Keine dicke Luft mehr

Auf das Konto von Luftverschmutzung geht weltweit gesehen jeder achte Todesfall. Doch das müsste nicht sein: Mit den richtigen Technologien und gesetzlichen Vorgaben ließen sich Atemwegs-Erkrankungen reduzieren.

Saubere Luft ist zum Luxusgut geworden. Überall auf der Welt lauern für die menschliche Gesundheit Gefahren durch Luftverschmutzung: von Afrika über die Großstädte Europas und Amerikas bis nach China.

Feuerstellen in Afrika: vor allem Frauen und Kinder betroffen
In Afrika und Asien ist vor allem offenes Feuer zum Kochen, Heizen und als Lichtquelle der Grund für dicke Luft. Rund drei Milliarden Menschen werden dadurch ernsthaften Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Frauen und Kinder leiden in Entwicklungsländern besonders unter der häuslichen Umweltverschmutzung, da sie viel Zeit zu Hause verbringen. Der Rauch, den sie durch das Verbrennen von Holz oder Kohle einatmen, enthält neben Ruß auch viele andere die Atemwege reizende Verbindungen, die sogar Krebs erregen können. Messungen haben ergeben: In manchen Gebieten Indiens ist die Luftverschmutzung im Haus dreimal höher als in einer typischen Straße in London und liegt damit deutlich über den empfohlenen Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Rauchfreie Kochstellen und Solarsysteme wären Lösungen für dieses Problem, haben aber vielerorts noch mit Akzeptanz-Problemen zu kämpfen.

Feinstaub westlicher Großstädte: gefährlicher als bisher angenommen
Die Verschärfung der Maßnahmen gegen Feinstaub kommt nicht von ungefähr, denn wer über längere Zeit einer erhöhten Feinstaubkonzentration ausgesetzt ist, muss mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko rechnen. Dies gilt bereits bei einer Belastung unterhalb der aktuellen EU-weiten Grenzwerte, heißt es in einer vom Münchner Helmholtz Zentrum vorgestellten Untersuchung, für die Daten von mehr als 100 000 Teilnehmern aus Deutschland, Finnland, Schweden, Dänemark und Italien  ausgewertet worden waren. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Feinstaubbelastungen ein deutliches Gesundheitsrisiko darstellen – und zwar ein größeres als bisher angenommen“, erklärt Annette Peters, Professorin am Institut für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum. Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler den Zustand der Teilnehmer und glichen diesen mit der Staub-Konzentration an deren Wohnort ab. Feinstaub besteht aus kleinsten Partikeln, die in die Lunge und sogar in das Lungengewebe und in die Blutbahn eindringen. Je nach Größe und Eindringtiefe der Teilchen sind die gesundheitlichen Wirkungen verschieden. Sie reichen von Schleimhautreizungen und lokalen Entzündungen in der Luftröhre und den Bronchien bis zu verstärkter Plaquebildung in den Blutgefäßen, einer erhöhten Thrombose-neigung oder Veränderungen der Regulierungsfunktion des vegetativen Nervensystems. Feinstaub stammt aus Abgasen von Autos, Kaminen oder Fabriken, aber auch aus Reifenabrieb. Allein in der Europäischen Union liegt der volkswirtschaftliche Schaden durch die reduzierte Lebenserwartung, die sinkende Leistungskraft und die steigenden Gesundheitskosten bei 300 bis 940 Mrd. Euro pro Jahr.
In der Europäischen Union müssen Städte ab Januar 2015 je nach Schwere und Dauer der Überschreitung der Feinstaub-Grenzen bis zu 824.000 Euro Strafe pro Tag zahlen. Um die dicke Luft in Städten zu verbessern, gibt es unterschiedliche Lösungsansätze. Singapur war die erste Stadt, die deswegen ein Maut-System für Fahrzeuge einführte, Städte wie Bergen, Bologna oder London zogen nach. Mit einer Innovation namens CityTrees hofft das Dresdner Startup Green City Solution Luft noch effektiver zu reinigen als Bäume. Die CityTrees sind Wand-Elemente aus Holz, an denen besonders klimafreundliche Pflanzen wie etwa Moose befestigt werden. Die Pflanzen wachsen vertikal und absorbieren Feinstaub, CO2 und Stickoxide. Ein CityTree soll jährlich etwa 30 Kilogramm Kohlendioxid und 37 Gramm Feinstaub binden und ist damit in etwa so leistungsfähig wie 20 gewöhnliche Straßenbäume. Für Berlin, der Stadt mit hierzulande vergleichsweise hohen Feinstaubbelastungen, könnten derartige CityTrees eine durchaus attraktive Lösung sein.

China: Weltmeister in Sachen Luftverschmutzung
In Sachen Luftverschmutzung ist China Weltmeister: Drei Viertel aller Smog-Todesfälle werden von der WHO dort registriert. In Peking sind die Feinstaubwerte katastrophal: Im Januar 2013 wurde dort ein Rekordwert von 845 Mikrogramm Feinstaub (PM2,5) gemessen und die Lebenszeit der Einwohner hat sich in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 15 Jahre verkürzt. In einem Gutachten der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaft heißt es, Peking sei wegen der Luftverschmutzung „für Menschen kaum bewohnbar“. Doch Peking ist nicht die einzige Stadt mit extrem schlechter Luft: Nur drei von 74 chinesischen Großstädten blieben unter dem staatlichen Grenzwert, der beim Vierfachen der WHO-Empfehlung liegt.
Einer der Hauptschuldigen für den Smog ist Chinas schmutzige Kohle, deren Verbrauch noch bis zum Jahr 2030 wachsen wird. Spätestens dann allerdings soll es mit der Luftverschmutzung bergab gehen, und der Anteil nicht-fossiler Brennstoffe an der Energieerzeugung soll auf 20 Prozent steigen, das hat der chinesische Präsident Xi Jinping auf dem Gipfel der Asiatisch–Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) Ende November 2014 verkündet.  Die Ankündigung Chinas gilt als Trendwende für den Klimaschutz. Denn China verursacht derzeit rund 27 Prozent der weltweiten Luftverschmutzung. Und das von Präsident Xi Jinping formulierte Ziel ist nicht leicht zu erreichen. Denn um einen Anteil der nicht-fossilen Brennstoffe von 20 Prozent zu erreichen, müssen 800 bis 1000 Gigawatt (GW) sauberer Kraftwerks-Kapazität erstellt werden, was nahezu den gesamten Anlagen zur Strom-Erzeugung in den USA entspricht. Nach Berechnungen chinesischer Wissenschaftler müssten dafür in China jede Woche vier Wind-Farmen mit einer Kapazität von 300 Megawatt (MW) ans Stromnetz gehen.
Um bei der APEC-Konferenz sauber dazustehen, ergriff man in China schon im vergangenen Jahr drastische Maßnahmen: So zogen fünf Städte in der nordchinesischen Provinz Hebei, die Beijing umschließt, kurzfristig 30 Prozent der Autos auf ihren Straßen aus dem Verkehr. In Peking selbst wurde ein Nummernschildsystem eingeführt, bei dem zehn Tage lang abwechselnd nur Autos mit geraden oder ungeraden Nummern die Straßen befahren durften. Zusätzlich zu der Reduktion der Fahrzeuge auf den Straßen entschied die Regierung, bestimmte Fabriken in der Stadt und den umliegenden Gebieten zu schließen. Die Luftqualität bei dem Treffen der APEC zu sichern, war für den chinesischen Vizeministerpräsident Zhang Gaoli kurzfristig die „Priorität aller Prioritäten“. Für viele Chinesen, die tagtäglich unter dem Smog leiden, ist es eine permante Notwendigkeit.

Grenzwerte

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit gelten seit dem 1. Januar 2005 europaweit Grenzwerte für die Feinstaubfraktion PM10 (Durchmesser weniger als 10 Mikrometer). Der Tagesgrenzwert beträgt 50 µg/m3 und darf nicht öfter als 35 mal im Jahr überschritten werden. Der zulässige Jahresmittelwert beträgt 40 µg/m3. Für die noch kleineren Partikel PM2,5 (weniger als 2,5 µm) gilt seit 2008 europaweit ein Zielwert von 25 µg/m3 im Jahresmittel. Seit 1. Januar 2015 ist dieser Wert verbindlich einzuhalten und ab dem 1. Januar 2020 dürfen die PM2,5-Jahresmittelwerte den Wert von 20 µg/m3 nicht mehr überschreiten. Die Weltgesundheitsorganisation geht noch weiter: Sie empfiehlt einen Grenzwert von 10 µg/m3.

Aktuelle Messungen
Daten bezüglich Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon sind tagesaktuell beim Umweltbundesamt nachzulesen.
www.umweltbundesamt.de

Foto: Monika Frei-Herrmann

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