Mehr tun, als man tun muss

Was wäre unsere Gesellschaft ohne die vielen Menschen, die ohne großes Aufheben für die Gemeinschaft Großartiges leisten? Stellvertretend für Millionen von Ehrenamtlern veröffentlichen wir hier einige Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen.

1. Eine Million Euro für SOS-Kinderdörfer
Georg Sedlmaier ist ein Mann der Tat – und er ist hartnäckig. Wenn sich der Lebensmittelkaufmann etwas in den Kopf gesetzt hat, dann verfolgt er es mit einer Beharrlichkeit, die er sich aneignete, als er als junger Mann auf dem Lande von Haus zu Haus zog, um den Bauern Lebensmittel aus dem elterlichen Geschäft zu verkaufen. „Engagiert aufdringlich” wird er auch manchmal von jenen genannt, die ihn kennen. Denn er bleibt dran an den Dingen, die ihm wichtig sind. Allem voran die Hilfe für Kinder. Für „alle meine Kinder”, sagt der Kemptener. Sie leben in SOS-Kinderdörfern und sind für ihn „Glücksmomente, die Kraft geben”. Genau 1.108.500 Euro hat Sedlmaier in den vergangenen 30 Jahren für SOS-Kinderdörfer gesammelt. Durch seinen Wunsch, nicht einfach nur Geld zu überweisen, sondern den Menschen in die Augen zu schauen, lernte er Hermann Gmeiner, den Gründer der SOS-Kinderdörfer kennen. Der gab ihm den Auftrag: „Du machst für mich ein SOS-Kinderdorf.” So begann er mit zwei Familienhäusern in Kolumbien, es folgten Häuser in Nordvietnam, Sachsen, Polen, Mazedonien, Marokko, Westafrika und im Kongo. Das zehnte von ihm unterstützte SOS-Projekt öffnete kürzlich in Frankfurt Sossenheim seine Pforten. 230 Paten für Kinder aus SOS-Projekten hat er mittlerweile gewonnen und er wäre nicht Georg Sedlmaier, wenn er sich nicht noch mehr vorgenommen hätte: 250 Paten sind sein Ziel. Auch im Ruhestand engagiert er sich unermüdlich.

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Mehr Infos zum Engagement  von Georg Sedlmaier

2. Leseomas und Leseopas: Mit den Kleinen lesen üben
„Es gibt immer mehr Schulkinder, die zusätzliche Hilfe beim lernen brauchen”, beob-achtete Klaus-Peter Schubert vor sieben Jahren. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete der Ingenieur in der oberbayerischen Gemeinde Unterhaching das Kooperationsprojekt „Gebraucht werden”. Dabei üben Leseomas und Leseopas ehrenamtlich mit den Kleinen Lesen, Schreiben und Rechnen, helfen bei den Hausaufgaben oder betreuen Spielgruppen der Ganztagsklassen in den Mittagspausen. Für die 15-jährigen an der Mittelschule sind „Lernbegleiter” in Deutsch, Englisch und Mathematik dringend gefragt. Viele der Seniorinnen und Senioren bauen enge Beziehungen auf, werden Oma und Opa und betreuen „ihre” Kinder bei Freizeitaktivitäten wie Schwimmen oder Museumsbesuchen. So hilft etwa eine geistig rüstige aber gehbehinderte 83-Jährige einer 15-jährigen Migrantin beim Lernen und diese besorgt stolz ihre Einkäufe. Mehr als 70 Seniorinnen und Senioren haben sich mittlerweile in der 24 000 Einwohner zählenden Gemeinde engagiert und sie leisten insgesamt derzeit rund 140 Wochenstunden. Sie bestimmen den Umfang, die Dauer und die Termine ihres Engagements selbst. Koordiniert wird die Aktion von Klaus-Peter Schubert. Praktisch bedeutet das: Räume organisieren, Kinder hinbringen, Vertreter für verhinderte Lernhelfer einteilen und immer wieder die Fortschritte und Probleme der Kinder besprechen. Der Lohn der Anstrengung: Erkennbare Leistungsverbesserungen bei den unterstützten Kindern und Glücksmomente bei den Helfern.

Langfassung des Beitrags über Leseomas- und Opas

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3. Flüchtlinge: Kochen nach dem Sprachkurs
Gut riecht es in der Küche der Gemeinde von St. Ignatius in Frankfurt. Schwere Töpfe mit Chili con Carne und Reis dampfen auf dem Herd. Der Nachtisch aus Quarkcreme mit Mandarinen und Keksen wird gerade mit Schokostreuseln verfeinert. Einer der Jungs wird später einen kritischen Blick auf das Dessert werfen und sich dann nomal Nachschlag holen. „Immer erst probieren”, sagt die Betreuerin und lacht. Der Junge lacht auch und wiederholt: „Probieren”. Ein schweres Wort für jemanden, der erst seit wenigen Wochen die deutsche Sprache lernt. Seit Anfang Oktober tun die jugendlichen Flüchtlinge dies in den Räumen der St. Ignatius-Gemeinde. Was bisher auf dem Fußboden eines Hotels stattfand, kann nun in einer viel besseren Atmosphäre erfolgen. Die Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Eritrea oder Somalia. In aller Unterschiedlichkeit eint sie, dass sie einen langen Weg hinter sich und auch noch vor sich haben. Dabei hilft die Gemeinde von St. Ignatius. Mit dem Raumangebot und einem Mittagessen ist ein Anfang gemacht. Daraus entwickeln sich weitere Ideen für Angebote, etwa Musik-Machen mit Gitarren.

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4. Menschlichkeit und Perspektiven
Vor 28 Jahren begann für Christa Mann ihr Flüchtlings-Engagement damit, dass sie kurdische Flüchtlinge, die in einer ehemaligen Ring-Fabrik untergebracht waren, begrüßte. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der evangelischen Kirche Pforzheim erkannte, dass zum Nötigsten für diese heimatlosen Menschen vor allem auch Menschlichkeit und Perspektiven gehören. Sie gründete zusammen mit anderen das Forum Asyl, das Flüchtlinge zu Ämtern, Ärzten und Anwälten begleitet. Dafür erhielt sie 2010 die Bürgermedaille und hat viele wertvolle Freundschaften geschlossen. Ihr Vorschlag zur Flüchtlingskrise: „Wenn jede Familie, die das möchte, eine partnerschaftliche Patenschaft für einen Flüchtling übernimmt, wäre dies die allerbeste Lösung für ein schnelles und harmonisches Zusammenwachsen.”

Kontakt – Resonanz – Veränderung
Mit einer Klangschale vergleicht Andreas Böss-Ostendorf von der Katholischen Stadtkirche in Frankfurt ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe: Ohne Kontakt bleibt die Klangschale stumm. Das kalte Metall bleibt abweisend. Es bedarf Überwindung, die Klangschale zu berühren.
Es gibt viele Möglichkeiten, die Klangschale zum Klingen zu bringen. Der Kontakt löst eine Schwingung aus und im Wasser wird diese Resonanz sichtbar.
Nach der Berührung klingt die Schale noch nach. Es ist wie nach einem Konzert. Der Musiker hat den Klang noch im Ohr. Und die Welt ist um einen Klang reicher geworden.

Gesucht: Helden des Alltags
Kennen Sie in Ihrem Umfeld auch Frauen und Männer, die mehr tun, als sie eigentlich tun müssten?
Schreiben Sie uns und schildern Sie uns Ihr Beispiel für einen Helden/eine Heldin des Alltags, das Ihnen am meisten imponiert.
Eine Auswahl der Beispiele veröffentlichen wir dann auf www.quell-online.de.  info@quell-online.de