Alleine wandern ist möglich, in Gemeinschaft aber lehr- und facettenreicher. Das umfangreiche Angebot der Wanderverbände und die vielen engagierten Menschen auf europäischer, deutscher oder länderspezifischer Ebene haben Reise-Expertin Martina Guthmann positiv überrascht.

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Mehr als 2,7 Millionen Wanderer in Europa betreiben ihre Lieblingsaktivität innerhalb von Vereinen, die dem Europäischen Wanderverband EWV angeschlossen sind. Ich staune nicht schlecht angesichts dieser Mitgliedszahlen, von denen mir Dr. Gerhard Ermischer berichtet. Ermischer ist Vizepräsident des EWV und gleichzeitig Präsident des Wanderverbands Bayern, so kann er mir vieles über Struktur und Geschichte der Wanderverbände berichten: Deutschlandweit sind mehr als 600.000 Wanderfreunde Mitglied in 58 Regional-Vereinen mit mehr als 3.000 Ortsgruppen. Ermischer: „Wir stehen für nachhaltige Freizeit und sanften Tourismus – seit über 140 Jahren.“ Gegen Ende des 19. Jahrhundert stieg mit der zunehmenden Industrialisierung das Interesse an der Natur und der Bewegung im Freien. Durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde es möglich, aufs Land zu reisen und Freizeit in der Sommerfrische zu verbringen. Anfangs profitierte davon das Bürgertum, später auch die Arbeiterschaft. Heute bieten Wanderverbände geführte Wanderungen für Jung und Alt an, betreuen Wanderwege und Wanderheime, geben Wanderliteratur und -karten heraus, engagieren sich für die regionale Kultur und Brauchtumspflege, leisten Naturschutzarbeit, übernehmen gesellschaftliche Aufgaben und bieten vielfältige Programme für alle, die gerne draußen unterwegs sind.

Miteinander die Bewegung in intakter Natur genießen

Die geführten Wanderungen werden immer von erfahrenen, geprüften Wanderführen geleitet. Diese kennen interessante Wanderrouten, berücksichtigen die Kondition der Teilnehmer, und können Spannendes über Landschaft, Kultur und Umweltschutz berichten. Mitglieder können wählen zwischen Wanderungen in ihrer unmittelbaren Umgebung, Wanderangeboten mit speziellen Themenschwerpunkten, Fernwanderungen und kommunikativen Wandertagen.

Verantwortlich für Naturschutz und Wegepflege

Als anerkannte Naturschutzverbände stellen sich Wanderverbände auch dieser Verantwortung. Antje Drangusch etwa engagiert sich für den Naturschutz in Brandenburg, der Wegewart Jürgen Wagner engagiert sich in der Fränkischen Schweiz für den Erhalt von Höhlen. Und auf ihren geführten Wanderungen vermitteln die Naturschützer mit Leidenschaft Wissenswertes über Artenvielfalt und die Bewahrung von Fauna und Flora.

Wilde Orchideen stehen unter Naturschutz. Rund 60 Arten lassen sich entlang deutscher Wanderwege entdecken.

Artenschutz beginnt mit Wissen über die heimische Tierwelt, auch das vermitteln Wanderverbände.

In diesem Zusammenhang wichtig ist auch die Anlage, die Pflege und die Markierung von Wegen, zur Orientierung der Wanderer und zum Schutz der Natur. Bei mehr als 125.000 Kilometern vom DWV gepflegten – historischen oder neuen – Wanderwegen in ganz Deutschland ist das eine sehr zeitintensive Aufgabe, die vom ehrenamtlichen Engagement der Ortsgruppen-Mitglieder lebt.

Wege anlegen und Aussichtspunkte erhalten, auch das sind Aufgaben der Wanderverbände.

Besonders empfehlenswerte Wege erhalten das Prädikat „Wanderbares Deutschland“. Mit dem Siegel „Qualitätsregion Wanderbares Deutschland“ werden Regionen ausgezeichnet, in denen Wanderer besonders willkommen sind und gut betreut werden. Dazu zählt als eine der ersten in Deutschland die Wanderregion Spessart Räuberland: Dort empfangen die Gastgeber ihre Wanderer mit besonders traditionellen, kulinarischen Köstlichkeiten aus der Region und originellen Übernachtungsmöglichkeiten.

Zum Übernachten betreiben Deutschlands Wanderverbände selbst rund 150 schön gelegene Wanderheime, die den Mitgliedern bei Mehrtagestouren zur Verfügung stehen. Mitglied werden im Wanderverband können auch ganze Wandergebiete: Im Bayrischen Wanderverband sind dies derzeit der Naturpark Nagelfluhkette – ein Wandergebiet mit einer Vielfalt von Lebensräumen auf engstem Raum – und der Salz-Alpen-Steig, ein über 230 Kilometer langer Weitwanderweg von Bayern nach Oberösterreich entlang der Straße des weißen Goldes. Dieser zertifizierte Weitwanderweg ist auch ein gutes Beispiel für die länderübergreifende Zusammenarbeit der Wanderverbände Europas. Lückenlos erwandern lässt sich Europa bereits heute über die E-Wege vom Nordkap bis nach Ceuta an der nordafrikanischen Küste. Und ständig kommen dank des Engagements des Europäischen Wanderverbands neue Wege hinzu, ein wichtiges Signal für die europäische Kultur. Auch immer mehr junge Leute gehen auf diesen Wegen gerne auf Wanderschaft.

Engagement für Jugendarbeit und Ausbildung

Wandern als Erlebnis für Kinder und Jugendliche zu gestalten – das ist das wichtigste Anliegen des Fachbereichs Familie. Und die Jugend wächst nach, das bestätigt Linda Stahl, Hauptjugendwartin von einem der mitgliedsstärksten Wandervereine, dem Spessartbund. Neben speziellen Familientagen bietet der Wanderverband Freizeiten und Camps für Kindereinrichtungen oder Jugendgruppen. Die WanderführerInnen haben dafür ihr Know How in Sachen Erlebnispädagogik in der Heimat- und Wanderakademie Bayern erlernt. Neben der Ausbildung zum Zertifizierten Natur- und Landschaftsführer bietet die Akademie auch Menschen aus bewegungstherapeutischen Berufen die Möglichkeit, sich zu zertifizierten Gesundheitswanderführern fortzubilden.

Kartenkunde, Tierspuren lesen, der Umgang mit dem Kompass: Kompetenzen, die in der Schule zu kurz kommen.

Gesundheitswandern als Therapie

Gesundheitswanderungen wenden sich speziell an Teilnehmer, die aus welchen gesundheitlichen Gründen auch immer das Wandern wieder für sich entdecken möchten. Viele Krankenkassen bieten Vergünstigungen, wenn ihre Versicherten an den zertifizierten Kursangeboten des Deutschen Wanderverbands teilnehmen. Gerhard Ermischer erklärt: „Wandern wirkt erwiesenermaßen heilsam auf ganz unterschiedlichen Ebenen – auf geistiger, seelischer und körperlicher Ebene.“ Auf geistiger Ebene – so Ermischer – ist es der Erwerb von Wissen und Erfahrungen, mit denen sich das Leben besser meistern lässt, durch die Beschäftigung mit Landschafts-, Natur- und Kulturräumen und der Einordnung in die Geschichte. Beim Wandern stärken wir psychische Fähigkeiten wie Gedächtnis und logisches Denken, Wahrnehmungsgeschwindigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen. Auf seelischer Ebene erholen wir uns vom durch Hektik und Stress geprägten Alltag, finden Zeit für uns und andere und kommen zur Ruhe, ins Gleichgewicht. Was die körperliche Ebene betrifft, so ist für die meisten der gesundheitliche Aspekt beim Wandern wichtiger als die sportliche Leistungsfähigkeit. Da Gesundheit kein Zustand, sondern ein Prozess ist, gilt es, laufend darauf zu achten. Sven Hähle von der Heimat- und Wanderakademie Bayern fasst das so zusammen: „Solange Draußen sein möglich und erlaubt ist, geht Wandern eigentlich überall und immer und auch ohne große Ausgaben. Und das stärkt Immunsystem und Psyche gleichermaßen.“

Vom Trailrunnig bis Aqua-Walking: Wandern als Sport

Auch wer es beim Wandern sportlich angehen möchte oder mal etwas Neues ausprobieren mag, kommt im Wanderverband auf seine Kosten: Neben Wanderungen mit Rad, Kanu oder Lama bietet der Wanderverband Bayern zum Beispiel auch Trail Running an oder International Aqua Walking, die aus Frankreich kommende Trendsport-Art des sportiven Wanderns mit Paddeln im bauchnabelhohen Wasser.

In Anbetracht dieser Vielfalt an Angeboten der aktiven Teilhabe wird mir die Attraktivität und Anziehungskraft der Wanderverbände verständlich. Wandern im Verband bedeutet, im sozialen Miteinander auf Gleichgesinnte treffen – sowohl lokal als auch überregional. Es bedeutet auch, global vernetzt zu sein in der natürlichsten aller Bewegungsarten. Ob Abendrunde, Morgenspaziergang, Bergtour oder Wandermarathon: Hauptsache gemeinsam wandern.


Qualitätsweg

Wanderbares Deutschland
Das Prädikat „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ vergibt der Deutsche Wanderverband an abwechslungs- und aussichtsreiche Wanderwege in natürlicher Umgebung, mit einer zuverlässigen Markierung sowie einer guten Infrastruktur am Wanderweg.

www. wanderbares-­deutschland.de


E-Wege
Wandern durch Europa
12 Fernwanderwege, die sogenannten E-Wege, bilden das Rückgrat des europäischen Wandernetzes. Sie verbinden die nationalen und regionalen Wanderwege und bieten über die Grenzen hinweg interkulturelle Wanderbegegnungen. So sind sie auch Pfade für Frieden, Verständnis und Einheit.

www.era-ewv-ferp.com/de/wandern-in-europa/e-wege/


Aus-und Fortbildung

Die Aus- und Fortbildung der Heimat- und Wanderakademie Bayern wird inzwischen deutschlandweit von Interessenten angefragt:
Die Ausbildung zum DWV-Wanderführer® beinhaltet auch den Abschluss Zertifizierter Natur- und Landschaftsführer (kurz: ZNL) für die jeweilige Ausbildungsregion. Nach bestandener Prüfung erhalten alle Absolventen dieses Zertifikat sowie das Zertifikat European Walkleader. Der insgesamt 10-­tägige Kurs vermittelt von der zielgruppengerechten Wanderplanung über die Wetter- und Landschaftskunde, Regionalgeschichte und Ökologie bis hin zur Erlebnispädagogik und Rhetorik viel spannendes Wissen. Nähere Informationen – auch zur Fortbildung zum Gesundheitswanderführer:

www.wanderverband-bayern.de/akademie
Telefon: +49 (0) 0951 4086411
E-Mail: info@wanderverband-bayern.de


Weitere Links

www.wanderverband-bayern.de
www.wanderverband.de
www.era-ewv-ferp.com/de

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Bildnachweise: Natur- und Wanderfreunde Rottenberg Spessartbund, Patricia Pitz, Martina Guthmann, Jürgen Wagner

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