Reisen im Kopf

Unterwegssein in Coronazeiten

Es sollte ein Reisejahr werden: 2020 wollte ich meine Freunde im Ausland besuchen und neue Orte auf meiner persönlichen Landkarte entdecken. Dann legte Corona das Leben weltweit lahm. Meine Reisepläne zerplatzten wie Seifenblasen. Irgendwann hatte ich genug Talkshows, Infosendungen und Serien geschaut. Ich saß im Wohnzimmer, starrte auf meine Bücherwand und erinnerte mich an die endlosen, öden Winterwochenenden meiner Kindheit ohne Netflix, ohne Computer, ohne Handy. Wie hatte ich das nur überlebt? Da fielen sie mir ein, die Personen und Orte, mit denen ich damals tagelang unterwegs war: Mit dem Nichtraucher in seinem Eisenbahnwagon oder mit Tom Sawyer und Huck Finn auf dem Mississippi!
Es war der seltsame Einband – dunkelgrau, wie dicke Haut –, weshalb ich zuerst nach diesem Buch griff: Die Reise des Elefanten von José Saramago, ein Reisebericht, der auf wahren Begebenheiten beruht. Die Reise begann 1552, schreibt er, in den königlichen Gemächern Johannes des Dritten, König von Portugal, und seiner Ehefrau Katharina von Kastilien. Hier entschied das Paar, dass der Elefant Salomon, einst aus Indien nach Portugal gebracht und nun ein trostloses Dasein fristend, weil sich für indische Arbeitselefanten im Königreich keine Verwendung fand, das richtige Geschenk sei für Johanns Vetter, den Erzherzog von Österreich und als Herrscher von Spanien derzeit in Valladolid.
Und so schickt Saramago den Elefanten und seinen treuen Führer Subhro quer durch Portugal nach Valladolid, von dort an die französische Grenze, per Schiff nach Genua und weiter über Italien, die Alpen bis nach Wien. Eine Reise von über 3000 km, die einem logistischen Großunternehmen gleicht mit einem Tross an Pferden, Reitern, Fuhrwerken, Soldaten und Material. Ein halbes Jahr trotzen sie Wind und Wetter, bis sie Ende 1552 Wien erreichen. Einfühlsam schildert Saramago nicht nur wie die Reisenden die Strapazen bewältigen, sondern auch ihre naive Klugheit, Gläubigkeit und Schicksalsergebenheit. Und mit subtiler Ironie porträtiert er die höfische Gesellschaft, ihre politischen Kalküle und Machtspiele. Salomon wird nach kurzer Zeit in Wien sterben, Subhro geehrt und fürstlich entlohnt nach Portugal zurückkehren.
Nach dieser langen Reise, den vielen Geschichten und überwältigenden Begebenheiten brauche ich eine Atempause und greife nach Cees Nooteboom Umweg nach Santiago. Einem Buch, das ich immer wieder in die Hand nehmen, am Anfang beginnen oder am Ende und im Inhaltsverzeichnis schauen kann, wohin mich Nootebooms kluge Reisebeschreibungen durch Spanien führen. Dieses Mal überlasse ich es dem Zufall und bleibe gleich bei den ersten Zeilen von Auf den Spuren von Don Quijote hängen: „Manche Menschen’“ schreibt Nooteboom, „die es nie gegeben hat, haben sich so in die Geschichte eingenistet, dass sich niemand mehr vorstellen kann, es habe sie nie gegeben. Ein solcher Mensch ist Don Quijote de la Mancha.“ Auch ich bin schon Cervantes Helden mit großem Vergnügen gefolgt und begleite nun Nooteboom auf den Spuren Cervantes durch die La Mancha. Der nur 13seitige Reisebericht seiner Suche nach Autor und Pro­tagonist ist gespickt mit klugen Beobachtungen und historisch Wissenswertem.
Während Nooteboom oder Saramago in den Spuren vergangener Helden ihre Geschichten der Gegenwart finden, wird bei Juli Zeh ein Familienurlaub im Heute zu einer Reise in die Vergangenheit. Neujahr heißt ihr Roman. Er erzählt die Geschichte Hennings, erfolgreich im Beruf und glücklicher Familienvater, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern seinen Urlaub auf Lanzarote verbringt. Am Neujahrsmorgen bricht Henning zu einer Radtour auf. Als er erschöpft am Ziel ankommt, erkennt er mit Schrecken, dass er bereits an diesem Ort war, vergessene und belastende Erinnerungen tauchen auf. Gefesselt folgen die Leser, wie er sich dem tragischen Erlebnis in seiner Kindheit nähert. In der Wiederbegegnung des Ortes beginnt Hennings Spurensuche, an deren Ende er versteht: „Der Knoten ist geplatzt. Licht ist ins Dunkel gefallen (…)“
„Eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz, unvergesslich wie die Flussfahrt von Tom Sawyer und Huck Finn …“ steht im Klappentext von Tschick von Wolfgang Herrndorf. Zwei Jugendliche, ein geklauter Lada, eine Reise durch die Provinz. Dieses Mal also keine Reise in die Geschichte, die Erinnerung, in die Vergangenheit. Dennoch war ich skeptisch, ob die ostdeutsche Provinz so fesselnd sein kann wie der Mississippi? Dann der erste Satz: „Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen.“ Nach diesem Satz kann ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Das klingt nach Abenteuer, nach Veränderung und Neuem. Und Herrndorf hält mit jeder Zeile Wort: Tschick ist die Geschichte eines Ausbruchs und Aufbruchs, bei dem das Unterwegssein wichtiger ist als das Ziel, in der sich alles verändert und es immer weitergeht.

Dableiben
Und trotzdem keine Langeweile haben
Unser Leben ist Gewohnheit. Wenn wir reisen,
befriedigen wir unseren Drang, dieser zu entfliehen. Birgt Gewohnheit doch die Gefahr, das Außergewöhnliche mit der Zeit für selbstverständlich zu nehmen. Was passiert, wenn in unserem festumrissenen Alltagsleben etwas völlig unerwartetes passiert, schildert Britta Boerdner wunderbar amüsant in Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam. Es ist Hochsommer 1969 in der hessischen Provinz, als ein kalifornischer Musiker mit seinem VW Käfer vor dem Dorfgasthof „Zum Grünen Baum“ eine Autopanne hat. Er bleibt nur das Wochenende, aber in diesen beiden Tagen gerät das Leben der Bewohner in Bewegung. Wie bei einem Stein, der ins Wasser fällt, zieht der Besuch des Musikers seine Kreise. Neue Geschichten beginnen, alte leben auf, was immer so war, muss plötzlich nicht mehr so sein. Es ist nicht belegt, dass ein Musiker Namens Z. in der Wetterau war, aber es ist eine schöne Idee, dass er im Grünen Baum hätte sein können.

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Die Autorin
Regina Eisele studierte Germanistik, Latein-Amerikanistik und Romanistik. Seit 2000 ist sie mit eigener Agentur beratend tätig. Die Verlags-Expertin ist immer wieder bei den Büchern der Edition Quell als Lektorin aktiv. www.connectingteam.de

Bildnachweis: Titelbild, St. Leonhards