Glücksmomente

Glück stellt sich nur für Momente ein und es ist flüchtig.
Allerdings können wir aktiv etwas tun, um dem Glück das Feld zu bereiten. Von Andrea Tichy

Die Schaukel schwingt sanft hin und her. Ich liege in der tellerförmigen Schaukel, die eigentlich nur für Kinder bestimmt ist. Aber so früh am Sonntag ist außer mir, meiner Tochter und meinem Enkel sowieso niemand auf dem Spielplatz. Über mir ist das hellgrüne Blätterdach einer Buche und wenn ich genau hinschaue, dann kann ich Gehäuse mit Bucheckern sehen. Viele. Ich liege einfach nur da und lasse mich von der Schaukel hin- und herwiegen. Seit einem halben Jahrhundert habe ich mir nicht mehr erlaubt, in solch eine Schaukel zu steigen. Plötzlich wird mir schlagartig klar: Dies hier ist reines Glück.

Schulung der Achtsamkeit

„Momente der Verzückung“ nennt Stefan Klein derartige Momente in seinem Bestseller „Die Glücksformel“. Es ist ein Zustand, in dem wir ganz gegenwärtig sind und Abschweifungen so wirkungsvoll ausblenden, dass sie unser Bewusstsein gar nicht erreichen. Und er zitiert dazu den Wissenschaftler Dan Gilbert. Als Psychologe an der Harvard-Universität hat dieser herausgefunden: Die meisten Menschen sind meist geistesabwesend. Und das hängt kaum davon ab, was eine Person gerade tut. Geistesabwesenheit gibt es bei der Arbeit genauso wie beim Spielen mit den Kindern, beim Sport wie beim Zusammensein mit Freunden. „Menschen sind am glücklichsten, wenn es ihnen gelingt, mit ihrer Achtsamkeit im Augenblick zu verweilen“, zieht Stefan Klein das Fazit.
Und wie lässt sich das am besten erreichen, mit Achtsamkeit im Augenblick zu verweilen? Achtsamkeit beginnt zunächst bei der Selbstwahrnehmung. Viele Methoden der Stressreduktion setzen dabei an, den Körper für einige Minuten bewusst zu spüren: Dem ansonsten so selbstverständlichen Ein- und Ausatmen Beachtung zu schenken (siehe Randspalte), eine Gedanken-Reise durch den Körper zu machen, von den Fingerspitzen bis zu den kleinen Zehen. Es gibt zahlreiche Methoden mit unterschiedlichen Namen, die Menschen dabei unterstützen, eine neue Wahrnehmung für den Körper zu entwickeln: Von der Atementspannung, über die Muskelentspannung bis hin zur Visualisierung. Letztlich geht es dabei darum, für einige Zeit aus dem Gedanken-Karussell auszusteigen.
Erfahrungsgemäß sind es gerade Tätigkeiten, die wir mit den Händen ausführen und die unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt zentrieren, die unsere Achtsamkeit auf unspektakuläre Weise schulen. Beispiel Kochen: Während das In-die-Mikrowelle-Schieben von Fertiggerichten im zeitknappen Alltag immer mehr um sich greift, wäre das Zubereiten von Speisen eine weitere Gelegenheit, unsere Achtsamkeit zu trainieren. Welch bunte Farben hat doch frisches Gemüse, wie unterschiedlich fühlt es sich an! Die gelbe Karotte beim Schälen, die tiefrote Beete, deren Saft kräftige Spuren auf Küchenbrett oder Händen zu hinterlassen vermag. Das Küchenmesser beim Schneiden richtig zu führen erfordert volle Konzentration und lässt für einen Augenblick alles andere in den Hintergrund treten. Wer achtsam kocht, der wird nicht nur mit einem Gefühl der Entschleunigung belohnt – mit der Zeit entspannen sich auch seine Geschmacksnerven, die von Zusatzstoffen in Fertiggerichten häufig abgestumpft wurden.
Unzählig sind die kleinen Momente des Lebens, die wir als Trainingsfeld in Sachen Achtsamkeit nutzen können. Für Linda Thomas hat sich ihr Leben verändert, seit sie als Putzfrau damit begann, ihre Arbeit mit Hingabe auszuführen. In ihrem Buch „Putzen?! – Von der lästigen Notwendigkeit zu einer Liebeserklärung an die Gegenwart“ berichtet sie eindrucksvoll von ihrer Verwandlung. Die Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe beschreibt die Herausforderung der kleinen Momente des Lebens so: „In kleinen Dingen wirkliche Größe und bei den öden Einzelheiten des Alltags wahrhaftigen Edelmut und Heldenhaftigkeit zu zeigen, ist eine solch seltene Tugend wie die, der Heiligsprechung würdig zu sein.“ Gerade in der Weihnachtszeit schaffen scheinbar altmodische Tätigkeiten Glücksmomente – sowohl für den Schenkenden als auch für den Beschenkten: Die Renaissance des Handarbeitens hat sicherlich mit der Sehnsucht zu tun, dem menschen­eigenen Drang des Selbstausdrucks eine sichtbare Form zu geben – vom Sticken bis zum Häkeln, vom Stricken bis zum Schneidern. Auch für den Beschenkten ist es etwas Besonderes, Selbstgemachtes zu bekommen. Seien es ein selbstgestrickter Schal, selbst gebackene Plätzchen, ein mit schönem Papier und edler Tinte geschriebener Brief. Denn ein mit Achtsamkeit erstelltes Geschenk ist heutzutage eine wahre Rarität.

Vorfreude und Genuss

Doch es gibt auch noch andere Möglichkeiten, Glücksmomente zu provozieren:„Beim Menschen entstehen gute Gefühle auf zweierlei Wegen: Wenn er etwas will – oder wenn er etwas bekommen hat, was ihm behagt“, schreibt Stefan Klein in seinem Sachbuch „Die Glücksformel“. Wer kennt sie nicht, die Vorfreude, die ganz unterschiedliche Formen annehmen kann. Die Vorfreude auf den eigenen Geburtstag oder Weihnachten mit der Aussicht auf schöne Geschenke, die man ganz stark als Kind empfindet. Bei Erwachsenen kann die Vision eines Apfels, der das Fastenbrechen einläutet, zu Vorfreude führen. Diese Glücksgefühle der Vorfreude und des Genießens lassen sich sogar im Gehirn-Scan sichtbar machen. So konnte der Neurowissenschaftler Hans Breiter von der Harvard-Universität zeigen, dass bei der Vorfreude ein Zentrum im Vorderhirn zu großer Tätigkeit aufläuft, das vom Lustmolekül Dopamin gesteuert wird. Und wenn wir genießen, werden körpereigene Opioide ausgeschüttet, Botenstoffe, die dem Opium ähnlich sind.
Es ist Glücksgefühlen also förderlich, Ereignisse zu planen, die Vorfreude in uns auslösen. Das kann das Treffen mit Freunden sein oder ein Urlaubs-Trip. Kein Wunder, warum das Buchen und Planen von Reisen bei uns so beliebt ist. Beim Genießen ist es übrigens egal, was den Glücksmoment auslöst: das kann eine heiße Dusche an einem Wintermorgen sein, eine Massage, gutes Essen oder kühles Bier. Stefan Klein beschreibt das folgendermaßen: „Was die Annehmlichkeit einer Massage von der eines kühlen Biers an einem Sommertag unterscheidet, ist nicht die Grundmelodie im Gehirn, sondern gewissermaßen das Instrument, das die Klänge erzeugt. Das eine Mal kommen Signale von den druckempfindlichen Sensoren auf der Haut, das andere Mal von Zunge und Gaumen. Haben die Sinnesreize jedoch das Gehirn erreicht, lässt es in beiden Fällen das gleiche Wohlgefühl entstehen.“

Das Leben in der Hand haben

Glück lässt sich aber auch prinzipieller betrachten, so wie der koreanische Mönch Haemin Sunim das tut. Mit seinen Erkenntnissen hat der studierte Religionswissenschaftler in den sozialen Medien mittlerweile eine große Fangemeinde gefunden. Seine Einsichten teilt der Lehrer des Zen-Buddhismus mit seinem Publikum weltweit über seine Podcast-Serie und einem eigenen YouTubeKanal. Er hat mehr als eine Million Follower bei Twitter und Facebook und ist einer der meistgelesenen spirituellen Autoren unserer Zeit (siehe auch Buch-Tipp). Ein bedeutungsvolles Element des Glücklichseins beinhaltet für ihn folgende Frage: „Habe ich die Führung meines Lebens in der Hand?“ Nach Haenim Sunims Erkenntnis fühlt man sich nämlich dann glücklich, wenn man sich mit etwas beschäftigt, weil man es selbst will; man fühlt sich nicht glücklich, wenn man bei der Entscheidung für seine eigene Zukunft nicht an sich selbst, sondern an die Erwartungen der Menschen um sich herum gedacht hat und sich schließlich mit etwas beschäftigt, zu dem man von diesen Leuten gedrängt wurde. „In diesem Fall hat man bedauerlicherweise die Führung seines Lebens nicht mehr selbst in der Hand und die Arbeit kommt einem, wie fantastisch sie für Außenstehende auch sein mag, sehr schwer vor“, so schreibt er. Haemin Sunim selbst gab seine Professur für Religionswissenschaft an einem College in Amerika auf und gründete dafür die „Schule der gebrochenen Herzen“ in Insadong in Korea. Ihr Ziel ist es, einen sicheren und fürsorglichen Raum für Menschen in schwierigen Lebenslagen, aber auch für alle, die an Spiritualität und persönlichen Wachstum interessiert sind, zur Verfügung zu stellen. Haenim Sunim selbst kennt die Angst und weiß, dass es enormen Mut erfordert, wenn man eine Arbeit aufgeben will, die einem ein gesichertes Leben gewährleistet. Auch er wusste anfangs nicht, wie sich das Ganze entwickeln würde. Er hielt aber die Zeit, in der er „im Dunkeln tappen musste“ durch und vier Jahre später eröffnete er eine weitere „Schule der gebrochenen Herzen“. Es ist ein Ort geworden, an dem rund dreitausend Menschen pro Jahr zusammen mit etwa fünfzig Lehrern eine Zeit der Heilung und des Wachstums verbringen. Einem Studenten, der das juristische Staatsexamen nicht schaffte, riet er beispielsweise: „Es ist schon in Ordnung, wenn Du sagst, dass du das nicht kannst. Frag dich selbst und nicht die anderen nach dem Weg, der zu dir passt und setze dann langsam einen Fuß vor den anderen. Dann kannst Du schließlich viel glücklicher werden, als es dir das Bestehen des juristischen Staatsexamens ermöglicht hätte.“

Glücksmomente sind Kraftmomente

Seinen eigenen Weg ist auch der ehemals leitende Lebensmittelkaufmann Georg Sedelmaier immer gegangen – trotz mancher Aufgaben, die seinen Kollegen nicht bewältigbar erschienen. Gerade die Herausforderungen, die ihn in seiner Kreativität auf die Probe stellten, erwiesen sich im Nachhinein als die größten Lehrmeister. Dem 75jährigen Öko- und Sozial-Aktivisten ist schon auf den ersten Blick anzusehen, dass er das Glücklich-Sein in besonderer Weise kultiviert hat. In seinem Buch „Glücksmomente sind Kraftmomente“ beschreibt er viele Situationen, in denen er Glücksmomente erfahren hat: Bei schöpferischen Pausen, beim Bergwandern, auf seinen Reisen, beim Meditieren oder Beten.
Eine ganz besondere Glücksquelle ist für den Gründer der Interessensgemeinschaft für gesunde Lebensmittel jedoch die Begegnung mit anderen Menschen. Gerne zitiert er den französischen Autor Antoine de Saint Exupéry, von dem folgendes Zitat überliefert ist: „Es gibt nur einen echten Luxus und das sind die menschlichen Beziehungen.“
Das deckt sich auch mit den Ergebnissen des amerikanischen Psychologen David Niven. Hunderte von Studien zum Thema Lebenszufriedenheit hatte der Wissenschaftler ausgewertet um „Die 100 Geheimnisse glücklicher Menschen“ zu entschlüsseln. Das Ergebnis seiner Arbeit zeigt, dass eine der wirkungsvollsten Strategien, um zu Lebenslust zu gelangen, der Aufbau und die Pflege von Beziehungen ist. Nicht weniger als 70 Prozent des persönlichen Glücks hängen von der Anzahl der Freunde/Freundinnen, der Intimität der Freundschaften, der Nähe innerhalb der Familie sowie von den Beziehungen zu ArbeitskollegInnnen und Nachbarn ab. Doch wen kann man als Freund zählen? Es sind die Menschen, denen man sich verbunden fühlt.

Eine Minute
Wie sich die Aufmerksamkeit schnell fokussieren lässt
Suchen Sie sich einen Raum, in dem Sie für einige Zeit unge- stört sein können. Achten Sie darauf, aufrecht zu sitzen und lehnen Sie sich nicht mit dem Rücken an. Atmen Sie ganz bewusst drei tiefe Atemzüge und konzentrieren Sie sich besonders auf das Ausatmen. Mit dem vierten Atemzug begleiten Sie Ihr Atmen durch langsames Mit­zählen der einzelnen Atmungen.
Versuchen Sie nicht, die Atmung zu verändern, nicht schneller oder langsamer zu werden, sondern konzentrieren Sie sich nur auf das, was ohnehin Ihr Körper für Sie übernimmt. Schließen Sie Ihre Übung mit dem Dank an das Leben ab, das in Ihnen und für Sie atmet.

Buch-Tipp
Stefan Klein
Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen

Der Sachbuchklassiker machte den Wissenschaftsautor Stefan Klein bekannt. Denn ihm ist mit diesem Buch etwas Einzigartiges gelungen: Er erzählt unterhaltsam und kompakt, wie die guten Gefühle entstehen und ermöglicht uns so, unserem Leben eine glückliche Wendung zu geben.

S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-18770-6
9,99 Euro, 420 Seiten

Buch-Tipp

In der Stille findet das Glück dich leichter
In unserem hektischen Leben wissen wir oft nicht, wer wir sind und was wir uns wirklich wünschen. Unsere Aufmerksamkeit ist hauptsächlich nach außen gerichtet, und weil wir allein dadurch schon ausgelastet sind, haben wir keine ruhige Minute, um innezuhalten und nachzusinnen, wie es uns gerade geht, was für ein Leben wir führen möchten und an welchen Werten wir uns orientieren wollen.

Scorpio Verlag
Aus dem Koreanischen von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer
ISBN 978-3-95803-309-2
18,00 Euro, 290 Seiten

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