Lebensmittel als Mittel zum Leben

In Zeiten der industriellen Landwirtschaft und der Fast-Food-Industrie verkommen Lebensmittel immer mehr zu Produkten, die sich zu Geld, aber immer weniger zu Nahrhaftem machen lassen. Während Großunternehmen vor allem an der Bequemlichkeit verdienen, gibt es immer mehr Graswurzelbewegungen und Unternehmen, die sich dafür einsetzen, das Lebendige in Lebensmitteln zu bewahren.

„Es wird eine Zeit kommen, da werden die Menschen vor vollen Tellern sitzen und dennoch verhungern!“, so lautet eine Weissagung der Hopi Indianer, des „friedfertigen Volks“, das im Westen der USA eine enge Beziehung zu Mutter Erde pflegte. Ist diese Zeit schon gekommen? Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität in Paris zeigt: Fertigprodukte machen häufig dick und verringern die Lebenserwartung. Als Ursachen gelten neben dem hohen Verarbeitungsgrad, ungesunden Fetten, sowie (zu) viel Salz und Zucker vor allem Zusatzstoffe. So wirken beispielsweise Phosphate in Cola und Schmelzkäse schädigend auf die Nieren und fördern Herz-Kreislauf-Erkrankungen; Farbstoffe machen Kinder hibbelig, Schwefelverbindungen können Asthma und Allergien hervorrufen. In den USA, Kanada und Großbritannien liegt der Anteil an hochverarbeiteten Produkten in der Ernährung schon bei 60 Prozent; in Deutschland ist es vermutlich nicht viel besser. Denn auch bei uns stehen Suppen in Dosen, Tiefkühlpizza, Fixmischungen für Saucen, Salatdressings und abgepackte Menüs hoch im Kurs. Diese Entwicklung beschreibt die Ernährungsexpertin Annette Sabersky in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Besser essen ohne Zusatzstoffe“.

Fast Food ist Kindesmisshandlung

In eine ähnliche Richtung zielt Harald Sükar mit seinem Buch „Die Fast Food-Falle: Wie McDonald‘s und Co. auf Kosten unserer Gesundheit Milliarden verdienen.“ Der ehemalige McDonalds-Manager beschreibt darin drastisch, wie die Systemgastronomie mit ihrer „wertlosen, weil nährwertlosen Ware Fast Food“ dazu beiträgt, dass mittlerweile jeder vierte Mensch weltweit unter Übergewicht leidet und 700 Millionen Menschen als krankhaft fettleibig zu bezeichnen sind. „Fast Food ist Kindesmisshandlung“, so zieht Harald Sükar seinen Schluss. Nach seinen Recherchen wirkt der in Fastfood-Gerichten exzessiv zugesetzte Zucker wie „weißes Gift“ und macht süchtig. Denn Zucker und Kokain stimulieren dieselben Hirnregionen, setzen dieselben Botenstoffe in Gang, lösen in Menschen dieselbe Art von Suchtverhalten aus.
„Industrie-Zucker ist der Traum schlechthin. Er lockt die Leute an, hält sie als Kunden bei der Stange, beschert maximalen Umsatz und kostet selbst so gut wie nichts“, beschreibt der ehemalige Manager den Umstand, warum das weiße Gift so vielen Lebensmitteln zugesetzt ist. Vom Softdrink bis zum Eis, vom Brot bis zum Ketchup.

Ketchup als Auslöser

Es war denn auch Ketchup, das Georg Sedlmaier vor mehr als zwanzig Jahren dazu veranlasste, aktiv zu werden. Bei einer Urlaubsreise in Kalifornien beobachtete der Lebensmittelkaufmann mit Grauen in einem Restaurant, wie ein Familienvater erst einmal über den servierten Edelfisch eine große Portion Ketchup verteilte. Die mangelnde Wertschätzung wertvoller Lebensmittel, die ihm bei dieser Urlaubsreise begegnete, brachte Georg Sedlmaier dazu, die „Interessengemeinschaft für gesunde Lebensmittel“ (kurz IG FÜR) ins Leben zu rufen. Seither engagiert sich der rund 700 Mitglieder zählende gemeinnützige Verein für gesteigerte Wertschätzung von Lebensmitteln. „Wenn wir als Kunden unsere prall gefüllten Lebensmittelmärkte in Deutschland mit Lebensmitteln aus aller Welt bestaunen, kommen wir bei diesem Überfluss nicht auf den Gedanken eines Mangels. Dabei ist es genau das, was uns droht, wenn wir so weitermachen wie bisher“. Und in seiner Sorge um gesunde Lebensmittel hat der rührige Netzwerker schon eine Menge bewegt. Mit Freude beobachtet er, wie immer mehr Lebensmittelkaufleute Wert legen auf Transparenz, Klarheit, Wahrheit und Vertrauensbildung nach dem Motto: „Wir haben nichts zu verbergen“. Kunden wollen verstärkt einen „Händler ihres Vertrauens“. Lebensmittelskandale, nicht artgerechte Tierhaltung oder Etiketten-Schwindel machen Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend misstrauisch. Sie fragen sich, sind Lebensmittel wirklich noch „Mittel zum Leben“? „Erfreulicherweise erleben wir immer mehr erfolgreiche Hersteller und Händler, die mit regionalen Lebensmitteln, dem Verzicht auf künstliche Aromen, Geschmacksverstärker, Farbstoffe und ohne Gentechnik in der Kundengunst steigen“, so Sedlmaier. Ein Beispiel eines Unternehmens, das konsequent auf Zusatzstoffe in ihren Waren verzichtet, ist die Hofpfisterei in München. 203 Zusatzstoffe sind in der Europäischen Union für Backwaren zugelassen, 35 Zusatzstoffe sind es selbst für Backwaren, die sich biologisch nennen dürfen. Ganz anders in den Backwaren der Hofpfisterei: Null Zusatzstoffe sind es im Öko-Natursauerteig-Brot. Und gemäß dem Credo des reinen Genusses kommt die Hofpfisterei auch bei den Feinbackwaren praktisch ohne Zusatzstoffe aus. Die Kunden schätzen diesen Purismus und so ist die Hofpfisterei in München eine Institution.

Echte Lebensmittel statt einfach nur Nahrungsmittel

Auch bei Brotzeiten macht die Qualität der Lebensmittel den Unterschied. Foto: stock.adobe.com|vanillaechoes

Vom Wasser bis zum Salz, vom Brot bis zum Käse: Die Liebe und Wertschätzung, mit denen Produkte hergestellt werden, lässt sich förmlich schmecken. So zum Beispiel bei dem Sortiment der Naturkäserei St. Georg in Ruhpolding. Von der Aufzucht der Tiere bis zur Verarbeitung der verwendeten Stuten- und Ziegenmilch basiert die gesamte Produktionskette auf dem achtsamen Umgang mit Mensch, Tier und Natur. Die von der Naturkäserei St. Georg verwendete Stutenmilch beispielsweise stammt ausschließlich von eigenen Tieren der Unternehmerfamilie Abfalter. Die in der Herde gehaltenen Stuten und Fohlen haben beliebig viel Auslauf und werden unter der Aufsicht des Seniorchefs und Pferdeliebhabers Johann Abfalter rein biologisch ernährt. Ein Teil des verwendeten Heus stammt von Naturschutzwiesen am Chiemsee. So sorgsam Seniorchef Abfalter mit seinen Pferden umgeht, geht Molkereimeister Alexander Huber auch bei der Produktion der Ziegenkäse-Spezialitäten mit Stutenmilch vor. Bei der Herstellung von Frischkäse, Weichkäse, Camembert und Molke werden keinerlei Konservierungsstoffe oder Geschmacksverstärker verwendet. Die Produkte bestehen zu etwa 60 Prozent aus Ziegenmilch und zu 40 Prozent aus Stutenmilch und ihre Erwärmung geschieht bei niedrigen Temperaturen von rund 63 Grad. Dadurch bleiben alle wichtigen Nähr- und Wirkstoffe erhalten. Verpackt werden Frisch- und Weichkäse in Glas, das nicht nur unverfälschten Geschmack garantiert, sondern obendrein die Umwelt von schwer abbaubarem Plastik verschont. Dies alles geschieht in Handarbeit, die größtmögliche Sorgfalt und Achtsamkeit ermöglicht und schon auf den ersten Blick die Wertschätzung sichtbar macht, die man hier in der Käsemanufaktur den erzeugten Produkten entgegen bringt. „Wir wollen echte Lebensmittel produzieren statt einfach nur sättigende Nahrungsmittel“, lautet die Philosophie von Familie Abfalter.

Buch-Tipps

Besser essen ohne Zusatzstoffe
Annette Sabersky

Farbstoffe, Konservierungsstoffe, künstliche Aromen – unsere Lebensmittel sind ohne Zusatzstoffe nicht mehr denkbar. Eingesetzt werden sie, um Geruch, Konsistenz, Farbe und Haltbarkeit zu beeinflussen, und das nicht selten auf Kosten unserer Gesundheit. In ihrem neuen Ratgeber gibt die renommierte Ernährungsexpertin Annette Sabersky einen Überblick über alle gängigen Lebensmittelzusätze und zeigt mit vielen Tipps und Rezepten, wie wir diese im Alltag vermeiden können. Denn nicht alle Stoffe sind so harmlos, wie uns die Lebensmittelindustrie weismachen möchte. Zusatzstoffe können krank machen.
oekom verlag
ISBN 978-3962381257
128 Seiten, Preis: 16 Euro

 

Die Fast Food-Falle: 
Wie McDonald‘s und Co. auf Kosten unserer Gesundheit Milliarden verdienen.  Harald Sükar

Fast Food-Ketten prägen gemeinsam mit der Zuckerindustrie die Ernährung von Millionen von Menschen und richten damit weltweit schwere gesundheitliche Schäden an, sowohl körperliche als auch psychische. 13 Jahre lang verantwortete Harald Sükar das als Spitzenmanager von McDonald‘s mit. Danach fing er an, sich eingehend mit gesunder Ernährung zu befassen. Was er in den darauffolgenden Jahren herausfand, belastete sein Gewissen. Deshalb sagt er jetzt, was er gerne schon früher gesagt hätte: Geht auf keinen Fall zu McDonald s, Burger King und Co. Geht schon gar nicht mit euren Kindern hin. Auch nicht ausnahmsweise. Denn es macht euch kaputt.

edition a
ISBN 978-3990013434
256 Seiten, 22 Euro.  Als Kindle Ausgabe; Preis: 16 Euro

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Bildnachweis: Titelbild Fotalia | Subbotina Anna