Sorge ums Wasser

Warum müssen wir uns Sorgen ums Wasser machen? Aus vielerlei Gründen. Dominic Waughray, Leiter der Umweltinitiativen des renommierten World Economic Forums, hat die wichtigsten Gründe zusammengestellt.

Die künftige Sicherheit der weltweiten Süßwasser-Reserven wird uns bald in einer Art und Weise tangieren, wie wir sie uns bislang noch nicht vorstellen können. Aufgrund unserer global vernetzten Wirtschaft kann uns die Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt wie ein Bumerang treffen. Die Verknappung von Weizen und stark schwankende Preise für Nahrungsmittel sind Effekte der Wasserknappheit, die schon bald global zu spüren sein werden.
Unser Bedarf an Wasser ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft. Je wohlhabender wir werden, desto mehr frisches Wasser beanspruchen wir. Um damit Städte, Kraftwerke, Fabriken und die Produktion von proteinhaltigen Nahrungsmitteln wie Fleisch, Milchprodukte oder Fisch versorgen zu können.
Die Zunahme der Weltbevölkerung ist nicht der wichtigste Punkt, warum wir mehr Wasser benötigen. Vielmehr ist es der zunehmende Wohlstand, der mehr Wasser verschlingt. Derzeit werden rund 70 Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs von der Landwirtschaft beansprucht. 16 Prozent werden von der Energieerzeugung benötigt und nur rund 14 Prozent fließen in die privaten Haushalte. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass sich bis zum Jahr 2030 eine Versorgungslücke von 30 Prozent auftut, falls wir an unseren Verbrauchsgewohnheiten nichts Grundlegendes verändern.

20.000 Liter Wasser für ein Kilo Fleisch
Um die Nahrungsmittelnachfrage in den nächsten 20 Jahren befriedigen zu können, müssten die Landwirte ihre Produktion um 70 bis 100 Prozent steigern. Der Grund: sich verändernde Ernährungsgewohnheiten werden die Nachfrage nach Fleisch und insbesondere nach Milchprodukten deutlich in die Höhe treiben. Die Produktion von einem Kilogramm Fleisch benötigt bis zu 20.000 Liter Wasser. Im Vergleich dazu braucht es nur rund 1.200 Liter Wasser, um ein Kilogramm Getreide zu erzeugen. Die Nachfrage nach Fleisch wird bis zum Jahr 2025 vermutlich um 50 Prozent steigen.
In diesen veränderten Ernährungsgewohnheiten liegt die Herausforderung der Wasserversorgung. Wenn wir schon heute mehr als 70 Prozent des zur Verfügung stehenden Süßwassers für die Landwirtschaft einsetzen und uns mit einer Steigerung in der Lebensmittelnachfrage von 70 Prozent bis zum Jahr 2030 konfrontiert sehen – insbesondere für wasserintensives Fleisch und Milchprodukte – dann wird klar, dass ein „Weiter so“ nicht möglich sein wird. Wir können nicht mehr als 100 Prozent unseres Frischwassers für die Landwirtschaft einsetzen. Deutliche, wenn nicht sogar radikale Änderungen im Wasserverbrauch durch die Landwirtschaft werden die Folge sein.

Kein Wasser, kein Kraftwerk
Gleichzeitig wird unser Energiebedarf wachsen. Und Energie ist ein durstiger Sektor. Die internationale Energieagentur in Paris prognostiziert, dass die Weltwirtschaft bis zum Jahr 2030 mindestens 40 Prozent mehr Energie als heutzutage benötigen wird. Das Beratungsunternehmen McKinsey geht davon aus, dass 77 Prozent der dann benötigten Kraftwerke erst noch gebaut werden müssen. Der verbesserte Zugang zu Energie ist für viele Länder von hoher Priorität. 1,5 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu Strom und mehr als 3 Milliarden sind von Biomasse für Heizen und Kochen abhängig. Doch Energie braucht viel Wasser. In den wohlhabenden Ländern werden bis zu 50 Prozent des verfügbaren Wassers für die Produktion von Öl, Gas und Strom eingesetzt. In den USA beispielsweise wird die Menge an Wasser, die in fünf Monaten die Niagara-Fälle hinunterfließt, in der Kohleförderung benötigt. Mit anderen Worten: rund die Hälfte der Wasserentnahme wird für die Kühlung von Stromerzeugungs-Anlagen verwendet. Kein Wasser, kein Kraftwerk.

Wasser für Ernährung oder für Energie?
Dieses Dilemma, das verfügbare Wasser entweder für die Erzeugung von Nahrungsmitteln oder von Energie einzusetzen wird künftig viele Länder herausfordern. Je mehr sich beispielsweise Asien entwickelt, desto mehr Wasser wird von der Landwirtschaft in den Energiesektor umzuleiten sein. Dieser verstärkte Durst nach Wasser von Seiten der Energiewirtschaft tritt zur gleichen Zeit wie die Herausforderung dieser Länder auf, ihre Nahrungsmittelproduktion zu verdoppeln. Wie soll diese Her-ausforderung zu lösen sein, wo in diesen Ländern doch schon heute 70 Prozent des verfügbaren Frischwassers für die Landwirtschaft eingesetzt werden?
Viele Länder erschöpfen schon heute das Grundwasser schneller als es sich regeneriert. (Mexiko beispielsweise um 20 Prozent schneller, China um 25 Prozent und Indien um 56 Prozent). Mehr als 70 der wichtigsten Flüsse auf der Welt erreichen kaum noch das Meer aufgrund der extensiven Wasserentnahmen. Wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzen, dann könnte die zunehmende Wasserknappheit zu Ernteeinbußen bei Getreide von 30 Prozent des derzeitigen Verbrauchs führen. Wenn die Nachfrage weiterhin ansteigt, dann wird sich der Wettbewerb um Wasser nicht nur zwischen den Wirtschaftssektoren, sondern auch zwischen den Ländern weiter verstärken.

Wasserbedarf und Klimawandel
Der Klimawandel wird die Herausforderung in Sachen Wasserversorgung zusätzlich zu dem steigenden Nahrungsmittel- und Energiehunger noch verstärken. Für Wasser gibt es keine Alternativen. Und diese Alternativlosigkeit wird viele Länder gleichermaßen betreffen.
Es ist nicht nur ein Problem der ärmsten Nationen. Das Problem des Wassermangels wird unter anderem die Menschen betreffen in Australien, im Balkan, in Californien, China, Griechenland, Indien, Jordanien, Mexiko, Nordafrika, Pakistan, Saudi Arabien, Spanien, Südafrika und der Türkei. Sogar das südliche England leidet heute schon unter Wasser-Stress.

Begünstigtes Deutschland
Was den Zugang zu Frischwasser betrifft, gehört Deutschland zu den begünstigten Ländern der Welt. Kaum ein anderes Land kann auf ein derart großes Potenzial an Frischwasser zurückgreifen.  Und kaum ein anders Land verfügt über solch günstige Voraussetzungen, um mit der vorhandenen Bodenqualität, dem vorhandenen Wasser und dem vorhandenen landwirtschaftlichen Know-How Nahrungsmittel zu erzeugen.

Foto: Monika Frei-Herrmann

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Karte Verfügbarkeit von Süßwasser pro Kopf
Link Wasserverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln
Report Charting our Water Future
Report Nicht nur eine Frage der Knappheit:
Macht, Armut und die globale Wasserkrise