Krankheit hat ein Woher und ein Wohin

Auch in der Akutmedizin hat der ganzheitliche Blick der Anthroposophischen Medizin seinen Platz. Wie er eine an Leitlinien orientierte Versorgung ergänzen und bereichern kann, zeigt ein Besuch im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Von Laura Krautkrämer

Die Anthroposophische Medizin genießt unter vielen Patienten einen guten Ruf. Sie schätzen die Expertise ihrer anthroposophischen Hausärztin oder ihres Kinderarztes. Dass es auch anthroposophische Akutkliniken wie das Krankenhaus Havelhöhe gibt, ist vielen weniger bekannt. Ob Geburtshilfe oder Onkologie, Schmerztherapie oder Entgiftung bei Alkohol- und Arzneimittelmissbrauch – die Havelhöhe deckt das übliche Spektrum der modernen Akutmedizin ab.
Die ganzheitliche Herangehensweise zeigt sich dennoch in allen Bereichen, in der Diagnostik ebenso wie in der Arzt-Patienten-Beziehung oder in den therapeutischen Möglichkeiten. „Wir betrachten den Menschen als ein Wesen, das auf Entwicklung angelegt ist“, unterstreicht Dr. med. Matthias Girke, Facharzt für Innere Medizin und Mitbegründer der Klinik. „Bei einem solchen Menschenbild ist Krankheit keine Betriebspanne. Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch durch die Krankheit ein anderer wird. Dass die Krankheit ein Woher und ein Wohin hat und dabei der Entwicklungsgedanke eine zentrale Rolle spielt.“
Der krankenhaustypischen Technologie stehen in der Havelhöhe ganz unterschiedliche sinnliche Erfahrungsräume entgegen. Musiktherapie etwa nutzt die vielfältige physiologische Wirkung der Musik – sie kann die Patienten einerseits beleben oder ihnen andererseits zu mehr Ruhe und Gelassenheit verhelfen. Kunsttherapie oder Heileurythmie, Sprachtherapie oder Organeinreibungen sind weitere Beispiele für das breite Therapieangebot. In regelmäßigen Therapiebesprechungen tauschen sich die Kolleginnen und Kollegen aus: Welche Ressourcen hat der Patient, die Patientin? Wo kann man sinnvoll ansetzen?
Rhythmischer Tagesablauf
„Schon allein ein rhythmischer Tagesablauf kann viel zum Wohlbefinden beitragen“, erläutert Matthias Girke. „Ein weiterer, ganz elementarer Bereich ist die Pflege. Eine morgendliche Rosmarinabwaschung zur Belebung ist ja eigentlich eine ganz einfache pflegerische Maßnahme, aber sie hat eine spürbare therapeutische Wirkung.“Auch Dr. med. Harald Matthes, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer der Havelhöhe sowie leitender Arzt in der Gastroenterologie, plädiert für einen erweiterten Blick auf das Kranksein: „Es geht darum, neben dem Körperlichen das Seelisch-Geistige oder Spirituelle in die Diagnostik mit hineinzunehmen, denn Körper, Seele und Geist agieren miteinander. Ich muss also schauen, welche Schichten betroffen sind. Als Arzt kann ich dem Patienten helfen, aus verschiedenen Handlungsoptionen die für ihn beste auszuwählen: Das kann eine Operation sein, eine Psychotherapie oder auch eine künstlerische Therapie. Oder alles zusammen.“ Eine anthroposophische Ausrichtung zeigt sich also keineswegs allein an künstlerischen Therapien oder anthroposophischen Medikamenten: „Jede medizinische Intervention ist eine andere, wenn sie einem solch umfassenden Menschenbild entspringt“, findet Matthias Girke. „Die innere Haltung des Arztes ist entscheidend und strahlt auf alles andere aus.“

Die Havelhöhe liegt vor den Toren Berlins auf einem 18 Hektar großen Parkgelände

Prozesse statt „Rohrreiniger“
Wer zum Beispiel einen Herzinfarkt lediglich auf verstopfte Gefäße zurückführe, die quasi per „Rohrreiniger“ wieder durchgeputzt werden können, verpasse eine große Chance, ist sich Harald Matthes sicher: „Wenn der Kardiologe sagt, kein Problem, wir reparieren das, bedient er exakt das mechanische Weltbild der häufig extrem gestressten und voll verplanten Infarktpatienten. Fragt der Arzt stattdessen nach den Ursachen, spricht er mit ihnen über ihren Umgang mit Stress, über Ernährungsgewohnheiten oder das Rauchen, dann kommt er vom Durchputzen zum Prozessualen.“

Interview mit Dr. med. Matthias Girke:
Wie wird man anthroposo­phischer Arzt?

Welche Ausbildungswege gibt es für Ärztinnen und Ärzte, um nach dem regulären Medizinstudium die anthroposophische Zusatzqualifikation zu erhalten?
Matthias Girke: Da gibt es mehrere Varianten. An der Havelhöhe veranstalten wir zum Beispiel eine Einführungswoche für angehende Ärzte, um sie schon während des Studiums mit unserem Ansatz bekannt zu machen. Eine rund zweijährige berufsbegleitende Ausbildung bieten die Ärzteseminare der drei anthroposophischen Kliniken an – neben der Havelhöhe sind das das Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke und die Filderklinik bei Stuttgart. In der Schweiz gibt es ein vergleichbares Seminar in Arlesheim. Im sonstigen Ausland gibt es weitere Angebote. Die Universität in Witten/Herdecke bietet außerdem ein integratives Begleitstudium „Anthroposophische Medizin“ an.

Wie läuft die Ausbildung ab?
Matthias Girke: Die Fortbildung ist modulbasiert oder kurrikular aufgebaut. Man muss zunächst zwei Jahre praktisch tätiger Arzt gewesen sein. Hinzu kommt eine 250 Stunden umfassende mentorierte Praxisphase. Darin geht es um die inhaltliche Auseinandersetzung etwa mit bestimmten Krankheitsbildern, aber auch um didaktische Fragen. Eine Projektarbeit und drei Fallstudien schließen die Ausbildung ab.

Wie lautet am Ende die entsprechende Fachbezeichnung?
Matthias Girke: Nach Abschluss der Ausbildung darf man die Zusatzbezeichnung „Anthroposophische Medizin (GAÄD)“ führen. Die zugehörige Fachgesellschaft ist die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD) beziehungsweise international die Medizinische Sektion am Goetheanum in der Schweiz.

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Bildnachweis: Stephanie Schweigert