Meeres-Schutz mit dem Geldbeutel

Fisch gilt als gesund, er schmeckt lecker und er ist für Milliarden von Menschen die wichtigste Nahrungsquelle. Doch wenn wir mit dem Raubbau der Meere so weitermachen, dann ist die maritime Vorratskammer bald erschöpft. Von Andrea Tichy.

Bezaubernde Unterwasserwelt: Die Fotos, die Aldebaran auf große Bildschirme projiziert sind atemberaubend. Fischschwärme vollführen eine spielerische Choreografie. Eine Seeanemone packt einen Fisch und lähmt ihn mit ihrem Nesselgift. Delfine vollführen voller Übermut ihre Sprünge. Es sind Bilder von großer Schönheit, die uns bewusst machen, wie wenig wir über die Meereswelt wissen. Zwar tragen die Meere mit rund 90 Millionen Tonnen Fisch erheblich zur Ernährung der Bevölkerung bei, doch was unter der Wasseroberfläche vor sich geht, ist uns fremd. „Über die Tiefsee wissen wir weniger als über den Mond“, sagt die Meeresbiologin  Dr. Iris Menn. Und weil wir so wenig über die Unterwasserwelt wissen, zögern wir auch nicht, sie mit brachialen Methoden auszubeuten. Schwere Grundschleppnetze pflügen auf der Jagd nach Tieren, die im oder auf dem Boden Leben, den Meeresgrund gnadenlos durch. Kostbare Lebensräume wie Korallenriffe werden dem Erdboden gleich gemacht. Eine Vorstellung von der Zerstörungskraft dieser Fangmethoden vermittelt der so genannte „Beifang“, der bei der Jagd nach Scholle, Seezunge und Krabben bis zu 80 Prozent der eigentlich gewünschten Beute beträgt. Halbtot oder tot wird dieser Beifang nach Aussortierung der gewünschten Beute einfach wieder ins Meer gekippt, ohne ihn wenigstens weiter zu nutzen – etwa als Fischfutter für Aquakulturen. Bis zu 30 Millionen Tonnen im Jahr beträgt laut Welternährungsorganisation (FAO) dieser Beifang.
„Nachhaltiges Wirtschaften ist für die Meere überlebenswichtig“, sagt Frank Schweikert, Geschäftsführer des Fördervereins Aldebaran in Hamburg, der sich die Meeresforschung und den Umweltjournalismus auf die Segel geschrieben hat. Um ein möglichst großes Publikum vom Ozean-Schutz zu überzeugen, unterhält Aldebaran ein Forschungsschiff, das Dokumentationen vom Meer in die Medien sendet. Mit hochauflösenden Unterwasserkameras können Wissenschafler, Taucher und Journalisten von dort aus den fantastischen Mikrokosmos der Ozeane mit bewegenden Bildern darstellen.

Weniger und bewusster Fisch essen
Doch was kann jeder einzelne Verbraucher tun, um durch seine Kaufentscheidung zur Schonung der Meere beizutragen? Immerhin isst jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich 15,7 Kilogramm Fisch. Für Greenpeace ist die Lösung auf einen einfachen Nenner zu bringen: „Essen Sie weniger Fisch, und wenn, treffen Sie die richtige Wahl“, rät die Umweltschutzorganisation in ihrer Publikation „Fisch – beliebt, aber bedroht“. Und Dr. Iris Menn ergänzt: „Wenn wir in 15 Jahren überhaupt noch Fisch essen wollen, dann müssen wir den Bedarf senken“. So wurden beispielsweise die Bestände der großen Raubfische wie Thunfisch, Schwertfisch und Kabeljau innerhalb von 50 Jahren um bis zu 90 Prozent dezimiert. Greenpeace rät deshalb dazu, auf die vollständige Kennzeichnung der Produkte zu achten. Folgende Angaben sollten beim Kauf von Fisch berücksichtigt werden: Erstens der Handelsname und der lateinische Name der Fischart, der diese genau definiert (so taucht etwa der Dornhai unter elf verschiedenen Namen auf), zweitens das Fanggebiet der Welternährungsorganisation FAO sowie drittens die Fangmethode. Als Erfolg der Greenpeace-Arbeit kennzeichnen mittlerweile viele Supermärkte ihre Fischprodukte besser. Die am häufigsten verwendete Zertifizierung ist das so genannte MSC-Siegel (siehe Kasten: Leuchtturm für mehr Nachhaltigkeit), dessen Kriterien jedoch von Greenpeace kritisiert werden.

Alternative Aquakultur?
Rund ein Drittel des Angebots an Meeresfischen, Süß- und Salzwasserfischen wird mittlerweile über Aquakultur gedeckt. Doch auch Aquakultur schafft Probleme. Eine große Herausforderung ist, dass viele Zuchtfische wiederum Fisch fressen – so trägt die Aquakultur zur Überfischung bei. Für die Mast von einem Kilo Lachs können bis zu vier Kilo Fischmehl oder Fischöl nötig sein. Weitere Probleme sind der massive Einsatz von Antibiotika und Pestiziden, die sich oft als Rückstände in Aquakultur-Ware finden lassen. Mittlerweile gibt es jedoch weltweit Anstrengungen, Aquakultur auf eine ökologische Basis zu stellen. Noch beschränkt sich Bio-Aquakultur auf wenige Arten. In Europa werden vor allem Karpfen, Lachsfische, Dorsche, Doraden und Wolfsbarsche nach Ökorichtlinien gezüchtet. In tropischen und subtropischen Regionen werden vor allem Garnelen ökologisch produziert. Weltweit gibt es inzwischen fast 250 zertifizierte Bio-Aquakulturbetriebe, die beispielsweise für die Fütterung ihrer Fische wertvolle Abfälle aus der Speisefischproduktion verwenden. Noch decken Öko-Betriebe jedoch lediglich einen Promille-Bereich der Nachfrage ab. „Der für das erfolgreiche Wachstum des Sektors wesentliche Faktor ist der Markt – und damit sind es bewusste Konsumenten, die sich für die qualitativ hochwertigen Produkte aus ökologischer Aquakultur entscheiden,“ so Dr. Andreas Stamer vom Forschungsinstitut für biologischen Anbau (FILBL) in der Schweiz. Es liegt am Verbraucher, die Ozeane zu schützen.

Beitrag MSC-Siegel: Leuchtturm für mehr Nachhaltigkeit

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Link Aldebaran Marine Research & Broadcast Organisation für Umweltkommunikation
Link Welternährungsorganisation (FAO)
Link Forschungsinstitut für biologischen Anbau (FIBL)