten, jetzt sind es noch 9. Statt 288 Sorten von roter Beete gibt es nun nur noch 17. Von 46 unterschiedlichen Spargelsorten ist eine übrig geblieben. Dabei ist die Sortenvielfalt nicht nur ein wichtiges Kulturgut, sondern vor allem ein wertvolles Genreservoir. Die breite genetische Basis bietet der Pflanze die Möglichkeit, sich an unvorhergesehene Entwicklungen wie Krankheiten oder Klimaänderungen anzupassen. In Zeiten des Klimawandels ist das ein extrem wichtiger Faktor. Gibt es irgendwann aber nur noch uniforme Hochleistungssorten, die nur unter Hochleistungsbedingungen existieren können, nennen Fachleute das Gen-Erosion. Das ist genauso bedrohlich, wie es klingt.

Vielfalt fördern

Was kann man dagegen tun? Ein erster Schritt wäre schon, wenn man einfach mehr Lust auf Vielfalt und Geschmack hätte und sich nicht mit den ewig gleichen Einheitstomaten, Kartoffeln, Äpfeln und Co. zufrieden gäbe. Noch existieren beispielsweise allein in Deutschland mehr als 3.000 Sorten von Äpfeln. Bewusstes Einkaufen, biologisch und regional, hilft. Eine gute Idee ist es auch, Vereine und Saatgut-Initiativen zu unterstützen, die sich dem Verlust der Vielfalt entgegen stemmen. Machen Sie sich selbst kundig, sammeln Sie eigene Erfahrungen und erweitern Sie ihr Wissen, es lohnt sich. Denn nur die genetische Vielfalt wird die Ernährung von Mensch und Tier jetzt und in Zukunft sichern.

Aktiv werden

Beim Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt VEN e.V. kann man vom Verschwinden bedrohte Sorten in die gärtnerische Obhut nehmen und Saatgut vermehren. Auf der Website findet sich auch eine gute Übersicht über Saatgutfestivals und Saatgutbörsen. www.nutzpflanzenvielfalt.de

Zu den größten Erhaltungsorganisationen in Europa zählt der österreichische Verein ARCHE NOAH. Über den Verein kann man auch Saatgut beziehen.
www.arche-noah.at

Eine Möglichkeit, die Arbeit der gemeinnützigen, biologischen und biologisch-dynamischen Züchtungsforschung zu unterstützen, bietet ein Spendensammelfonds von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.
www.zukunftsstiftung-landwirtschaft.de/saatgutfonds

Über eine interessante Initiative Saatgut als Gemeingut rechtlich abzusichern und so vor Paten­tierung und Sortenschutz zu bewahren kann man sich informieren unter www.opensourceseeds.org

Film Tipp
Wir ernten was wir säen
Eine prachtvolle Öko-Doku zur Rettung der Saatgutvielfalt. Eindringlich zeigt der Film die Gefahren auf, die durch das Verschwinden der Saatgut-Vielfalt entstehen. Die Filmemacher Taggart Siegel und Jon Betz haben auf der ganzen Welt mit Experten, Aktivisten, Ureinwohnern über das Verschwinden des uralten Saatgutes, die­ses biologischen Mensch­heitserbes, gesprochen. Die Doku ist ein Appell an uns alle: Schützt die ursprüngliche Saatgutvielfalt, sonst ist das reiche Angebot unserer Nahrung bald nur noch schöne Erinnerung!
Spieldauer 95 Minuten, Preis: 16,99 Euro
Ab 22. März ist die DVD im Handel erhältlich.

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Bildnachweis: Fotalia.com | vovan

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