Gießen verboten

Jeder umgibt sich gern mit Grün. Es muss nicht unbedingt lebendig sein, findet die Firma Stylegreen. Sie stellt konservierte Moosbilder her. Quell-Reporterin Christine Mattauch besuchte die Werkstatt im bayerischen Höhenkirchen.

In der ehemaligen Schreinerhalle lässt sich einiges über Wahrnehmung lernen. „Ist das echt?“ fragen die Kunden, wenn sie den Showroom betreten. Und: „Wie oft muss ich gießen?“ Obwohl es in jeder Broschüre steht, und obwohl sie genau deshalb hier sind: Die Pflanzen- und Moosbilder von Stylegreen sind konserviert. Und damit pflege- leicht. Natur Light – aber dafür pflegeleicht „Genießen statt gießen“: Das ist die Geschäftsidee des Start-Ups in Höhenkirchen, einer 10.000-Einwohner Gemeinde im Münchner Umland. „Die Leute möchten sich ein Stück Natur in ihr Zuhause holen oder ins Büro“, sagt Niklas Guggenberger, einer der beiden Gründer. „Es ist ein sehr emotionales Ding.“ Doch weil der Mensch nicht nur aus Gefühl besteht, sondern auch aus Ratio, empfinden viele ein Grün, das man nicht pflegen muss, als guten Kompro- miss. Guggenberger und sein Freund Lukas Dinger, beide 28 Jahre alt, begannen ihre Unternehmerkarriere interessanterweise mit lebenden Pflanzen, beim Münchner Start-up Flowerart. Dessen Idee, Zimmergrün als Wandbild online zu vertreiben, lief allerdings nicht besonders gut. Zufällig entdeckten die Freunde während eines Urlaubs im spanischen Valencia konservierte Rosen – eine alte Tradition. Guggenberger und Dinger übernahmen Flowerart und stellten auf Trockenprodukte um. Sie spezialisierten sich auf Wald-, Kugel- und Islandmoos. Auf Platten geklebt und gerahmt, wirkt es wie eine Miniatur-Landschaft – Hingucker und Ruhepunkt zugleich. Alternativ gibt es die Dschungeloptik, mit Farnen, Eukalyptus und Gräsern. Neben Bildern hat Style- green Buchstaben im Angebot und Piktogramme wie Toilettenmännchen. Die Pflanzen werden mit Glycerin und Lebensmittelfarbe natürlich konserviert. „Mumifiziert ist der richtige Begriff“, sagt Guggenberger. Vorsichtig anfassen ist erlaubt, Gießen hingegen würde die Konservierung zerstören. Ist das nicht irgendwie pervers, wenn sich Leute, die sich nach Natur sehnen, mit Pflanzen-Mumien umgeben? Kommt auf die Betrachtung an. Wohl jeder kennt Büroflure, in denen halb vertrocknete Gummibäume und faulige Yucca-Palmen ein pflanzenunwürdiges Dasein fristen, weil entweder zu viel gegossen wird oder zu wenig. Da ist ein immergrünes Bild womöglich die bessere Alternative. Guggenberger hat, wie er ein ums andere Mal betont, überhaupt nichts gegen lebendige Pflanzen. In seiner häuslichen Küche bewirtschaftet er sogar eine kleine Kräuterwand. „Wir schließen einander nicht aus“, betont er. Viele Menschen halten es für ökologisch und gesund, sich mit lebenden Pflanzen zu umgeben, weil sie Schadstoffe aus der Luft filtern und das Mikroklima günstig beeinflussen. Guggenberger bezweifelt das, jedenfalls wenn es um großflächige Installationen geht. „Sie funktionieren mit Wasserpumpen, die viel Energie verbrauchen.“ Zudem werde häufig Chlor zugesetzt, um zu vermeiden, dass das Wasser stinkt und Parasiten anzieht. Und immer ist da, na klar, der Wartungsaufwand. Floristinnen fertigen die Moosbilder von Hand. Vorsichtig nimmt Melanie, eine junge Frau mit Pferdeschwanz, ein Polster nach dem anderen aus einer Pappschachtel und entfernt Erdreste. Sie werden auf der Bildplatte mit einem Spezialkleber befestigt, der aussieht wie eine weiße Paste und geruchs- und lösungsmittelfrei ist. Vier bis sechs Stunden braucht Melanie für ein mittelgroßes Bild. „Es ist ein bisschen wie ein Puzzle“, sagt sie und wischt die Hände an ihrer roten Schürze ab. Die Dekore sind festgelegt, ungefähr jedenfalls, die Natur lässt sich keine Vorschriften machen.

Der Airport wollte ein Moos-Flugzeug
Über Auftragsmangel kann Stylegreen nicht klagen. Die Firma, die heute 19 Mitarbeiter beschäftigt, setzte im vergangenen Jahr bereits 1,3 Millionen Euro um und schreibt schwarze Zahlen. Zu den Kunden gehören Kanzleien, Arztpraxen und mittelständische Unternehmen. Ihren bislang größten Auftrag hatten sie in Polen, wo sie für die Schweizer Bank Credit Suisse 15 Dschungelwände bestückten. Auch der Münchner Flughafen hat schon bestellt, ein 47 Quadratmeter großes Moosbild in Flugzeugform. Krisen, wie sie andere Gründer durchstehen müssen, kennen sie nur vom Hörensagen. Das schlimmste Erlebnis war ein Platzregen, der das Gebäude im Juli 2015 unter Wasser setzte, kurz bevor sie einziehen wollten. Während der Boden erneuert wurde, arbeitete das Team im Garten, und wenn die Sonne brannte, füllte der Chef  ein Planschbecken. Lebende Pflanzen hätten die Hitze kaum überstanden, doch ihren Moosen machte sie nichts aus.

Nachhaltiger Anbau
Stylegreen bezieht seine Moose von einer finnischen Firma, die nur einmal im Jahr erntet und den nachhaltigen Anbau per Zertifikat nachweist. Sich aus Osteuropa beliefern zu lassen, wäre deutlich günstiger, aber es ist unklar, unter welchen Bedingungen die Moose dort geerntet werden. Konsequenz hat ihren Preis: Ein Kugelmoosbild in Laptopgröße kostet bei Stylegreen mindestens 149 Euro. Wer eine ganze Wand individuell begrünt haben will, zahlt pro Quadratmeter zwischen 500 und 1.000 Euro.

www.stylegreen.de

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Bildnachweis: FlowerArt GmbH